Nachts. Eine neue Stadt. Es ist kalt. Eiskalt. Wohin zuerst gehen an einem Ort, an dem man noch nie zuvor war? Eine Fast- Food-Kette bietet Kroketten aus Automaten an. Mit einem Gartenschlauch bewässert ein Mann eine Schlittschuhbahn. Es fühlt sich an, als würde das Wasser noch in der Luft gefrieren. Das Schönste an Arnheim ist in diesem Moment ein mexikanisches Restaurant namens „Amigo“. Dort brennt ein Feuer im Kamin, und die Kellnerin serviert eine scharfe Tomatensuppe. In der Wärme entspannen sich die Muskeln. Endlich angekommen.

Am nächsten Morgen fallen einem zuerst Kleinigkeiten auf: Die Busse hängen an einer elektrischen Oberleitung, die Fahrradwege sind zweispurig, und viele junge Frauen tragen Zeichenmappen unter dem Arm. Der schönste Teil von Arnheim ist die Altstadt mit ihren vielen kleinen Straßen, in denen keine Autos fahren. Entlang der Koningstraat reiht sich ein Modegeschäft ans nächste, in den kleinen Seitengassen dringt süßlicher Haschischduft aus Coffeeshops namens „Joint Venture“ oder „Happy Days“.

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In der Kerkstraat mit ihren vielen historischen Gebäuden hängt ein umgedrehter Weihnachtsbaum von der Fassade eines Backsteinhauses. Es ist das älteste Haus Arnheims, in dem früher der Bürgermeister wohnte. Dass sich in einem der schönsten Häuser der Stadt heute ein Modegeschäft befindet, ist typisch für die Stadt. Mode hat in der Geschichte des 150000-Einwohner- Ortes schon immer eine tragende Rolle gespielt. Bereits zur Jahrhundertwende gab es in Arnheim mit seinen reichen Villen- Vororten über 100 Modegeschäfte. Heute sorgen die Absolventen der Modeakademie „ArtEZ“ dafür, dass die Hauptstadt der Provinz Gelderland den Zweitnamen „Modestadt“ trägt.

Wie groß hier der Ideenreichtum ist, zeigt das Geschäft „Coming Soon“, das Schmuck, Kleidung und Möbel von jungen Designtalenten aus Arnheim verkauft. Darunter auch Männermode von Sjaak Hullekes, der 2009 mit dem Mercedes- Benz Fashion Award als bester holländischer Modedesigner ausgezeichnet wurde. Sein Atelier befindet sich etwas außerhalb der Altstadt im Viertel Klarendal. In der Turnhalle einer alten Grundschule schneidert der 28-Jährige seine Entwürfe, die er im nächsten Frühling erstmals in Paris bei einer Modenschau präsentieren wird. Dennoch will er Arnheim so schnell nicht verlassen. „Als Designer bekommt man hier sehr viel Unterstützung“, erzählt er, während er seinen mexikanischen Schoßhund krault. „Die Stadt stellt einem günstig Atelier- und Geschäftsräume zur Verfügung. Sie macht es einem leicht, in der Modewelt Fuß zu fassen.“ Während er mit seinen schmalen Designerhänden gestikuliert und sich die Hornbrille auf der Nase zurechtrückt, sieht er aus wie der junge Yves Saint Laurent – doch in Wirklichkeit wohnt in ihm ein Junge aus der Provinz. „Ich stamme von einer kleinen Insel namens Schouwen“, sagt er. „Die Möglichkeiten dort sind sehr begrenzt, und man muss mit dem zurechtkommen, was man hat. Das spiegelt sich auch in meiner Mode wider.“

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In der aktuellen Kollektion „Small Town Boy“ für den „modernen Dandy“ setzt er deshalb vor allem auf raffinierte Details. Die Materialien dafür findet er freitags beim Stoffmarkt vor der Arnheimer Kirche. “ Dort wimmelt es nur so von Studenten von der Modeakademie. Achte mal drauf.“ Auch in den Straßen rund um sein Atelier gibt es viele Shops von jungen Modelabels. 2008 hat die Stadt das einstige Arbeiterviertel Klarendal sogar offiziell Modequartier getauft. Geht man die Straßen entlang, sieht man zwischen Fleischergeschäften und Wohnhäusern immer wieder Designer an Nähmaschinen in ihren Ladenateliers sitzen. Einer von ihnen ruft ins Schneegestöber hinaus: „Willst du einen Tee? Ist doch so kalt draußen.“ Während das Wasser kocht, erzählt der 29-jährige Ferdinand Hartgers von der Entstehung des Modequartiers: „Das hier war noch vor ein paar Jahren eine sehr üble Gegend mit viel Kriminalität und Arbeitslosigkeit. Deshalb siedelt die Regierung hier nun ganz bewusst Modegeschäfte an.“ Noch befinde sich das Quartier in seiner Entstehungsphase, weshalb viele Läden nur von Donnerstag bis Samstag geöffnet haben.

Da gerade Mittagszeit ist, schlägt Ferdinand ein gemeinsames Essen in seinem Lieblingslokal „Goed Proeven“ vor. In einem alten Postgebäude, das Stein für Stein aus der Innenstadt hierher verfrachtet wurde, essen wir Cheeseburger auf vier Zentimeter dicken Toastscheiben und beobachten eine alte Frau vor dem Fenster, die einen Pudel und Lidl-Tüten in einer Kinderkarre die Straße entlangschiebt. „In Klarendal prallen Welten aufeinander. Es gibt elegante Modegeschäfte, aber auch viele arme Leute“, weiß Ferdinand. „Es wird sicher noch etwas dauern, bis die Leute die Gegend als Shoppingviertel akzeptieren.“ Die Mode- Biennale, die im Juni zum vierten Mal in Arnheim stattfindet, werde aber sicherlich helfen, das Viertel zu beleben.

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Spricht man mit den Veranstaltern der Biennale, wird schnell klar, dass es sich hierbei nicht um ein gewöhnliches Mode-Event handelt. „Wir sind die einzige kulturelle Modeveranstaltung weltweit“, sagt Dewi Pinatih vom Organisationsteam. „Es geht darum, Mode als Kunst und nicht als Produkt zu präsentieren.“ Einen Monat lang wird in der ganzen Stadt die Mode gefeiert, mit Workshops, Ausstellungen und Vorträgen, in denen es um die Frage geht: „Warum tragen wir, was wir tragen?“

Zu den Fashionshows werde kein elitärer Modezirkel geladen, so Dewi. Jeder kann Tickets kaufen. Designstudenten werden ihre Kollektionen zeigen, aber auch viele internationale Marken. 2009 waren Lanvin, Hussein Chalayan und Viktor & Rolf mit dabei. Lauter große Namen für eine kleine Stadt, in der es viel zu entdecken gibt – und die offen ist für neue Ideen. So hat der Bürgermeister der Aktionsgruppe Loesje erlaubt, sämtliche Mülleimer der Stadt mit ihren Plakaten zu bekleben. „Die Welt ist schöner, weil du da bist“, steht auf einem Poster. „Lass uns aufhören mit Integrieren und anfangen zusammenzuleben“ auf einem anderen. Jeder, der bei der Aktion mitmachen will, kann sich Leim und Plakate im Laden von Loesje abholen. „Wir wollen die Welt so ein Stück schöner machen“, erklärt Susanne, die in dem Laden arbeitet.

Auch Arnheim kommt einem viel schöner vor, nachdem man einen Blick hinter die Fassaden der Stadt geworfen hat. Langsam wird es dunkel. Die Finger beginnen zu frieren. Wie schön, dass man jetzt genau weiß, wohin man hier überall gehen kann.