DIE DAUERSINGLE-FRAU

Das Schlafzimmer: Weißes Eisengitterbett samt sandfarbener Bordürenkante. Ein Moskitonetz sorgt für Himmelbett-Flair. Viele bunte Kissen, weiche Tagesdecke und Nackenrollen. Auf dem Bett liegen im Wechsel eine Katze, ein Notebook, ein Frühstückstablett und ein rosa Morgenmantel. An der Wand hängen goldene Bilderrahmen mit Urlaubsfotos und Postkarten. Vertrocknete Schnittblumen auf dem Fensterbrett.

Der Mensch: Sie lacht täglich, geht freitags zum Boxen. Ihr Single-Leben genießt sie mit vielen Reisen. Würde ihre gelegentlichen One-Night-Stands nachts rauswerfen, wenn sie Umarmungen nicht so mögen würde. An 350 Tagen im Jahr liegt sie allein im Bett – hat aber stets für zwei Personen bezogen. Wenn sie traurig ist, tanzt sie zu lauter Musik durch die Wohnung. Dabei stellt sie sich vor, dass er ihr zuschaut. Wäre er nicht verheiratet.

Das Leseverhalten: Sie liest viel und manchmal laut, um sich nicht so allein zu fühlen. Liebt Klassiker, französische Bücher, anspruchsvolle Literatur und das Thema Liebe. Gute Bücher bringen sie nicht nur zum Nachdenken, sondern zum Weinen. Sie notiert schöne Sätze, schreibt Gedichte, zeigt sie aber niemandem. Dafür sind sie zu schlecht. Denkt sie. Bei Gelegenheit wird sie ihre Bücher nach Farben sortieren.

Was Sie als nächstes lesen könnte:
Anne B. Ragde: „Die Liebesangst“. Smarte Single-Frau Ende 30, die gern trinkt und Angst vorm Verlassenwerden hat. Also macht sie mit Männern grundsätzlich Schluss, ehe Liebe den Sex unnötig verkompliziert. Authentisch und inspirierend. 288 S., btb Verlag, 19,95 Euro

Rainer Moritz: „Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe“. Montmartre. Sie französische Buchhändlerin, er deutscher Korkenverkäufer. Erst Nachbarn, dann Liebende. Verlieben ist einfach schön. Zumindest in Romanen.224 S., Piper Verlag, 16,95 Euro

Isabel Ashdown: „Am Ende eines Sommers“. England. Die Familiengeheimnisse zweier Schwestern werden eine Generation später gelüftet. Emotionen, Macht, fesselnde Story. Bereits am Cover bleibt man unweigerlich hängen. 350 S., Eichborn, 19,95 Euro

Torben Guldberg: „Thesen über die Existenz der Liebe“. Was ist Liebe? In Geschichten aus fünf Jahrhunderten wird das verzehrendste und zerbrechlichste Gefühl der Welt untersucht. 461 S., Fischer, 19,95 Euro

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DER INTELLEKTUELLE


Das Schlafzimmer: Altbauwohnung mit großen Fenstern in einem Szene-Stadtteil. Puristisches Holzbett, beleuchtet von Designerlampe. Riesiger Kleiderschrank voller Hemden und Jeans. Auf dem Nachttisch: iPhone 4 und Casio-Uhr. Im Nachttisch: goldene Manschettenknöpfe vom Großvater. Kein Fernseher (Verblödungsgefahr), dafür ein überteuerter Plattenspieler auf dem Fußboden.

Der Mensch: Werber, Journalist oder Grafiker. Er ist immer hinter den neuesten Trends her und die Frauen hinter ihm – denkt er wenigstens. Lacht laut und aufdringlich, kann arrogant sein und wenn er will auch ein bisschen liebenswert. Dauersingle oder untreu liiert. Beruflicher Erfolg sichert den hohen Lebensstandard. Seinen Traumjob sucht er aber noch. Vielleicht DJ? Kommunikativ. Viele Freunde. Viele Drogen. Viel Spaß.

Das Leseverhalten: Hat Magazine wie „Brand eins“ und „Monocle“ im Abo. Liest jedes Buch bis zum Ende, auch wenn es nicht sein Fall ist. Ausschließlich große Literatur! Offiziell. Eigentlich ist er leidenschaftlicher Comic-Sammler. Die stehen aber in der Kiste unterm Bett. Lernt komplizierte Zitate auswendig, um sie in Gesprächen einzuwerfen.Würde gern komplett aufs iPad umsteigen. Aber wie soll er dann noch zur Schau stellen, wie belesen er ist?

Was er als nächstes lesen könnten:
Jonathan Franzen: „Freiheit“. Daran kommt derzeit keiner vorbei. Aggressive, fein beobachtete Gesellschaftskritik. Zu Recht viel gepriesenes Buch. 736 S., Rowohlt Verlag, 24,95 Euro

Georg Klein: „Die Logik der Süße“. Naturkatastrophen und absurde Alltagshelden mit existenziellen Sorgen. In 500 Jahren in Berlin, Prag und irgendwo. 240 S., Rowohlt Verlag, 18,95 Euro

Douglas Coupland: „Generation A“. Skurrile Story über von Bienen gestochene Menschen in Quarantäne auf einsamer Insel. Ein wenig wie „Lost“ als Roman. 330 S., Tropen bei Klett-Cotta, 19,95 Euro

Stéphane Heuet: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Combray“. Prousts Meisterwerk als Comic. Erster Teil einer Serie, an der Heuet 14 Jahre arbeitete. 72 S., Knesebeck Verlag, 19,95 Euro

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DAS UNGLEICHE PAAR


Das Schlafzimmer: Stilvoll aus schwedischer Massenware eingerichtet. Weiß und Beige dominieren. Großes Bett mit kuscheliger Tagesdecke. Über dem Kopfteil ein Bücherregal mit ihren und seinen Büchern. Klar getrennt, versteht sich. Schwere Gardinen, leichte Dachschräge, zwei unterschiedliche Leselampen. Großer Fernseher am Fußende mit einer Schublade voller DVDs. Fürs Wochenende gibt es zwei Frühstückstabletts, Wohlfühlhosen und zwei Paar gesunde Hausschuhe.

Die Menschen: Er ist selbstständiger Unternehmer, sie Typ Psychologin. Beide achten auf hübsche Einrichtung. Jeder interpretiert hübsch auf seine Weise. Doch Harmonie ist ihnen heilig. Am Wochenende essen sie gern mit Freunden beim Italiener um die Ecke. Sie denkt laut über Nachwuchs nach, er still über seine Arbeitskollegin.

Das Leseverhalten: Fünf Seiten lesen vorm Einschlafen. Tauschen Bücher aus, um zu verstehen, was der andere liest. Bei manchen Sätzen fragen sie sich heimlich, was der andere wohl dabei gedacht hat. An Sonntagen gucken sie stundenlang US-Serien und haben kurz Sex. Wenn sie mit dem Auto in den Urlaub fahren, haben sie einen Stapel Hörbücher im Handschuhfach.

Was Sie als nächstes lesen könnten:
Håkan Nesser: „Die Perspektive des Gärtners“. Winnie ist bereits schwer vom Schicksal gebeutelt, als auch noch ihre Tochter verschwindet. Sie wandert in die USA aus, doch Ehemann Nummer zwei kommen langsam Zweifel. Packender Schwedenkrimi in New York City. 320 S., btb Verlag, 19,99 Euro

François Lelord: „Hector und das Wunder der Freundschaft“. Der philosophische Glücksforscher untersucht in seiner „Hector“-Reihe nach der Liebe jetzt die Freundschaft. Was macht sie so heilig und kostbar? Eine denkwürdige Geschichte über Freunde. 250 S., Piper Verlag, 16,95 Euro

Alain-Xavier Wurst: „Zur Sache, Chérie“. Ein Franzose kommt nach Deutschland und will flirten. Doch bei deutschen Frauen beißt sein Charme auf Granit. Was unterscheidet sie von Französinnen? Très intéressant! 192 S., rororo, 8,95 Euro

Lucy Fricke: „Ich habe Freunde mitgebracht“. Zwei Paare. Vier Freunde. Viele Krisen. Die Lösung: ins Auto setzen und weg. Aber ist das auch sinnvoll, wenn alle zusammen drinsitzen? 192 S., Rowohlt Verlag, 16,95 Euro

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DER KERL


Das Schlafzimmer: Schlicht und ungemütlich. Jalousien? Fehlanzeige. In greifbarer Nähe am Bett: Taschentücher, Kopfschmerztabletten, Kondome, Breitling-Uhr, Laptop. Kissen- und Deckenbezug passen nicht zusammen. Ist auch egal. Im Zimmer steht eine Kleiderstange, aber die meisten Sachen liegen auf dem Boden: unzählige Karohemden, Sneakers und Schirmmützen. Kein Fernseher am Bett, aber eine brandneue Dockingstation für den iPod und ein altes Radio vom Flohmarkt. Den einzigen Charme im Zimmer versprühen der alte Holzstuhl (Erbstück) und das Alain-Delon-Poster an der Wand.

Der Mensch: Marketing-Manager, Arzt oder Pilot. Phasenweise Sinnkrisen bekämpft er gezielt mit Sport. Muskelpflege ist sein Beziehungsersatz. Er hat ein Sixpack, arbeitet darauf hin oder hatte mal eins. In seinem Job ist er sehr engagiert. Aber zufrieden? Er steht früh auf, geht spät ins Bett und lebt fürs Wochenende. Durch seinen festen Freundeskreis lernt er viele Frauen kennen. Affären summieren sich für ihn im Kopf zu langjährigen Beziehungen. Hat noch nie mit einer Frau zusammengewohnt. Grund: Emotionen sind unkontrollierbar. Seit einem Jahr ist er dabei, seine Wohnung einzurichten. Gibt Wichtigeres. Seine Launen bekämpft er mit Alkohol oder Schokolade, die ihm eigentlich nicht schmeckt.

Das Leseverhalten: Er liest nur ab und zu und eher zur Entspannung als für seine Weiterbildung. Hat ja auch nie Zeit. Er beginnt viele Bücher, beendet nur wenige. Lässt sich Bücher schenken oder kauft auf Empfehlung. Schaut regelmäßig in seine abonnierte Tageszeitung und reißt Artikel raus, um sie irgendwann zu lesen. Kämpft sich durch manche Bücher, weil er denkt, dass er sie gelesen haben sollte. Dann freut er sich und verleiht sie, zum Beispiel an seine Mutter. Manchmal kramt er alte Bücher aus Schulzeiten hervor, weil er glaubt, jetzt im richtigen Alter dafür zu sein. Mag Lebensratgeber, Tierfotos und liest gern vor. Meistens den Frauen, die ihn nach kürzester Zeit schrecklich langweilen.

Was er als nächstes lesen könnte:
Frédéric Beigbeder: „Ein französischer Roman“. Zwischen Knast und Kindheit – wegen Kokainbesitz in U-Haft denkt Beigbeder über seine Herkunft nach. Zynisch. 320 S., Piper Verlag, 19,95 Euro

Marc Fischer: „Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten (solange sie noch da sind)“. Drogen? Orgien? Wie ist Älterwerden? Mutti und Vati brauchen sicher Schnaps dazu. Könnte große Momente bringen. 392 S., Eichborn Verlag, 14,95 Euro

David Pfeifer: „Der Strand der Dinge“. Ex-Start-up-Gründer muss in eine WG. Loch, Langeweile. Feiern lenkt vom Grübeln ab. Amüsanter Selbstfindungstrip. 285 S., DuMont Verlag, 18,95 Euro

Paul Auster: „Unsichtbar“. Affären, Mord, Macht. Tiefgründige Story über Fehlbarkeiten und Tragik des Lebens. Gelesen von Schauspieler Burghart Klaußner. Hörbuch (6 CDs), DAV, 24,95 Euro

Tom Rachmann: „Die Unperfekten“. Kriselnde Zeitung in Rom voller Charakterköpfe. Was wird aus den Überlebenskünstlern nach dem Aus? Mitfiebern, mitlachen, mitleiden. 400 S., dtv, 14,90 Euro