Über einen Mangel an Kritikern konnte sich George W. Bush während seiner achtjährigen Amtszeit als US-Präsident wahrlich nicht beklagen. Dass aber ausgerechnet Kanye West für den schlimmsten Moment in Bushs Präsidentschaft verantwortlich sein soll, ist zumindest erstaunlich.

Es war im Jahr 2005, kurz nachdem der Hurrikan Katrina über New Orleans hinweggefegt war. In einer Spendenshow zugunsten der Opfer sprach Kanye West den Satz, der berühmter wurde als jeder seiner Rap-Verse: „George Bush doesn’t care about black people.“ West warf Bush vor, sich nicht um die überwiegend schwarze Bevölkerung zu kümmern, die unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen im Footballstadion der Stadt wohnen mussten, nachdem der Sturm ihre Häuser zerstört hatte. In einem Fernsehinterview sprach Bush kürzlich erstmals über den „widerlichen Moment“, der ihn offenbar schwerer traf als der 11. September oder der Irak-Krieg.

Wie vor ihm bereits Public Enemy oder 2Pac spielt Kanye West perfekt auf der Klaviatur von Pop und Politik. In einer Zeit, in der Mainstream-Musik so unpolitisch wie selten zuvor daherkommt, äußert sich West zu jeglichen Themen, über die er sich auch nur ein paar Gedanken gemacht hat. Manchmal verliert er sich in Verschwörungstheorien, etwa wenn er behauptet, die Regierung habe Aids verbreitet, um „unerwünschte Leute“ loszuwerden.

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Manchmal sind Wests Verlautbarungen aber durchaus revolutionär. Als er sich öffentlich gegen die allgegenwärtige Homophobie im HipHop aussprach, wusste er, dass dieses Thema für ihn zum Bumerang werden würde. Prompt wurde getuschelt, ob West, der einen homosexuellen Cousin hat, möglicherweise selbst schwul sei. Seine Vorliebe für extravagante Outfits und spektakuläre Auftritte befeuerten die Gerüchte. West war es egal. Sein Selbstbewusstsein ist nicht zu erschüttern. In einer Nation der allgemeinen Verunsicherung geht er mit gutem Beispiel voran und klopft sich unermüdlich selbst auf die Schulter. Tiefstapelei ist für ihn nichts als „heuchlerische Hollywood-Bescheidenheit“. Mit seinem Glauben an sich selbst funktioniert er als Vorbild für Selbstverwirklichung in einem Land, in dem Erfolg alles ist und Misserfolg nichts. Sein ehemaliger Co-Produzent Jon Brion könnte sich ihn gut „als Selbsthilfe-Guru“ vorstellen.

West weiß, wie gut er ist, und es macht ihm Spaß, die Welt darauf hinzuweisen. Das Selbstmitteilungsportal Twitter ist daher wie gschaffen für ihn. Seine Tweets sind in den USA so beliebt wie berüchtigt, sie entsprechen dem Selbstdarsteller also perfekt. Einmal schickte er innerhalb von zwei Stunden 100 Posts über seinen Account. Die Tirade begann bezeichnenderweise mit den Worten: „Mann, ich liebe Twitter … ich war immer der Gnade der Medien ausgeliefert, aber das ist vorbei …“ Bei so viel missionarischem Eifer mutet es beinahe ironisch an, dass Kanyes Karriere als Mann im Hintergrund begann. Um die Jahrtausendwende belieferte er Stars wie Alicia Keys oder Jay-Z als Produzent mit Nummer-eins-Hits. 2001 war er zudem entscheidend beteiligt an „The Blueprint“, dem besten Album in der Karriere von Jay-Z. Dieser Meilenstein der HipHop-Geschichte machte West zum gefeierten Produzenten der Branche. Für West die ideale Gelegenheit, aus dem Schatten ins Rampenlicht zu treten. Sein Debütalbum „The College Dropout“ widerlegte 2004 die These, dass gute Produzenten keine guten Rapper sein können.

Inzwischen denkt der Visionär längst in größeren Dimensionen: „Ich habe entschieden, der beste Rapper aller Zeiten zu werden.“ Große Klappe, aber schon die Musik des Debüts war entsprechend: „The College Dropout“ wurde von Kritikern gelobt und von den Fans geliebt, das Album erreichte dreifachen Platinstatus in den USA. Mit den Folgealben „Late Registration“ und „Graduation“ festigte Kanye seinen Status als Erneuerer des Genres, der Grenzen auslotet, ohne seine Massenwirkung aufs Spiel zu setzen. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs ließ er sich für das Cover des „Rolling Stone“ von David LaChapelle als Jesus in Szene setzen.

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Zeitgleich mit seinem Aufstieg zum kompromisslosesten Popkünstler des Jahrzehnts, begann in der Öffentlichkeit jedoch auch seine Wahrnehmung als Wahnsinniger. Gleich dreimal fiel er bei MTV-Preisverleihungen negativ auf. 2006 stürmte er bei den europäischen Awards in Kopenhagen die Bühne, als Simian den Preis für das beste Video entgegennahmen. Er habe diesen Preis verdient, rief er ins Mikrofon und lieferte gleich eine Begründung mit, die ihn und seine Weltsicht erklärt: „Mein Video kostete eine Million Dollar, Pamela Anderson spielt darin mit, und ich bin über Schluchten gesprungen!“

Ein Jahr später rastete West bei den Awards in Las Vegas aus, als er zeitgleich mit Britney Spears auf einer kleineren Bühne auftreten musste. Er warf dem Sender Rassismus vor und boykottierte daraufhin alle Veranstaltungen von MTV für über ein Jahr. Eine Pause, die er vielleicht lieber noch ein wenig verlängert hätte – es hätte ihm seinen folgenschwersten Ausraster erspart. Als er 2009 die Country-Teenagerin Taylor Swift in ihrer Dankesrede unterbrach, verstanden ihn sogar seine Fans nicht mehr. West war der Meinung, dass nicht Swift, sondern Beyoncé den Preis verdient hätte. Der Vorfall sorgte in den USA für Empörung, selbst Barack Obama bezeichnete West als „Idioten“. Die anschließende Medienschelte setzte dem Musiker sichtlich zu, er verprügelte Paparazzi und plagte sich mit Suizidgedanken. Auf seinem neuen Album „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ verarbeitet er diese dunkle Phase. Wer so gern so öffentlich lebt wie er, kann gar nicht anders.

Auch Kanyes kommerzieller Ehrgeiz ist angestachelt. Sein experimentelles letztes Album „808’s & Heartbreak“ verkaufte sich deutlich schlechter als alle davor. Grund genug für die ganz große Geste. Als Vorboten der Platte veröffentlichte er den 35-minütigen Mammutmusikclip „Runaway“, in dem ein Phönix unsanft auf der Erde landet. Kanye nimmt das Vogelwesen mit Modelmaßen auf und erklärt ihm, wie’s hier läuft. Sein zentraler, mahnender Satz im Film: „Die erste Regel in dieser Welt, Baby: Glaub nichts, was du in den Nachrichten siehst.“

Und doch sagt die folgende kleine Anekdote zum neuen Album mehr über das Wesen des Kanye West als jedes Mammutprojekt: Das von ihm ausgewählte Albumcover wurde von der Plattenfirma abgelehnt – zu anstößig. Fröhlich twitterte er: „Yoooo they banned my album cover!!!!!“ In Wests Welt bleibt eben nichts unausgesprochen. Alles muss mitgeteilt werden. Wie könnte ein Künstler seine Zeit besser repräsentieren?

Tim Sohr