Wir treffen die Jungs von Mona an einem spätsommerlichen Tag in einem zehn Quadratmeter großen Raum ohne Fenster. Obwohl sie müde aussehen und die Raumtemperatur einer Sauna gleicht, sind Nick, Jordan, Zach und Vince bester Laune. Als sie erfahren, dass sie ein musikalisches Ratespiel erwartet, spitzen sie aufgeregt die Ohren.

„A Day In The Life“ von den Beatles

Nick (singt mit): Dieser Song ist großartig! Paul McCartney ist Jordans absoluter Lieblingskünstler!
Jordan: Ja!
Zach: Wir alle lieben die Beatles!

Seht ihr irgendeine Verbindung zwischen Mona und den Beatles?
Nick: Naja, es sind vier Typen die Musik machen. Ansonsten würde ich es kaum wagen, uns mit den Beatles zu vergleichen. Sie sind die Band schlechthin! Alles was in ihrer musikalischen Karriere geschah, war bevor sie 30 wurden. Unglaublich, wie viele Songs sie geschrieben haben und welch großen Einfluss sie hatten!
Vince: Sie sind die Paten des Rock ‘n‘ Roll!

Sind die Beatles hip oder eher etwas für unsere Elterngeneration?
Nick: Musikalisch sind sie großartig und auf jeden Fall cool! Ich finde zwar nicht alle Songs gut und einige sind auch wirklich schnulzig, aber im Großen und Ganzen waren sie immer auf dem richtigen Weg. Ich glaube, wir alle sind im Leben durch eine sehr intensive Phase der Beatles-Besessenheit gegangen.
Jordan: Oh ja!
Zach: Im Grunde haben die Beatles sowohl für uns als auch für unsere Eltern einen hohen Stellenwert. Nick besitzt beispielsweise jedes je erschiene Beatles-Album. Mein Vater hat sie sogar doppelt, und zwar alle als Original-Ausgaben!

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Mona über Morrissey und Johnny Marr.

„This Charming Man“ von The Smiths

(Alle lachen)
Ich schätze, ihr wisst wer das ist?
Nick (reserviert): Ja, die Smiths.

Die Musikzeitschrift NME kürte die Smiths als einflussreichste Musiker aller Zeiten, noch vor den Beatles.
Jordan: Das ist absolut lächerlich! Ich liebe die Smiths – versteh‘ mich nicht falsch – aber das ist die dümmste Aussage, die ich je in meinem Leben gehört habe!
Vince: Kein Wunder, sie kam ja auch vom NME. (lacht)
Nick: Ja, die können uns echt mal am Arsch lecken! Ich hasse dieses Magazin! Und Morrissey kann ich auch nicht wirklich leiden! Der spinnt! Aber die Musik der Smiths ist echt gut!
Vince: Die Smiths waren großartig!
Nick: Für uns waren die Smiths nicht Morrissey, sondern im Wesentlichen Johnny Marr. Der Typ ist ein herausragender Musiker!
Zach: Alles was Johnny Marr jemals getan hat, war beeindruckend. Wenn etwas noch nicht gut war, wurde es durch seinen Einfluss besser. Zum Beispiel das Modest Mouse Album „We Were Dead Before the Ship Even Sank“, an dessen Songwriting er beteiligt war.

Würdet ihr eure Musik als von den Smiths beeinflusste Rockmusik bezeichnen?
Nick: Nein, ich sehe da keinen Zusammenhang. Ich mochte zwar schon immer Johnny Marrs Gitarren-Parts, aber damals als ich die Smiths zum ersten Mal gehört habe, war ich noch gar kein Gitarrist, sondern habe Klavier gespielt. Daher kann ich nicht behaupten, dass sie mich beim Songwriting musikalisch beeinflusst hätten.

Die Smiths wollten immer eine Single-Band anstatt eine Album-Band sein. Wie ist das bei euch?
Nick: Die ganze Musikindustrie schert sich heutzutage nur noch um Singles. Diese Mentalität hat die Idee von Musik vollkommen zerstört!
Vince: Oh ja, das ist wahr!
Nick: Musik sollte eine komplexe Erfahrung sein, nicht bloß Zuckerwatte. Durch die Tatsache, dass versucht wird Musik leichter und schneller zugänglich zu machen, stirbt die Kunst. Bands investieren viel Energie und Geld und opfern mehr als man sich vorstellen kann, um Musik zu machen. Es ist tragisch, dass die meisten Leute sich nur für die Singles interessieren und übersehen, dass dahinter eine viel komplexere Arbeit steckt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Mona über Timing und soziale Netzwerke.

„Cornerstone“ von den Arctic Monkeys

Zach (nach einer Weile): Ah, Arctic Monkeys!
Nick: Die Arctic Monkeys sind echt cool!
Vince: Oh ja!
Jordan: Großartige Band, super Jungs!

„Cornerstone“ ist ein Stück des Albums „Humbug“. Es wurde von Rich Costey gemixt, der auch für euer Debüt „Mona“ an den Reglern stand. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?
Nick: Unser Label hatte eine Liste von Leuten, mit denen ich sprechen sollte. Rich war die erste Person, die ich mir ausgesucht hatte. Der Typ ist eine lebende Legende. Er hat mit so vielen großen Künstlern wie Muse oder den Foo Fighters zusammen gearbeitet. Außerdem hatte er einen immensen Beitrag am Sound des ersten Glasvegas-Albums. Das rechne ich ihm hoch an.
Zach: Rich ist der absolute Wahnsinn!
Nick: Ursprünglich war geplant, dass wir uns fünf oder zehn Minuten unterhalten und dann schauen, ob wir miteinander auskommen. Die fünfminütige Konversation endete als einstündige. Wie haben einfach über Musik gesprochen und es hat sofort gefunkt. Nach dem Gespräch war klar: Er mixt unser Album, ich brauche mit niemand anderes sprechen. Für unser zweites Album wollen wir Rich wieder als Mixer. Und den Rest des Produktionsprozesses wie bei unserem Debüt selbst übernehmen.

Die Arctic Monkeys sind ebenfalls dafür bekannt, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Erfolg beruht maßgeblich darauf, dass sie ihre Songs kostenlos im Internet veröffentlicht haben.
Nick: Die Band hat sehr vom Myspace-Boom profitiert. Es gibt immer Musiker, Firmen etc., denen gewisse Veränderungen und Trends zu Gute kommen. Es ist alles eine Frage des Timings, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Aber das ist nicht wirklich planbar. Niemand konnte vorausahnen, dass es ein weltweit so erfolgreiches soziales Netzwerk wie Myspace geben würde. Den Arctic Monkeys brachte es auf dem Weg zum Erfolg einen entscheidenden Anschub. Ich möchte Ihnen gar nicht die Anerkennung ihrer Arbeit nehmen, denn die Band ist wirklich großartig, aber wer weiß ob sie heute auf dem selben Erfolgslevel wären, wenn das Timing nicht so gut funktioniert hätte. Ich wünschte ich könnte in eine Zeit ohne Myspace und Co. zurückreisen und sehen, was die Jungs ohne all das gemacht hätten und ob sie genauso erfolgreich geworden wären, wie sie es heute sind.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Mona über Erfolg und die negative Seite von Hype.

„Gegen den Strich“ von Tocotronic

Nick: Beatsteaks?… Hm, keine Ahnung.

Das sind Tocotronic, eine der bekanntesten Indie-Rock-Bands Deutschlands. Die Jungs sind bereits seit den 1990er Jahren erfolgreich und haben bisher neun Studio-Alben veröffentlicht.
Nick: Oh, wow!
Vince: Krass!
Nick: Ich finde es wirklich erstaunlich, dass Gruppen wie Tocotronic in ihrem Heimatland vermutlich massenhaft Platten verkaufen, während in anderen Ländern wie zum Beispiel Amerika 99,9 Prozent der Menschen noch nie von der Band gehört haben.

Mona scheint in letzter Zeit immer erfolgreicher zu werden. Könnt ihr euch vorstellen wie Tocotronic über einen Zeitraum von über zehn Jahren im Musikbusiness kreativ tätig zu sein?
Nick: Das haben wir vor! Ich schätze, Tocotronic sind wie wir Musiker, die einfach das machen, was sie lieben und die absolut keinen Grund sehen, damit aufzuhören. Dabei geht es nicht um Timing, das Label oder dergleichen, sondern einzig um das menschliche Element. Natürlich sind wir eine Rock-Band, doch allen voran sind wir menschliche Wesen, deren DNA von Musik gezeichnet zu sein scheint. Wir werden immer einen Weg finden, Musik zu machen. Wir können gar nicht anders. Es ist wie eine Sucht. Ich würde vermutlich verrückt werden, wenn man mich zu lange von meiner Gitarre oder meinem Klavier fernhält.

War Musik schon immer das, was ihr unbedingt in eurem Leben machen wolltet?
Nick: Nein. Sowohl mein Großvater als auch mein Vater waren Prediger, also dachte ich, dass ich vermutlich auch einmal Prediger werden würde. Als ich meinen musikalischen „Aha“-Moment hatte, änderte sich das.
Vince: Ich habe das Schlagzeugspielen schon immer geliebt. Es war nicht unbedingt ein Plan, Musiker zu werden, aber es passierte auf natürliche Art und Weise und ich habe mich nicht dagegen gewehrt. Das Schlagzeug hat mich mein Leben lang begleitet, länger als jede Frau an meiner Seite. (lacht)
Zach: Wir haben alle schon immer gern Musik gemacht, einfach nur weil wir Spaß daran hatten. In unserer Heimat war nicht im Entferntesten daran zu denken, dass sich damit auch Geld verdienen ließe. Als wir dann aufeinandertrafen, ist es einfach geschehen.
Nick: Mit einer Rockband erfolgreich sein – das ist etwas, das immer nur anderen Leuten passiert. Das ist fast wie im Lotto gewinnen. Die Chance, dass man selbst mal der Glückliche ist, ist verschwindend gering. Man kann es einfach nicht vorausahnen.

Wie kam es, dass es am Ende für euch doch geklappt hat?
Vince: Weil wir fantastisch sind! (alle lachen)
Nick: Anscheinend hatten wir das richtige Timing. Die Leute waren offen gegenüber einem direkten, puren 1950er Jahre beeinflussten Rock ’n‘ Roll-Stil, den wir just zu dieser Zeit auf frische Art und Weise auf die Bühne brachten. Leider führte der Enthusiasmus zu einem großen Hype, der absoluter Blödsinn ist und mit dem wir nun umgehen müssen. Dabei versuchen wir, unsere Musik und das Album in den Mittelpunkt zu stellen, statt unsere Tatoos oder Klamotten. Es gibt tatsächlich Alben-Kritiken, in denen über nichts anderes gesprochen wird als über den Hype um Mona, unsere Frisuren, unseren Kleidungs-Stil, unsere Musikvideos etc. und dabei in keinem einzigen Satz unsere Songs erwähnt werden. Solchen Beiträgen sollte man keine Aufmerksamkeit schenken. Viel wichtiger ist es für uns als Musiker, sich auf die Fans zu konzentrieren. Das ist es, was zählt. Wenn sie mit deiner Arbeit nicht glücklich sind, kannst du einpacken. Was die Presse, dein Label oder dein Manager davon hält, ist zweitrangig.
Zach: Ja, das sehe ich genauso. Wenn es nach uns geht, soll Mona lieber von den „normalen“ Leuten statt von der Presse geliebt werden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Mona über Lady Gaga und die große Debatte um Wertschätzung oder Verachtung.

„Born This Way“ von Lady Gaga

Jordan: Pfffff, das ist der lächerlichste Blödsinn, den ich kenne!
Zach: Also ich habe eine Menge Respekt vor Lady Gaga.
Jordan: Ich nicht! Ich hasse sie!
Zach: Sie hat den Vogel echt abgeschossen! Aber ich meine das im positiven Sinne.
Nick: Ich bin hin- und hergerissen. Ich glaube, bei Lady Gaga spielt der Hype eine große Rolle. Jeder hat ihr den Blödsinn abgekauft und sie als Genie dargestellt, dabei war es nichts Neues, sondern einfach nur an der Zeit, dass jemand mal wieder einen Schritt weiter geht als Rihanna oder Katy Perry. Schockwirkung zieht immer, Madonna hat es vorgemacht. Und dass dahinter mehr als die reine Provokation steckt, das muss man schon auch anerkennen. Ihr Stil ist zu einem eigenen Genre geworden und kommt einer Subkultur gleich. Andererseits verkauft sich das Konzept Lady Gaga natürlich auch gut. Aber im Grunde ist sie eine smarte Künstlerin und ein echtes Arbeitstier.
Zach: Einige Sachen sind schon ein bisschen billig und daneben! Und oft auch absolut lächerlich – klar! Aber sie übertreibt dabei maßlos und bringt es so auf ihre Weise auf den Punkt. Ich find’s gut.
Jordan: Ich finde, das alles ist totaler Schwachsinn. Ich würde sie nicht einmal als Künstlerin bezeichnen. Sie steht einfach nur auf der Bühne, tanzt…
Nick: Tanzen ist Kunst!
Zach: Außerdem schreibt sie ihre Songs selber, spielt Klavier…
Nick: Sie ist eine große Performance-Künstlerin. In den 1960er Jahren wäre Lady Gaga vermutlich Andy Warhols Muse gewesen. Sie hätte gut in die Factory gepasst.
Jordan: Tssss.
Nick: Im Vergleich zu Mona ist sie definitiv eine Performance-Künstlerin. Wir sind normale Menschen, die ihre Instrumente spielen. Wir spielen nicht zu Clicks, wir benutzen ja nicht einmal ein Keyboard! Unsere Musik ist von Hand gemacht und kommt aus unserem tiefsten Inneren – das Gegenteil von Lady Gaga, deren Stücke komplett produziert sind. Es handelt sich hierbei um zwei unterschiedliche Kunstformen. Wir malen eine Sixtinische Kapelle mit Ölfarbe, Lady Gaga erzeugt sie mit Photoshop.
Vince: Man kann diese Gegenüberstellung von Lady Gaga und Mona vergleichen mit Disco und Rockmusik in den 1970er Jahren.
Nick: Allerdings ist Disco das Schlimmste, das der Menschheit je wiederfahren ist. (alle lachen)
Jordan: Nein, Lady Gaga!

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Mona über ihr Faible für seichte Klänge.

„On The Quiet“ von Mohna

Nick: Klingt wie Jon Brion, der unter anderem die Musik zum Film „Magnolia“ komponiert hat. Das Stück wäre super als Filmmusik geeignet.
Vince: Ja, das ist echt schön!

„On The Quiet“ stammt von einer Hamburger Künstlerin namens Mohna.
Zach (erstaunt): Es gibt zwei Mal Mo(h)na?
Nick: Krass! Ich finde den Song wirklich toll!

Seht ihr irgendeine Verbindung zwischen Mohna und Mona, mal abgesehen vom Namen?
Nick: Da mein Erstinstrument Klavier ist, sehe ich da zumindest auf persönlicher Ebene einen Zusammenhang. Ich liebe Klavierstücke wie diese!

In eurem Rock ‘n‘ Roll-Leben ist also auch Raum für Klaviermusik?
Vince: Oh ja, unbedingt!
Jordon: Wir mögen jede Menge unterschiedliche Stile.
Nick: Im Grunde ist das Klavier ja ein Rock ‘n‘ Roll-Instrument – schau dir nur Jerry Lee Lewis und Little Richard an. Davon mal abgesehen glaube ich, dass es keinen Menschen gibt, der 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche nach dem Motto Sex, Drugs und Rock ‘n‘ Roll lebt. Und falls doch, dann tut er mir wirklich leid. Wir von Mona zählen eher zu den „normalen“ Menschen, die gerne auch mal ruhige Musik hören.

Lesen Sie auf der letzten Seite: Mona über Kindheitserinnerungen und Folk-Musik.

„Rocky Top“ von den Osborne Brothers

Jordan (singt mit): „Rocky Top“! Dieser Song ist für mich ganz eng mit meinen Kindheitserinnerungen verbunden. Meine Großeltern stammen aus Tennessee und haben mich ständig zum Bluegrass Festival mitgenommen. Das Stück sollte eine offizielle Staatshymne Tennessees sein!

Ist es! Eines von acht.
Vince (Jordan imitierend): „Warte kurz, ich habe da eine super Idee!“ (lacht)
Jordan: Ja, ja…
Nick: Das Bluegrass-Genre ist im Grunde auch Rock ’n‘ Roll, weil es ehrliche, handgemachte Musik ist.
Vince: Allein die Musiker beim Spielen zu beobachten macht wahnsinnig Spaß. Und das, obwohl nicht einmal ein Schlagzeuger dabei ist. (lacht)
Zach: In unserer Heimatstadt Bowling Green, Kentucky gibt es einen Typen namens Sam Bush. Er hat die Band „New Grass Revival“ gegründet und damit eine Rock ’n‘ Roll-Version des Bluegrass geschaffen. Die Band hat einen Schlagzeuger und Sam spielt E-Mandoline, Banjo und Geige. Er kann wirklich alles, das ist verrückt! Weil mein Vater mit ihm befreundet ist, kenne ich Sam schon mein ganzes Leben lang. Einmal hat Sam zu mir gesagt: „Wenn ihr jemals akustische Stücke aufnehmen solltet ohne mich dazu einzuladen, dann setzt es was!“ (alle lachen)
Nick: Bluegrass und Folk werden wie Rock ’n‘ Roll in der Regel von Musikern deshalb gespielt, um sich selbst und seine Hörer glücklich zu machen. Es geht dabei meist nicht um Marketing-Pläne oder dergleichen. Die Folk-Szene besteht aus ganz normalen Leuten, die Songs über ihr Leben schreiben. Mit Mona machen wir das genau so. (lächelt)

Ok, das war’s. Vielen Dank für das Gespräch!
Nick: Wir danken!

Nach dem Interview steigen wir alle in den selben Fahrstuhl. Die Jungs sind bestens gelaunt und singen die Zeilen von „Rocky Top“. Wer weiß, vielleicht steigen Mona jetzt auf Folk-Musik um.

Interview: Anika Haberecht