Der Wind raschelt leise durch die Bäume rund um das Fairway von Bahn 15. Vögel zwitschern sich zurückhaltend, fast vornehm ihr Liedchen über den englischen Rasen zu. Und Christian Ulmen stöhnt laut und brunftig, während er sich vornüberbeugt und den Hintern mit einem Zweigbüschel versohlen lässt. Die Kamera hält dicht drauf. Die Blicke der vorbeiziehenden Golfer sprechen Bände: Das gehört sich nicht. Nicht hier, im Golfresort. Es sind die letzten Szenen von Ulmens neuer Serie „Snobs – Sie können auch ohne dich“ auf den Grüns von Semlin.

PRINZ: Herr Ulmen, vier Wochen haben Sie und Ihr Team im Golfresort Semlin in Brandenburg gedreht und gelebt. Welche Regeln hat man Ihnen hier beigebracht?
Ulmen: Nur die, die wir im Vorfeld schon kannten – und die die Snobs in dieser Serie auch brechen. Dass man nicht raucht. Wir rauchen. Dass man die Divots, die rausgehauenen Grasstücke, selbst zurücklegt. Das machen wir auch oft nicht. Die Serie ist ein einziger Bruch mit allen möglichen Konventionen.

Sie mussten die Dreharbeiten heute einige Male unterbrechen. Sind die Bedingungen hier anstrengender als anderswo?
Sie meinen wegen der lauten Mähmaschinen, die den Rasen trimmen? Das ist normal und aushaltbar. Wenn du in Kreuzberg in einer Kneipe drehst, gibt es Autos, die da rumfahren und hupen. Oder es kommt ein Betrunkener rein und kotzt in die Kneipe. Wenn du am Hafen drehst, dröhnt die Schiffssirene. Hier hat man eben die Rasenmäher.

Und die herumfliegenden Golfbälle?
Das war das Einzige, wovor ich Schiss hatte: einen Golfball an den Kopf zu kriegen. Weil hier natürlich auch Leute spielen, die nicht so erfahren sind. Und es kann selbst erfahrenen Spielern passieren, dass das Ding mal zur Seite abhaut. Die Gefahr ist aber recht klein. Ich habe gehört, dass beim Golfen mehr Leute durch Blitzschlag ums Leben kommen als durch Golfbälle. Weil du allein auf weiter Flur bist, trifft dich der Blitz leichter. Das hat mich beruhigt.

Wovon handelt die Serie „Snobs“ wirklich?
Es geht um das eigene Regelwerk, das man in sich trägt, und die Ablehnung anderer Regelwerke. Um Arroganz, um Freundschaft und um Liebe. Die Liebe zwischen zwei Snobs und einem Wurstjungen. Es ist im Grunde dieses „My Fair Lady“-Ding. Dass man sich arrogant jemanden ranholt, den man erst mal ablehnt. Aber mit der Zeit lernt man ihn lieben.

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Was für eine Art von Snob ist Astor, Ihr Charakter in der Serie?
Es ist so lästig, das zu erzählen. Figurenbeschreibung finde ich immer wahnsinnig öde und langweilig. Astor ist ein unfassbar großkotziger Nervtyp, der seine eigenen Gesetze hat. Und alle, die seine Gesetze nicht befolgen, bekommen eine Ohrfeige. Er ist ein Arschloch, ein Choleriker, Hysteriker, wird schnell wütend und aufbrausend, ist wahnsinnig zügellos. So einer ist das. Das muss man sich anschauen.

Tragen Sie auch privat einen Snob in sich?
Jeder trägt einen Snob in sich. Jeder Mensch hat seine eigenen Vorstellungen und findet alles andere furchtbar, was dem widerspricht. Ich zum Beispiel bin beim Autofahren ein Snob. Leider. Ich bin ein unglaublich arroganter Autofahrer. Ich habe aber auch erst seit vier oder fünf Jahren meinen Führerschein. Im Grunde bin ich 22 Jahre alt hinter dem Steuer, halte mich wirklich für den besten Autofahrer der Welt, und alle anderen können es nicht. Nur ich. Das ist wahnsinnig snobistisch.

Wie äußert sich das im Verkehr?
Nur weil ich einen Kick-down mache, wenn die Ampel auf Grün springt, erwarte ich das auch von allen anderen. Aber wenn Leute langsam anfahren an der Ampel, denke ich: ,Was für ein Idiot.‘ Am tollsten ist Autofahren übrigens in Polen. Da machen alle den Kick-down an der Ampel. Das ist unfassbar rasant. Alle fahren 80 in der Stadt. Es passiert aber nichts, weil alle so fahren. Und ich frage mich immer: Warum können wir nicht alle fahren wie in Polen? Jedenfalls merke ich daran, dass ich snobistische Züge in mir trage. Und darum glaube ich, dass Leute mit dieser Serie etwas anfangen können: weil sie an den Snob in jedem appelliert.

Sie haben sich heute in den Drehpausen oft vom Team entfernt und Musik gehört. Sind Sie bei Dreharbeiten immer so in sich gekehrt?
Der Eindruck täuscht. Heute hatte ich zum Beispiel sehr ruhige Szenen. Rumstehszenen. An so einem Tag, an dem ich nicht viel Text und relativ einfache Szenen zu spielen habe, gehe ich generell in den Meditationsmodus. Weil der Tag sonst stinklangweilig wird. An anderen Tagen mit schwierigen Szenen, an denen ich mich prügeln oder schreien muss, da bin ich laut und fordernd, vielleicht sogar anstrengend für Kollegen, um den Energiepegel oben zu halten. An Tagen, an denen es laut und schwierig wird, bin ich auch laut und schwierig.

Die Serie sollte zunächst nur auf dem Internetportal 3min.de gezeigt werden. Nun läuft sie erst dort, danach in einer anders geschnittenen Version beim Fernsehsender ZDF neo. Haben Sie das Geheimrezept gefunden, was speziell im Internet und was im Fernsehen funktioniert?
Es funktioniert alles gleich. Es ist nicht richtig, wenn man sagt: Ich mache das im Netz, weil ich es im Fernsehen nicht machen kann. Man kann alles im Fernsehen machen. Es läuft auch alles. Es gibt keine Tabus mehr. Das Internet bietet einfach die Freiheit – und das ist der einzige Unterschied -, dich vorher nicht mit Redakteuren herumschlagen zu müssen. Du kannst mit deiner Idee sofort an den Zuschauer ran. Und ich glaube, dass die Sehgewohnheit im Moment noch eine andere ist. Die Leute wollen Clips sehen. Sie wollen sich nicht 45 Minuten vor den Computer setzen. Im Internet möchte man krasse Sachen sehen. „Rosamunde Pilcher“ würde im Netz nicht funktionieren. Es darf nicht lieb sein.

Interview: Sascha König