Sie kamen auf Fahrrädern am helllichten Tag, sie waren vier oder fünf. Aus Kübeln am Lenker kippten sie Farbe auf die Fahrbahn am Rosenthaler Platz – Gelb, Rot, Blau. Dann türmten sie, verschwanden in Berlins Straßen, so schnell, wie sie gekommen waren. Autos, Fahrräder, Fußgänger und Straßenbahn bemalten die lärmende Kreuzung und alle Ausfallstraßen mit ihren Rädern und Sohlen, ob sie wollten oder nicht. Die Farbguerilla hinterließ kein Bekennerschreiben, nur einen Zettel an einem Laternenmast: „wasserlöslich – schadstofffrei – biologisch abbaubar“. Nach einer Woche war die Farbe weggewaschen. Was zum Teufel war das? „Ein richtig guter Witz“, sagt Marc Scherer. Seine ATM Gallery liegt ganz in der Nähe, auf der Straße vor dem Schaufenster schimmerten Spuren der Farbaktion. „Aber nicht nur. Da haben sich Leute einen Moment lang den öffentlichen Raum zurückgeholt.“

Fluchtplan fürs Abenteuer
Mit ATM, einem weißen würfelförmigen Raum, hat der 39-jährige Galerist und Künstler ein kleines Reservat geschaffen für Streetartists – Leute, die ihre Kunst sonst ungefragt draußen aufstellen und anbringen, die Geld investieren in ihre Materialien (und manchmal für Gerichtskosten), und die in Kauf nehmen, dass manche Werke nur einen Tag lang halten. „Die nehmen sich das Recht heraus, sich hier, in der Stadt, in der sie leben, auch künstlerisch zu äußern“, sagt Marc.

Und das ist oft ein Abenteuer. So wie der „Pink Playground“ von Emess, einem Künstler, der auch schon bei ATM ausgestellt hat, aber unerkannt bleiben möchte. Aus Holzlatten und einem Lkw-Stoßdämpfer baute Emess einen Spielplatz und sprühte ihn pink an. Mit Freunden entwarf er einen Fluchtplan, dann mieteten sie einen Umzugswagen, hielten nachts um vier auf dem Parkplatz gegenüber der Neuen Nationalgalerie, in Nähe der Berliner Philharmonie, trugen Wippe und Schaukelpferd auf eine Verkehrsinsel direkt vor dem Eingangstor und stellten Schilder auf: „Don’t play here!“ – „Public property“, öffentliches Eigentum. Nach fünf Minuten war die Gruppe verschwunden, das Katz-und-Maus-Spiel begann: Der Spielplatz wurde schon am nächsten Tag umgeworfen. Als Emess ihn nachts wieder aufrichten wollte, rückte sofort die Polizei an. „Ich konnte mich gerade noch verdrücken.“

Zumindest ein Teil des Werkes sei immer auch das Staunen: „Boah, wie groß ist das, wie sind die da hingekommen?“, sagt Marc. Das hat Streetart mit Graffiti gemeinsam. Tatsächlich haben viele der ungebetenen Künstler früher auch gesprüht oder tun es immer noch – deshalb nennt auch keiner seinen echten Namen. Streetart ist für viele eine Weiterentwicklung, ein Schritt weg von der Wand.

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Wohldurchdachter Nonsens
Ein Spielplatz, auf dem man nicht spielen darf: Emess sieht das als Symbol für die ganze Stadt. „Einen Riesenmoloch haben wir uns hier hingebaut, aber man darf nichts machen.“ Ein politisches Statement, das er selbst lieber tiefer hängt: „Was soll ich groß von Weltfrieden reden? Ich reagiere auf Dinge, die mich in meinem Alltag nerven.“ Längst nicht jede Figur und jedes Plakat ist politisch gemeint, es sei denn, man betrachtet schon die unerlaubte Aufstellung als politischen Akt. Oft geht es auch nur darum, Orte zu verschönern, mit Räumen zu spielen, und bei Passanten eine Reaktion zu provozieren – durch wohldurchdachten Nonsens. In London strickten Künstler Parkuhren und Telefonzellen ein, in New York bastelte die „Sprinkle Brigade“ aus Hundehaufen kleine Stillleben. In St. Petersburg pinselten Künstler einen riesigen Penis auf eine Hebebrücke, und in Frankfurt legten Kunststudenten täuschend echt wirkende Pistolen aus Eis in die Fußgängerzone. Sie wurden geschnappt, weil sie mit einer Kühltasche herumliefen.


Und in Berlin baut Emess rosa Spielplätze, wickelt Brad Downey rotierende Litfaßsäulen in buntes Klebeband und interpretiert und dekonstruiert Straßenschilder, kippen anonyme Radfahrer Farbe auf die Straße und setzt ein unbekannter Künstler kleine Korkmenschen auf Straßenschilder. Die hätte vielleicht bis heute niemand entdeckt, wenn es nicht Caro gäbe. Caro ist so etwas wie eine Chronistin der Szene, wenn es die denn gibt. Sie betreibt einen Fotoblog über all die kleinen Kunstwerke, die ihr unterwegs so auffallen. Und das sind einige. Auf dem Weg in einen Neuköllner Park zückt sie wieder den Fotoapparat: Jemand hat einen Pappsoldaten an eine verfallene Mauer gestellt. „Passt gut hierhin“, findet sie. Erst gestern hat sie neue Korkmenschen entdeckt – einer saß im Schneidersitz, einer machte Handstand.

Caro kennt eine ganze Reihe Streetartisten in Berlin, ihre Tags und Motive. Sie weiß, dass die meisten von ihnen Männer sind und viele auch beruflich mit Bildern und Fotos arbeiten – als Drucker, Grafiker oder Webdesigner. „Es ist nicht so, dass die sich alle untereinander kennen“, sagt sie. Man begegne sich eher zufällig, bei Ausstellungen oder auf der Straße, und von Fall zu Fall arbeiteten einige Künstler auch zusammen. Aber eigentlich sei Streetart ein „egoistisches Ding“, bei dem Leute ihre ganz persönliche Kreativität austobten. Ein geschätztes Drittel aller Werke da draußen sei sogar überhaupt nicht für ein größeres Publikum gedacht, sondern als Botschaft für eine oder wenige Personen, die oft an einer bestimmten Straße oder Hauswand vorbeikommen.

Und schließlich kennt Caro die meisten Tricks, mit denen Streetartists ihre Werke schützen – „vor Regen, Wind und Hausmeistern“. Das beginnt bei der Auswahl der Orte: Brücken, Hauseingänge und zugemauerte Kellerfenster bieten Platz für Klebkunst oder Skulpturen. Mit Salz verhindert man, dass einem im Winter der Kleister einfriert, Latexbinder im Leim macht Plakate wasserfest. Mit ihrem Blog tut Caro den Künstlern einen Riesengefallen: Weil Skulpturen, Plakate und Installationen verwittern und verrotten, weil Leute sie mitnehmen oder kaputtmachen, ist die Dokumentation fast so wichtig wie die Werke selbst. Wenn es keine Bilder gibt, ist die Aktion nie passiert.

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Kunst für einen Tag
Einer, der das kürzlich selbst erlebt hat, ist nOel. Mit Freunden taufte der 21-Jährige nachts eine komplette Straße um, auf einer Strecke von mehreren hundert Metern überklebten sie jedes Straßenschild. „Als ich am nächsten Morgen Fotos machen wollte, war alles wieder weg.“ So wissen nur wenige Nachtschwärmer von der Aktion. nOel findet zwar, man solle auf keinen Fall nur fürs Foto arbeiten, „aber mit Fotos verschafft man sich über das Laufpublikum hinaus eine gewisse Präsenz.“

Oder mit einem Markenzeichen. Neben vielen anderen Figuren („Characters“) ist nOels Markenzeichen ein grüner Wurm, der an vielen Fassaden Berlins klebt und unausgesprochen sagen soll: „Hier ist der Wurm drin.“ Wer präsent bleiben will, muss ständig weitermachen. In den vergangenen zwei Jahren ist es verdammt voll geworden an Berlins Hauswänden, neue Leute überziehen die Stadt mit ihren Characters, und aus der ganzen Welt kommen Künstler zu Besuch, kleben ihre Werke und reisen wieder ab. „Wenn ich heute erst mit dem Wurm anfinge, würde er untergehen“, sagt nOel. Seine ersten Sticker hat er mit 15 geklebt, Zeichnungen auf Postaufklebern. „Damals dachte ich, ich tue etwas furchtbar Illegales“ – während andere mit Sprühdosen unterwegs waren. „Heute halte ich mir einfach vor Augen, was ich da mache: Ich klebe Papier an eine Wand.“ In den vergangenen fünf Jahren musste er einmal 20 Euro ans Ordnungsamt zahlen – „ich finde, das ist eine gute Bilanz“.

Der helllichte Tag ist mitunter die beste Tarnung. Wenn nOel ein größeres Plakat klebt, heißt sein Rezept: Selbstverständlichkeit ausstrahlen, nicht ständig umsehen, keine Hast. „Je verdächtiger du guckst, desto mehr fällst du auf.“ Zuletzt hatte nOel wenig Zeit zum Kleben, Ideen dafür umso mehr. Verraten will er keine, das Publikum wird sie schon früh genug an den Wänden Berlins entdecken. Zeit wird es jedenfalls: Nach fast einem halben Jahr Pause verschwinden seine Spuren nach und nach aus dem Stadtbild – beseitigt auch von Sammlern. Die hoffen, dass manche Streetartists in ein, zwei Jahren ganz groß herauskommen.

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Kostenlos und draußen
Oft zerstören sie deren Werke beim Versuch, sie mitzunehmen. Manches Schablonenbild von Streetart-Veteran Banksy wurde schon aus Hausfassaden gefräst, den Emess-Spielplatz transportierte eine Sammlerin per Lkw in ihr Büro, und von mindestens einem Korkmenschen sind nur noch die Beine übrig – der Sammler scheiterte am Sekundenkleber. „Wenn jeder sich ein Blümchen pflückt, ist irgendwann die Wiese leer“, schimpft Galerist Marc. Und Bloggerin Caro sagt: „Damit verliert Streetart ihren Sinn als Kunstform, die draußen kostenlos für alle da ist.“ Die einen schützen ihre Werke dagegen, indem sie sie möglichst unzugänglich machen. Andere, wie Mentalgassi, ein Freundeskreis aus Berlin, rechnen von vornherein nur mit einer kurzen Lebensdauer ihrer Werke. Kern von Mentalgassi sind drei Künstler, Ende Zwanzig, allesamt „im Grafikbereich unterwegs“. Sie heißen so, weil sie früher die besten Einfälle hatten, wenn sie mit dem WGHund Gassi gingen. Das muss reichen als Info, man will kein Brimborium um die eigene Person machen. Was zähle, sei das Werk, und selbst das dokumentieren sie nicht komplett. „Wenn uns etwas nicht gefällt, muss es auch keiner sehen.“ Mentalgassi machen „urbanes Entertainment“. Sie verwandeln Telefonzellen in Duschkabinen – komplett mit Vorhang und Seifenschale – und U-Bahnen in Wohnzimmer, indem sie dort Teppiche aus dem Baumarkt auslegen und einen Blumenkasten samt Sonnenblumen an die Scheibe pappen. Die Dusche hielt 20 Minuten. „Ist doch schön, wenn sich jemand über einen neuen Duschvorhang freuen konnte.“


Mit einer anderen Spielerei haben Mentalgassi jetzt sogar kommerziellen Erfolg. Monatelang machten sie aus Glascontainern Köpfe, indem sie diese rundherum mit einem 3DFoto beklebten. Das klingt einfach, ist aber eine furchtbare Frickelarbeit, ein Kleben, Knicken und Falten in einer Hinterhofscheune, in der ein Spezialdrucker 90 Zentimeter breite Papierbahnen ausspuckt. „Das ist, als würde man einen Fußball erst bedrucken und danach zusammennähen.“ Auch Zäune sind vor ihren Köpfen nicht sicher. Der Polizei fielen die Jungs nicht auf – der PR-Abteilung von Converse schon. Der Turnschuh-Hersteller fragte an, ob Mentalgassi für eine Werbeaktion Bilder kleben wollten. Anfangs war ihnen mulmig bei dem Gedanken, kommerziell zu arbeiten und plötzlich Geld zu verdienen mit dem, was bis dahin eigentlich nur ein Freizeitvergnügen war. „Wir haben ein Wochenende intensiv diskutiert“, danach sagten sie zu. Andere Streetartists verdienen ein paar Euro mit Auftragsarbeiten oder mit Werken, die sie über Galerien wie Marcs ATM verkaufen – aber nicht alle wollen das. Vielen ist es Lohn genug, wenn ihre Plakate und Figuren überhaupt gesehen werden. „Aufmerksamkeit musst du dir erarbeiten“, sagt Emess. „Die kriegst du nicht geschenkt.“

Unser Autor Daniel Kastner, 31, hat als Kind gern Kastanienmännchen gebastelt und in der Schule Cartoons gekritzelt. Jetzt denkt er ernsthaft darüber nach, seine Werke in Berlins Straßen zu verteilen.