Selbst in einer Burlesque-Bar würde Clare Maguire noch aus der Masse herausstechen, nicht nur wegen ihrer Körpergröße von knapp 1,80 Metern. Lippenstift und Nagellack sind farblich abgestimmt auf die blutroten Pumps, die sie nur noch gewaltiger aussehen lassen. Das schwarze Spitzentop und der paillettenbesetzte Minirock schmiegen sich eng an den Körper der Sängerin, der geschwungen ist wie eine Sanduhr. Die langen Beine übereinandergeschlagen thront die 23-Jährige im zweiten Stock des Electric House mitten in Notting Hills Portobello Road am Kopfende eines ovalen Edelholztischs. Man kann sich gut vorstellen, wie wichtige Papiere über diesen Tisch geschoben werden, so wie vor drei Jahren, als sie genau hier ihren Plattenvertrag für ihr nun erscheinendes Debütalbum „Light After Dark“ unterzeichnete. Drei Jahre.

Video-Tipp: „“ von Clare Maguire

Eine lange Zeit für eine Newcomerin. Doch ihre Plattenfirma schenkte ihr Vertrauen, brachte sie mit den richtigen Menschen in Kontakt – und wartete. Drei Jahre, in denen sie Schnäpse mit Jay-Z kippte, von Produzentenlegende Rick Rubin unveröffentlichte Demos von Johnny Cash vorgespielt bekam und immer wieder Songs ablehnte. Sie wollte ihren eigenen Weg finden, für ihr Debüt keine Hilfe von Jarvis Cocker, Plan B, Cee Lo Green oder Linda Perry annehmen. Aus einem Guss sollte ihr Debüt sein und trotz des düsteren Grundtons etwas Erhebendes haben. „Ich habe 600 Songs in den letzten drei Jahren geschrieben“, erzählt die Sängerin. Allein die ersten beiden Lieder ihres Albums zeigen, dass sie die richtigen ausgewählt hat: „Ain’t Nobody“ ist eine melancholische Bombastballade, getragen von einer dramatischen, keltischen Mystik. Bei „Last Dance“, einem traurigen, aber hoffnungsvollen Popsong, den sie tief bewegt am Tag nach Michael Jacksons Tod schrieb, durchfährt einen ihre dunkle Stimme wie das Läuten einer Kirchturmglocke. Vergleiche mit alternden Größen wie Annie Lennox, Kate Bush und Cher drängen sich auf – und verblassen wieder, weil sie zu vielseitig, zu wandelbar, zu 2011 ist.

Clare Maguire hat Erfolg verdient, hat hart gearbeitet, so wie ihr Vorbild: ihr Großvater. Ein schuftender Ire, der nach England auswanderte und ein Bauunternehmen aufzog, das die Maguires bereits in der zweiten Generation ernährt. Als sie mit 17 die Schule verließ, arbeitete sie tagsüber bei der Bekleidungskette Topshop, faltete T-Shirts und zupfte die Oberteile an den Schaufensterpuppen zurecht. Die Nächte verbrachte sie damit, Demo-Songs einzusingen und bei Myspace hochzuladen. Zum Schlafen war kaum Zeit, doch ihren Traum hatte sie stets vor Augen, bis endlich die richtigen Menschen ihr Donnerorgan hörten, ihr Talent erkannten und den Traum am Tisch in Notting Hill wahr werden ließen. Von hier nach ganz oben ist es für Clare Maguire nicht mehr weit.