Die Türsteher und ich, wir sind keine Freunde geworden, nein, das wäre zu viel verlangt. Aber wir haben uns verstanden. Anfänglich gaben sie mir das Gefühl, dass ich nur der dürre Idiot sei, der heute Nacht mal richtig Action sehen und erleben will. Wollte ich aber gar nicht. Ich wollte Türsteher sein, um zu wissen, wie es sich anfühlt, über den Spaß anderer zu entscheiden und damit über den Verlauf einer Nacht. Ich wollte der Schleuser sein, der die Besucherströme kontrollierte, die an diesem Samstag in den Club flossen. Und so war das.

Mit verschränkten Armen stehe ich vor der Tür, warte und beobachte. Vor mir staut sich die Besucherschlange. Einlassstopp. Seit 40 Minuten steht eine Frau vor mir und klemmt ihren Busen zwischen die schlanken Oberarme, um ihrem Dekolleté Auftrieb zu geben. Ich lehne am Absperrgitter, lache mein männlichstes Lachen und presse die gekreuzten Arme an meine Brust, damit ich muskulöser aussehe. „Und du bist hier Türsteher?“, fragt sie mich. „Ja“, sage ich. Kurz antworten, lerne ich schnell, ist Türsteher-Sprache. Präzise Ansagen, eindeutige Aussagen. Sie erzählt mir aus ihrem Leben, ich nicke. Als sie endlich vorbeidarf, wirft sie mir einen süßlichen Blick zu, den ich nicht mag. Dann verschwindet sie aus meinem Sichtfeld.

Eine Minute später: ein Tumult! Ich sehe das Dekolleté-Mädchen diskutieren. Einer der Türsteher ruft mich zu sich. Jetzt. Mein erster Einsatz. Mein Herz schlägt. „Kennst du sie?“, fragt mich der größte der vier Türsteher. Sein Gesicht ist düster. „Na ja. Nee. Flüchtig.“ Er dreht sich zur Kassendame, zu ihr und dann wieder zu mir. „Sie behauptet, sie kennt dich, und würde gern umsonst rein.“ Ich sehe sie mit meinem strengsten Blick an. Sie wird rot, zahlt, geht rein und ruft zum Abschied ein Schimpfwort. An meinen Kollegen perlt es ab, an mir bleibt es haften. Ich bin verletzt. Erste Erkenntnis: Türsteher haben keinen Sex, Türsteher haben falsche Freunde.

„Es ist nicht immer leicht“, sagt einer meiner Kollegen, nachdem das Mädchen in der Nacht verschwunden ist. „Wir werden oft beschimpft“, erklärt er. Reagieren dürfe er dann nicht. „Manchmal wird es zu viel, manchmal tut es weh, und dann brauche ich eine Auszeit.“ Ich bin verblüfft, wie weich und zart das Wesen eines Türstehers sein kann, dessen Schultern und Gesicht aus Beton zu sein scheinen.

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Mittlerweile ist es zwei Uhr früh. Die ersten Ströme sind verebbt. Müde baumelt die Kordel, die Gäste in geordneten Bahnen halten soll. Die Türsteher, Kassendamen und ich stehen herum, die Hälfte der Nacht haben wir geschafft. Manchmal kommen Gäste und fragen: „Was für Musik läuft denn heute?“ Ich bleibe bei der kurzen Rede, sage „Techno“ oder „HipHop“. Die anderen erzählen mir Geschichten aus dem Nachtleben. Von betrunkenen Gästen, Schlägereien und Messerstechern. „Früher, als alle druff waren, passierte viel mehr als heute, da war es immer etwas heikler“, sagt einer der Türsteher. Schusssichere Westen tragen sie immer noch. Ich habe keine bekommen. Es ist drei Uhr nachts. Ich werde eingeteilt, die Taschen zu kontrollieren. Wollte ich schon immer mal machen. Die zweite Welle beginnt. „Ich bin 23“, sagt ein Mädchen, das aussieht, als hätte es Sommerferien und bereite sich auf die elfte Klasse vor. „Ja? Wann bist du geboren?“ „1993, äh, 1992.“ „Und an welchem Tag?“ „Was für ein Tag ist heute?“, antwortet sie frech. „Ich wünsche dir noch eine schöne Nacht“, sagt der Türsteher seelenruhig. Netter Kollege.


Vor mir staut es sich wieder. Ich schaffe es nicht, die Taschen schneller zu kontrollieren. Dabei sind mir die Arbeitsschritte inzwischen vertraut: Taschenlampe an, Tasche auf, von unten gegen drücken, damit die schweren Sachen nach oben kommen. Ich finde keine Messer, keine Pistolen. Dafür aber Tampons bei den Frauen, Kondome und alte Schlüpfer bei den Männern. Ziemlich eklig. „Ich habe kein Messer dabei“, sagt ein Mädchen mit Alkoholfahne. Diesen Satz höre ich gerade zum zehnten Mal, finde ihn nicht mehr lustig. Am Anfang habe ich noch gekontert, jetzt wühle ich stoisch durch fremde Handtaschen. „Nein, kein Messer“, sage ich. „Aber was willst du mit der Flasche Whisky?“ Keine Antwort. Ich nehme die Flasche und stelle sie hinter die Kasse auf den Boden. Fast so schlimm wie Waffen sind selbst mitgebrachte Getränke. Schadet der Kasse. In meiner Schicht konfisziere ich vier leere Flaschen („Wollte sie auf dem Klo mit Leitungswasser auffüllen“), zwei Schnapsflaschen („Es ist so teuer, im Club Alkohol zu kaufen“) und eine Flasche Shampoo. Warum ich die einbehalte? Weil ich es kann.

Es wird fünf. Die zweite Welle ist vorbei. Meine Kollegen essen monströse Döner. Ich frage mich, ob es extra Türsteher-Portionen gibt, so wie Fernfahrer-Portionen an Tankstellen. Ich rauche. Und trinke Red Bull. Die Müdigkeit schlägt gnadenlos zu. Ich gähne die Kassendame an und die ersten Gäste, die betrunken zum Ausgang wanken. Setze mich auf einen Barhocker, ziehe die Beine an und bin einfach nur müde. Jeder Gast verabschiedet sich mit einem blöden Spruch. Besonders oft höre ich: „Viel Spaß. Ach nee, ihr müsst ja arbeiten.“ „Haha“, lache ich sie gespielt an. Spacken. Halb sechs. Noch 200 Gäste auf der Tanzfläche. „Werden die nicht müde?“, denke ich, während ich das erste Mal wegnicke. Ich wache nur auf, weil mein Kopf aus meiner Hand rutscht.

Vereinzelt wollen Gäste noch in den Club, verhandeln mit der Kassendame, ob sie Rabatt bekommen. Hauptsächlich Touristen. „Wir sind vier Leute. Kommen wir für drei rein?“ Müde stimmt die Kassiererin zu. „Ausweis“, sage ich gelangweilt. Dabei hat die Frau, deren Ausweis ich sehen will, mehr Falten als Courtney Love. Aber es geht ums Prinzip.

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Die anderen Türsteher reden über Thaiboxen. Ich höre mir lieber Beziehungsgeschichten der Kassiererin an. Dann wird es laut. Die Lethargie löst sich sofort, ich sehe die besorgten Gesichter der muskulösen Männer. Sie sprechen in ihre Funkgeräte. In diesem Moment hätte ich auch gern ein Funkgerät – und so eine schusssichere Weste. Sie stoßen mich zur Seite, rennen zum Eingang. Die Sicherheitsleute aus dem Club haben einen Typen im Nacken gepackt und schmeißen ihn raus. Mein Adrenalin hat mich fest im Griff. Er flucht, schreit, wehrt sich gegen die harten, gezielten Griffe. „Ihr Spasten“, keift er. Seine Pupillen sind riesig, seine Kiefer mahlen wie Mühlsteine. Er zappelt und zittert. „Was habe ich denn gemacht?“, fragt er mit hoher Stimme. Alles geht so schnell. Gerade eben noch hat er fremden Frauen an den Hintern gefasst und dabei manisch gegrinst, nun sitzt er wimmernd auf einem Bordstein.

„Meine Jacke“, schreit er panisch. „Wo ist meine Jacke? Ich bring‘ euch alle um.“ Ein Türsteher geht zu ihm, lässt sich die Jackenmarke geben, er gibt sie mir. Ich darf die Jacke holen. Muss durch den Club. Die letzten tanzenden Leute erkennen mich, den Dünnen von der Tür. Sie weichen mir respektvoll aus. Jeder ist besoffen. Nicht betrunken. Richtig besoffen. „Firestarter“ von The Prodigy läuft. Die Leute hopsen frenetisch über den Floor und stören meine Mission, die Jacke zu holen. Zurück an der Tür gebe ich dem armen Tropf davor seine Jacke. Er bibbert wie eine nasse Katze. „Spasten, ich habe doch nichts gemacht“, flüstert er erschöpft, während er zu dämlich ist, sich anzuziehen. Dann verschwindet er endlich.


Harter Beruf, denke ich, als die letzten Minuten meiner Schicht vergehen. Vielleicht sogar Berufung. Türsteher wird man wohl, weil man Muskeln hat und entscheiden kann. Dumm sein gilt nicht. Verletzlich sein erst recht nicht. Eine Nacht reicht, für diesen Job bin ich zu sehr Heulsuse. Außerdem würde ich die Hälfte der Leute nicht reinlassen. Aus Spaß.

Nachdem wir Absperrung und Betrunkene weggeräumt haben, trinken wir zu fünft noch einen letzten Milchkaffee. Draußen wird es langsam hell. „Ui heiß, Scheiße. Hab‘ mich verbrüht“, flucht einer der Türsteher. „Musste pusten“, sage ich – und fühle mich wenigstens einmal hilfreich.

Thilo Mischke