Der Anschluss fiel ihnen schwer. Nach ihrem umjubelten Debütalbum vor vier Jahren brauchten The Wombats zwei Anläufe für den zweiten Wurf. „Nach dem langen Touren waren wir mental in einer miserablen Verfassung“, sagt ihr mit Robert-Smith-Gedächtnisfrisur dekorierter Lead-Sänger Matthew Murphy. „Erst dachten wir, ein Grunge-Album wäre der Befreiungsschlag, weil es weit von dem entfernt ist, wofür wir eigentlich stehen. Doch unser Label war entsetzt, als es die Songs hörte.“ So packte Murphy sein Keyboard ein, zog von London zurück zu seinen Eltern in die Arbeiterstadt Liverpool, lebte, liebte, fand Inspiration in den Freuden des Alltags und entwarf mit seinen zwei Mitstreitern einen geradezu frenetischen Sound, der im Vergleich zum Debüt dank Tempowechsel und Synthesizer schon mal auf Stadiongröße anschwillt. Doch der erste Schein trügt.

The Wombats 2.0 sind mehr als die spaßigen Indierocker, für die sie gehalten werden. „Wir sind oft sogar wahnsinnig ernsthaft. Wir sind Philosophen des Alltags“, sagt Murphy. Damit diese Facette auf dem zweiten Werk nicht zu kurz kommt, funktionieren ihre Songs nun wie Schichtnougat. Dabei ist es eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man sich auf dem Gaumen jede Schicht einzeln zergehen lassen will, oder gleich das ganze Praliné auf einmal lutscht.

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Video-Tipp: „Techno Fan“ von The Wombats

„Es ist ein bisschen wie bei ‚Inception‘“, erklärt Murphy. „Die obere Schicht ist zum Wohlfühlen. Die darunter hält dich zum Nachdenken an. Dann gibt es eine dritte Schicht, wo alles etwas sonderbar und verrückt wirkt. Und wenn du ganz unten angekommen bist, hast du dich total darin verloren.“ So gebärdet sich die neue, mit Streichern verzierte Single „Anti-D“ als Jekyll und Hyde: Es geht um Abhängigkeit von Antidepressiva, aber auch darum, selbst das Antidepressivum für jemanden zu sein. „Last Night I Dreamt“ ist indes fröhlicher Gitarrenpop, bei dem sich der egomanische Protagonist sorgt, irgendwann mutterseelenallein verenden zu müssen. Und das verträumte „Techno Fan“ ist nicht etwa eine Ode an eine Musikbewegung, sondern an die Zweckentfremdung von Toiletten. „Der Besuch einer Minimal-Techno-Clubnacht diente mir als Inspiration. Dort waren die Schlangen vor den Klos fest in den Händen von Dealern“, erzählt Murphy, der eigentlich nur pinkeln wollte.

Zum Schmunzeln gibt es natürlich auch einiges, wenn die Wombats mit dem 80er-Elektropop von „Girls/Fast Cars“ ihren zwei Lastern frönen oder im Beatles angehauchten „Schumacher The Champagne“ einen deutschen Formel-1-Gewinner Flaschen köpfen lassen. Dem Label gebührt also Dank dafür, den Wombats ihr Grunge-Tief zu verzeihen und sie zum Nachsitzen zu verdonnern. Das Ergebnis zählt: Und das sind perfekte, witzige, doppelbödige Popsongs, immer getreu dem Motto: „Don’t bore us, get to the chorus!“

Fazit: Außen Party-Rock, innen Theken-Philosophie – geht runter wie Öl.