Klack, klack, klack, so klingt der Weckruf am Strand von Tel Aviv. Es ist früh am Tag, die Sonne strahlt vom makellos azurnen Himmel, und auf der Promenade schlägt ein Dutzend Beachtennis-Spieler mit Holzschlägern nach kleinen Gummibällen. Im Sand üben Frauen Yoga, junge Männer spielen Volleyball, Jogger hetzen vorüber, im Meer paddeln Wellenreiter auf ihren Boards.


Klack, klack, klack: „Das ist der Sound von Tel Avivs Strand im Sommer“, erklärt Helena. Die 24-jährige Studentin wohnt in Neve Tzedek, dem hippsten Ausgehviertel der Stadt, nur einen Katzensprung vom Meer entfernt. Aber das trifft in Tel Aviv auf so ziemlich jedes Viertel zu: Der Strand säumt die gesamte Stadt von Norden nach Süden. „Und Beachtennis spielt dort jeder“, sagt Helena.

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Es ist Freitag, das jüdische Wochenende naht, und bevor die Geschäfte mit Sonnenuntergang bis zum Sonntagmorgen schließen, will Helena noch ein wenig shoppen: „In der Sheinkin Street, da gibt es jede Menge kleine Läden, viele mit Mode von jungen Designern.“ Bei „Hashmal 15“ steuert sie auf eine Handtasche in Schlangenleder-Look zu, probiert Blusen und Pullover, die ausschauen, als seien sie aus den 50ern oder 70ern, jedoch alle neue Stücke israelischer Designer sind. „Wunderschöne Sachen gibt es auch bei Anya Fleet. Die wurde 2010 zu Israels Designerin des Jahres gewählt“, schwärmt Helena. Aber ihr Laden gegenüber vom Rathaus ist für heute zu weit.

Lieber schlendert Helena über den Rothschild Boulevard, vorbei an Wohnhäusern in Bauhaus-Architektur. Von den meisten blättert der Putz, weiß wie einst sind sie längst nicht mehr. „Es ist eine Schande, dass die Gebäude so verfallen“, sagt Helena. In vielen der Häuser sind Restaurants und Cafés eingezogen, etwa das „Benedict“ mit weißen Kacheln und französischem Charme, in dem tags wie nachts Frühstück serviert wird.

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Gegenüber, auf dem breiten Alleeweg zwischen den Fahrbahnen des Boulevards, führen 59lässig gestylte junge Leute Hunde spazieren oder sitzen mit ihrem To-go-Becher aus einem der Kaffee-Kioske auf Bänken und Bordsteinen. Sie lachen, flirten, telefonieren. Eine Kippa, die traditionelle jüdische Kappe, trägt niemand. „Die meisten jungen Leute hier interessieren sich weder für Religion noch für Politik“, sagt Helena. „Sie leben in Tel Aviv, weil man hier jede Menge Spaß haben und feiern kann.“

Der Beweis folgt am Abend, nach einem Dinner im „Kimmel“. Das Restaurant in Neve Tzedek sieht aus wie eine Mischung aus Scheune und Kolonialwarenladen: Auf Holzregalen lagern alte Waagen und Flaschen, Zinkeimer und Weidenkörbe baumeln unter der Decke. Das Essen allerdings ist gar nicht rustikal. Der Kellner bringt Teller mit Risotto, Gänseleber, Lachs und Chicken-Kebab, dazu schenkt er einen üppigen Chardonnay von den Golanhöhen ein. „Israels Küche, das ist italienische Pasta, syrischer Hummus, bulgarischer Käse, türkischer Kaffee“, erklärt Helena den köstlichen internationalen Mix auf dem Tisch – und will weiter, ins Nachtleben von Neve Tzedek.

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Hier sind die Häuser ebenso verfallen wie am Rothschild Boulevard. Doch egal, welche der vielen Bars hinter den bröckelnden Fassaden man betritt: Jede einzelne ist außergewöhnlich, ein Design-Kunstwerk. Durchs Fenster des „Jajo Vino“, an dessen purpurnen Wänden jede Weinflasche in einem eigenen Holzregalfach thront, winkt Helena kurz dem Kellner zu. Dann huscht sie in die Schwester-Bar „Jajo“ gegenüber, plaudert mit dem Besitzer, und der stellt einen Whisky-Shot auf die Theke. Ein Schluck, „lechaim“ – prost, und weiter geht’s ins „Nanuchka“.

Die Restaurant-Bar gehört Helenas Freundin Nana, ist rappelvoll – und ein bunter Datscha-Trash-Retro-Stilmix. Die Gäste sitzen auf farbenfrohen Chesterfield-Barhockern, in die hölzernen Tischplatten sind hebräische Gedichte eingebrannt, Plastikblumen klemmen im schmiedeeisernen Treppengeländer. Orangefarbene 70er-Jahre-Lampenschirme filtern das Licht, auf dem Herrenklo steht ein Gynäkologenstuhl, bei den Damen hängen russische Ikonen und ein Blutdruck-Messgerät an der Wand. Dass die Musik zwischen Abba, House und Lady Gaga wechselt, wundert da gar nicht.

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Nana, die diese coole Villa Kunterbunt eingerichtet hat, serviert ebenfalls einen Whisky-Shot, winkt zum Abschied, und Helena zieht weiter ins „Tishler“. In der rustikalen Bar hängt ein altes Wagenrad an der Decke, ein junger Mann tanzt auf dem Tresen, eine Frau auf einem der Holztische: kein Gast, der nicht wenigstens wippt im Takt der Musik. Die spendiert ein DJ, der neben House und Charthits auch griechische Songs auflegt. „Die sind ganz groß hier in Tel Aviv, die Leute lieben es“, ruft Helena. Und tanzt in der Menge fröhlicher, lässiger Menschen davon.

Am Samstag wird die Party-Stadt Tel Aviv dann ruhiger. Ihre Bewohner sitzen auf den Café-Terrassen und trinken türkischen Mokka, nicht einmal die Busse fahren. Helena löffelt Shakshuka, ein traditionelles israelisches Frühstück aus Spiegeleiern und gewürzter Tomatensoße mit Huhn oder anderem Fleisch, in der Pfanne serviert. „Das beste gibt es hier, im ,Dr. Shakshuka‘“, lobt sie und stippt Weißbrot in die Soße. Hinter ihr schwenkt der Koch die verbeulten Pfannen überm offenen Herdfeuer, seine Gäste sitzen zwischen Mauerruinen auf Campingstühlen, und Helena überlegt, wie sie den Nachmittag verbringen will. Vielleicht am Strand, den Wellenreitern zusehen. Oder einfach die Augen schließen und dem Klack, klack, klack lauschen, dem Sound von Tel Avivs Strand im Sommer.

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CAFÉS & RESTAURANTS
Benedict Frühstück rund um die Uhr in drei Bistro-Cafés im französischen Stil u.a. 29 Rothschild Blvd., benedict.co.il

Kimmel Hervorragende Cross-Over-Küche in dem urigen, detailverliebten Restaurant in Neve Tzedek. 6 Hashahar,kimmel.takealike.com

Dr. Shakshuka Zwischen verfallenen Mauern in Jaffa isst man das beste Shakshuka der Stadt, das traditionelle Frühstück aus pfannengebratenen Tomaten und Eiern. 3 Beit Eshel St.

Basta Kreative junge Küche mit frischen Produkten vom Carmel-Markt nebenan. Manchmal kochen internationale Spitzenköche. 4 Hashomer St.

Boya Modernes Restaurant in einer Halle des restaurierten Hafenviertels; gute israelisch-internationale Küche.3 Hata’arucha St., Tel Aviv Port, boya.co.il

SHOPS
Hashmal 15 Drei Shops mit origineller, außergewöhnlicher Retro-Mode für Frauen und Männer u.a. 35 Sheinkin St.

Anya Fleet wurde 2010 zur israelischen Designerin des Jahres gewählt. Edel-coole Damenmode mit originellen Details.21 Kikar-Masarik, anyafleet.com

A+ Die klassisch-verspielten, preiswerten Designerstücke für Damen gibt es in drei Shops in Tel Aviv u.a. 12 Sheinkin St.

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BARS & CLUBS
Jajo & Jajo Vino Intime Bar mit entspanntem Publium und griechischer Musik. Schräg gegenüber: die kuschelig-elegante Weinbar. 47 bzw. 44 Shabazi St.

Nanuchka Originelles Bar-Restaurant im Gipsy-Trash-Retro-Stil. Mix-Music von Abba bis aktuell. 30 Lilienblum St.

Tishler Rustikale Bar in Neve Tzedek, in der zu gemischtem Sound getanzt wird.7 Karlibach St.

Abraxas Stylisch-schummrige In-Bar, in der getanzt wird; immer voll. Gleichnamiges Restaurant nebenan. 40 Lilienblum St.

Evita Hipper Gay-Club mit gutem House und Drag-Partys.31 Yavne Street

HOTEL-TIPPS
Port Hotel Kleines Hotel am restaurierten Hafen, das gratis Fahrräder verleiht. Helle, hübsche Zimmer, DZ ca. 120 Euro. 288 Ha Yaarkon St.,porthoteltelaviv.com

Art+Hotel Mix aus Retro-Style und modernem Design, zum Teil gestaltet von israelischen Künstlern. Sehr zentral gelegen, DZ ab ca. 130 Euro.35 Ben Yehuda St.,atlas.co.il/art-hotel-tel-aviv

St. Immanuel Hostel Schlichtes, gemütliches Hostel mit Doppelzimmern und Schlafsälen, nah an Strand und Neve Tzedek, DZ ab ca. 70 Euro.8 Auerbach St., Jaffa,beitimmanuel.org

ALLGEMEINE INFOS
Flüge nach Tel Aviv, etwa von Berlin, München oder Düsseldorf, dauern rund vier Stunden, z. B. mit El Al, elal.co.il

Aktuelle Tipps und Termine nennen die Websites visit-tlv. com und telavivcity.com/eng