Alternde Männer in gefährlichen Stadtvierteln besitzen oft einen recht vehementen Gerechtigkeitssinn. Charles Bronson sah rot und rächte seine Familie, Clint Eastwood hob in „Gran Torino“ eine Gang aus; nun räumt Michael Caine unter Dealern, Junkies und Mördern auf. Dabei beginnt „Harry Brown“ als trauriges Drama eines einsamen Mannes. Und als präzise Milieuschilderung. Harry lebt in einer tristen Londoner Plattenbausiedlung. Er macht stets sein Bett, spült Geschirr, spielt Schach mit seinem einzigen Freund und stellt Blumen aufs Grab seiner Frau, das neben dem seiner Tochter liegt. Von seinem Fenster aus beobachtet er Vandalismus und Gewalt. Den Tunnel, in dem die Jugendlichen des Viertels dealen – und seinen Freund töten. Die Polizei ist bürokratisch, und Harry hat nun niemanden mehr. Und nichts zu verlieren. Also lädt der Ex-Marine seine Pistole und räumt selbst auf. Bedächtig geht er zur Sache, er ist alt, gebrechlich, und Michael Caine spielt ihn würdevoll, anrührend – großartig. Mutig betritt er einen Kosmos der Gewalt, und den zeichnet Debüt-Regisseur Barber in düsteren, nüchternen Bildern, stellt Fragen nach Recht und Moral. Was ist schon ein Schuss ins Knie, wenn die Straßen dadurch sicherer werden?

Christina Bednarz