Adele mag keine Schuhe, aber Zigaretten. Während Erstere achtlos neben dem Sofa liegen, zündet sie sich eine an. Aber nicht, ohne vorher zu fragen, ob es störe, wenn sie raucht. Tut es nicht. Vielmehr fragt man sich, ob ein Zusammenhang zwischen Nikotinkonsum und Adeles rauchiger Stimme besteht, die auch auf ihrem zweiten Album so gewaltig anrollt, dass man die Boxen festhalten möchte, damit der energische Retro-Soul sie nicht umbläst. Die 22-Jährige lacht: „Stimmt, gerade der Opener ‚Rolling In The Deep‘ hat eine Menge Power. Er war einer der ersten Songs, die ich für die Platte schrieb, und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem ich wirklich stinksauer und angepisst war wegen meines damaligen Freundes.“ Dass der Song schließlich nur einen Tag nach der Trennung von besagtem Boyfriend aufgenommen wurde, tat sein Übriges: „Ich war so voller Zorn, dass ich definitiv keine Ballade hätte singen können“, sagt sie und schüttelt in erinnernder Entrüstung ihren rotbraunen Haarschopf.

Video-Tipp: „Rolling In The Deep“ von Adele

Ja, die Geschichte mit dem Ex-Freund, die zieht sich durch dieses Album wie der Regenwurm durchs frisch umgegrabene Beet. Und sie ist ein Grund, warum die Engländerin zwei Jahre nach ihrem umjubelten Debüt „19“ wieder ihr Alter zum Titel gemacht hat. Anfangs nicht ganz freiwillig: „Ich hasste die Idee, diese Platte wieder nach meinem Alter zu benennen. ‚No fucking way‘, habe ich damals gesagt. Aber dann, als sie fertig war, wurde mir klar, wie sehr ich mich in diesen zwei Jahren verändert habe“, erzählt sie.

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Dann gab es noch die Begegnung mit einem weiblichen Fan auf der Straße, den Adele nach ihrer Meinung zum Titel fragte. „Nein, Baby, das ist überhaupt kein Problem, weil wir alle sehen wollen, wie du erwachsen wirst“, ahmt Adele die Antwort mit schrillem Akzent nach. Wenn es die Fans glücklich macht, ist die Musikerin souverän genug, auf sie zu hören. Doch Adeles Reifeprozess spiegelt sich nicht nur in stampfenden Beats und emotionalen Balladen wider, sondern auch in ihrer Fähigkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen.

Auf „21“ vollführt sie das mit der Eiswürfel schmelzenden Klavierballade „Someone Like You“. Für alle, deren erste Liebe eine längst vergilbte Erinnerung ist, bleibt der mitreißende Mix aus Soul, Jazz, Gospel, ganz viel 90er-R&B und, wer genau hinhört, Countrypop-Schmelz. Dieses Album, sagt Adele, sei wie ein Schnappschuss einer wichtigen Lebensphase. „Wenn ich später mal Enkel haben sollte, dann kann ich ihnen meine Platte wie eine Art Fotoalbum zeigen und sagen: ,So war ich, als ich in eurem Alter war‘“, krächzt sie mit verstellter Stimme derart gekonnt, dass die Frage nach dem Rauch in der Stimme mit dem Glimmstengel im Aschenbecher schon längst verglüht ist.