Schnellen Schritts geht es durch die breiten Gänge des Kölner Brainpool-Gebäudes zum Interview mit Lena, wenige Tage vor ihrer Tour, vorbei an „Schlag den Raab“-Requisiten und Menschen mit Headsets, die auf Tretrollern durch die Flure gleiten, bis vor den Raum, aus dem sie wie bestellt herausstürzt. Ihr Auftritt, bitte. Lena schraubt sich auf einem Bein um die eigene Achse, verdreht die Augen zu einem Schielen und erklärt erst mal, warum sie nicht die Hand geben kann: Nägel frisch lackiert. Zum Beweis streckt die 19-Jährige ihre Hände vor. Stimmt. Stinkt noch. Aber Begrüßung muss sein, und so bietet sie zum Ausgleich ein High five mit kleinem Luftsprung an. Angenommen. Verrückt ist sie also immer noch. Durch die Wände dringen gedämpft Schlagzeug und Bläser der Heavytones, die für „TV Total“ proben.

PRINZ: Lena, dein zweites Album ist draußen, die Tour steht an, der Eurovision Song Contest rückt näher. Wofür bleibt dir im Moment eigentlich noch Zeit? Lena: Essen und schlafen.

Seit wann geht das schon so? (Lena lacht) Seit einem Jahr.

Klingt gar nicht so schön. Doch, doch, das täuscht jetzt. Zwischendurch hatte ich immer mal wieder eine Auszeit, so zwei Wochen. Ich war beispielsweise in New York.

Was hat dich das Show-Business im letzten Jahr gelehrt? Dass man nicht immer das machen muss, wovon man denkt, dass man es machen muss. Und dass man Sachen aussprechen muss. Die Leute um einen herum können nicht riechen, was man möchte.

Hast du deinen Promi-Status schon mal ausgenutzt? Ja. Zum Beispiel für einen Logenplatz beim Boxkampf.

Und um jemanden zu treffen, beispielsweise Leute, die in einer Sendung von Stefan Raab zu Gast sind? (Wie beispielsweise Soul-Sänger Aloe Blacc („I Need A Dollar“), der für Lena den Song „At All“ schrieb, nachdem sie sich bei „TV Total“ getroffen und ausgetauscht hatten.) Nee. Nicht wenn man sich vorher nicht kennt. Zum Beispiel war Joy Denalane neulich zu Gast bei „TV Total“. Wir kannten uns ja schon aus anderen Sendungen. Da habe ich gesagt, ich gehe mal kurz vorbei und sage Hallo. Aber wenn jetzt hier Alicia Keys stehen würde, die bei „Schlag den Raab“ auftritt, würde ich nicht sagen: „Könn‘ wir da bitte, bitte hingehen?“

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Kommst du überhaupt noch mit Gleichaltrigen klar, jetzt, wo du in einer sehr erwachsenen Welt lebst und täglich deutlich ältere Menschen um dich herum hast? Früher, in der Schule, hatte man seine Homies, mit denen man abhängt. Das habe ich jetzt nicht mehr, aber das ist nach dem Abi ja ganz normal, wenn alle weggehen. Meine beste Freundin, die auch immer meine beste Freundin war, war gerade ein halbes Jahr in Australien. Das war ganz gut, denn auch sie ist daran gewachsen.

Lena ist Lena geblieben. Sie lacht viel, zappelt, gestikuliert, verstellt ihre Stimme. Aber sie nimmt sich inzwischen eben auch die Freiheit, den Quatsch mal beiseitezulassen.

Wie sehr hast du dich im zurückliegenden Jahr wirklich verändert? Ich habe mich privat nicht viel verändert. Aber ich bin reifer geworden. Ich musste mich ja vorher um nichts kümmern. Ich war in der Schule, habe nie gearbeitet, musste mich nie um eine Sozialversicherungsnummer kümmern oder die Miete überweisen. Es passiert einfach viel. Und ich weiß einfach mehr.

Du bekommst ja im Moment auch viel Gegenwind. Wie kommst du mit negativen Kommentaren von fremden Menschen über dich, zum Beispiel bei Facebook und YouTube, klar? Darüber darf man sich einfach keine Gedanken machen.

Gibt es auch Prominente, die du richtig scheiße findest? Ja.

Und siehst du diese Personen nun in einem anderen Licht? Nö. Ich läster zwar auch mal mit meinen Freundinnen, aber ich muss das nicht öffentlich machen. Ich reg‘ mich einfach nur zu Hause auf.

Lass uns mal auf die Sonnenseite des Show-Geschäfts wechseln. Was ist denn nun spitzenmäßig am Berühmtsein? Dass ich das machen kann, was mir am meisten Spaß macht, und damit auch noch mein Geld verdiene.

Bist du reich? Also für meine Verhältnisse bin ich reich. Ich hatte vorher immer so 80 Euro auf dem Konto. Im Monat. Weil ich von meiner Patentante ein bisschen was überwiesen bekommen habe.

Was ist nun aufregender: deine Tour oder der nächste Eurovision Song Contest? Die Tour, weil ich so etwas noch nie gemacht habe.

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Die Aufregung ist nicht unberechtigt. Entwaffnend offenherzig gab Lena in der Sendung „Unser Star für Oslo“ vor einem Jahr noch zu, dass sie nicht mal eine Atemtechnik habe. Nun steht sie kurz davor, neun Konzerte in rund zwei Wochen zu geben.

Hast du schon die Power, um ein ganzes Konzert durchzustehen? Das klappt schon ganz gut. Ich habe ja früher viel Ballett gemacht und ganz viel getanzt, das heißt: Ich habe echt Muskeln und so. Aber: Ich bin ein Ausdauerwrack. Seit einiger Zeit gehe ich ins Fitnessstudio, jeden Abend 30 bis 40 Minuten auf den Kardio-Trainer. Und das ist so deprimierend! Ich habe eine Herzfrequenz von 185 und schwitze wie Sau. Furchtbar. Aber ich arbeite dran.

Was kannst du denn jetzt, kurz vor der Tour, schon konkret über deine Konzerte verraten? Es wird eine riesengroße Lichtshow geben, was ziemlich cool wird, ein Riesending. Ich glaube, dass die Leute, die meine Musik hören, darauf stehen, die Songs so zu hören, wie sie sind, um mitsingen zu können. Trotzdem haben wir uns ein paar andere Strukturen oder lustige Übergänge überlegt. Es sind noch zwei Coversongs dabei, die nicht auf dem Album sind. Vielleicht rappe ich auch ein bisschen.

Du und Rap? Warum nicht? Mal gucken. Außerdem wird es auch Tänzerinnen geben. Im Prinzip wird es ein relativ klassisches Konzert, keine Megashow wie bei Kylie Minogue. Ich werde nicht von Sklaven auf die Bühne getragen. Wir werden einfach Spaß haben.

Hast du dich eigentlich früher für den ESC interessiert? Nein.

Und das ist bei sehr vielen Menschen der Fall. Doch nun hat jeder eine Meinung, und viele ärgern sich, dass sie nicht entscheiden durften, wer für Deutschland antritt. Findest du das undankbar? Nee. Ich glaube, es ist eine natürliche Reaktion, dass erst mal alles schlechtgeredet wird, bevor es gut sein kann. Natürlich finde ich es nicht schön, wenn jemand schlecht über mich schreibt. Vielleicht sollte man einfach erst mal abwarten, wie es tatsächlich wird beim ESC.

Denn immer wieder auffällig: Der Wettbewerb orientiert sich am Vorjahressieger. So fiedelten beim ESC 2010 beispielweise viele Länder, nachdem der singende Geiger Alexander Rybak im Jahr zuvor den Titel holte.

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In diesem Jahr treten viele Länder mit kommerziellem Pop an, der Wettbewerb wirkt fast ein wenig „lena-isiert“. Welche Songs gefallen dir persönlich? Ich finde auf jeden Fall, dass dieses Mal bessere Musik dabei ist. Echt. Ich mag Bulgarien total, Poli Genova. Und, wofür man mich schlagen wird: Irland mit „Lipstick“. Die Zwillinge mit den blonden Iros. Ich finde die sooo cool. Dann finde ich den Italiener noch toll. Aber ich denke, der wird vielleicht nicht so weit kommen, das ist so ein klischeehaftes Italien-Lied. Und wen finde ich noch cool …? Estland! Nee, doch nicht. Weiß nicht mehr.

Hättest du gedacht, dass Deutschland dich mit „Taken By A Stranger“ zur Titelverteidigung schickt? Ich habe das Album vorher meiner Familie vorgespielt, und einer hat bei dem Lied gesagt: „Das isses. Das wird’s! Dafür ruf‘ ich an.“ Und ich sagte: „Quatsch mit Soße.“ Ich finde das Lied total super, habe mich stark dafür gemacht, dass es überhaupt auf das Album kommt. Ich denke auch, dass es eine gute Wahl ist. Wir werden die anderen Länder damit überraschen.

Mal angenommen, du holst den Titel tatsächlich noch einmal: Würdest du auch ein drittes Mal antreten? (Lena überlegt lange) Nee, ich glaub‘ nicht.

Wie stehen die Chancen, dass dich Stefan Raab doch noch überreden könnte? (Lena lacht) Wenn die Gage stimmt … Ich glaube ja nicht daran, dass ich noch mal gewinne.

Warum nicht? Weil ich das nie glaube. Ich habe bei „Unser Star für Oslo“ nicht geglaubt, dass ich gewinne. Ich habe auch beim letzten ESC nicht geglaubt, dass ich gewinne. Vielleicht, weil ich so nicht enttäuscht werden kann. Und weil ich sonst nie etwas gewonnen habe.

In den letzten zwölf Monaten hast du ziemlich viel gewonnen, zuletzt zwei Echos. Kriegst du noch alles zusammen? Ganz schön viele Preise auf jeden Fall. Aber früher … Ich habe mal mit meiner Mama eine Kaffeemaschine gewonnen. Beim Kreuzworträtsel. Einem total einfachen.

Hast du schon Urlaubspläne, wenn die Tour und der Eurovision Song Contest erst mal hinter dir liegen? Ein paar Wochen Amerika. Mir hat an New York gut gefallen, dass die Leute mit Scheuklappen rumlaufen, alles voll anonym ist und sich eigentlich keiner um den anderen kümmert. Andere finden das doof. Aber ich find’s super.

Sascha König