Wer stehen bleibt, kommt unter die Räder. Man muss schon eins mit ihm werden, sich einflechten in den nervenaufreibenden Wahnsinn, der sich wie ein Lavafluss rund um den Platz der Geköpften wälzt. Hier in Marrakesch nennt man das Verkehr. Ein unberechenbares Miteinander von Eselskarren, Luxusautos, Pferdekutschen, Taxis, Touristenbussen und Mopeds. Aber es funktioniert. In der alten Königsstadt haben Tradition und Moderne einen gemeinsamen Weg gefunden.

Das wahre Abenteuer aber wartet hinter der Straße am Fuß der Koutoubia-Moschee. Wenn der Abendhimmel sich wie ein kobaltblauer Schleier über die Altstadt legt und der Gebetsruf des Muezzins aus den Lautsprechern der Minarette scheppert, schreibt sich das Märchen Marrakeschs täglich von Neuem. Weiße Schwaden aus Rauch und Dampf steigen aus den offenen Garküchen auf. Der Duft von Grillfleisch würzt die Luft. Ein halbes Dutzend Trommeln liegen im Clinch miteinander. Ihre Rhythmen konkurrieren hier auf dem Djemaa el Fna, dem Platz der Geköpften, ebenso um Aufmerksamkeit wie die Zigarettenverkäufer mit ihren klimpernden Münzgeldhäufchen und Kinder mit ihren Mitleidsaugen.

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Bald wird es dunkel. Die Schlangenbeschwörer packen ihre Kobras zurück in die Holzkisten. Es könnte eine verloren gehen. Das Zischen übernehmen jetzt andere. „Haschisch? Haschisch?“, flüstern junge Männer in Lederjacken und Fußballtrikots. Überall bilden sich Menschenkreise: um den Zahnlosen im zerfledderten Clownskostüm. Um die Salti schlagenden Berberäffchen. Um den Greis mit dem Falken, der Geschichten aus einer anderen Zeit erzählt. McDonald’s soll vor einigen Jahren versucht haben, hier eine Filiale zu eröffnen. Für so einen Frevel rollten im Mittelalter auf diesem Platz die Köpfe. Danach spießte man sie zur Abschreckung auf.

Am Morgen ist derselbe Platz kaum wiederzuerkennen. Nur eine Hand voll Stände mit gestapelten Orangen, Nüssen, Feigen und Datteln hält die Stellung. Die beste Zeit, um an der Nordseite des Platzes in die Souks einzutauchen, dem Markt- und Handwerks-Labyrinth Marrakeschs. Die Sonne brennt sich durch die Ritzen der roten Zementschindeln über dem Gassengewirr. Es ist ruhig und leer. Gut für einen Bummel ohne Gedrängel. Es ist so schon schwer genug, sich nicht zu verirren. Früher waren die schmalen Straßen strikt nach Gütern aufgeteilt. Heute ähnelt sich die Warenmischung hinter jeder Biegung: Gewürze, Messingtöpfe, Teppiche, Lederwaren, Schals. Als Orientierung gilt: Stinkt und lärmt es, ist man weit von Moscheen entfernt. Überall wachen Porträts von König Mohammed VI. über die Geschäfte. „Er ist ein Guter. Tut was für die Frauen hier im Land“, bemerkt eine ältere Dame, Typ Französischlehrerin. „Aber sein Vater sah besser aus“, erwidert ihre Freundin, während sie Lederpantoffeln anprobiert.

Man muss schon genau hinschauen, um Perlen wie das „AkbarDelights“ zu entdecken. Obwohl der Unterschied offensichtlich ist: Hier gibt es eine Tür. Dahinter sitzt Yann Dobry an seinem Laptop, das Handy am Ohr. Er plant schon wieder die nächsten Reisen nach Paris oder New York. Dort tankt der Designer großstädtische Inspiration, die er in Schmuckkreationen, Wohnaccessoires und Bekleidung einfließen lässt. Er macht es wie der Verkehr: Traditionelles und Modernes zusammenführen.

Auch Andrea Kolb fasziniert die spannende Energie, die aus diesem Clash erwächst. Ihr „Riad Anayela“ liegt im Norden der Altstadt. Sie und ihr Mann Bernd Kolb, früher Innovationsvorstand der Telekom, ließen das verfallene Herrschaftshaus zu einer luxuriösen Wohlfühloase renovieren. Fast 1000 dieser Riads findet man in Marrakesch inzwischen, traditionelle Wohnhäuser mit zentralem Innenhof, die oft von ausländischen Investoren modernisiert wurden. „Wir haben mit dem ,Anayela‘ ein ganz gutes Beispiel geschaffen, wie das Nebeneinander funktionieren kann“, sagt die 39-Jährige, die seit drei Jahren zwischen Berlin und Marrakesch hin- und herpendelt. „Es kommt vor allem auf Respekt an. Zimmermann, Schreiner, Eisenmacher: Das waren alles Nachbarn, die an dem Haus mitgearbeitet haben.“ Eine Zusammenarbeit, die mit drei World Hotel Awards belohnt wurde.

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Vor der lehmroten Stadtmauer lächelt Eva Longoria lasziv von den Plakatwänden. Die Schauspielerin preist Immobilien an, wie sie draußen vor den Toren Marrakeschs im Dutzend geplant sind: Wohnanlagen für Millionäre, Villen, Fünfsternehotels und Luxus-Resorts. Im Oktober während der Erstauflage der Kunstmesse Marrakech Art Fair wechseln sicher einige davon den Besitzer. Spätestens aber, wenn im Dezember Marrakeschs zehntes Internationales Filmfestival die High Society rudelweise in die Stadt lockt. Stars lieben Marrakesch. Seit der Wiedereröffnung des geschichtsträchtigen Luxushotels „La Mamounia“ ist die Beziehung noch inniger geworden. Vor mehr als 50 Jahren drehte Alfred Hitchcock hier das Remake seines Films „Der Mann, der zu viel wusste“. Im letzten Jahr stöckelte Sarah Jessica Parker für „Sex And The City 2“ durch die Flure. Dieses Privileg gewährt man zwischen 10 und 16 Uhr auch anständig gekleideten Besuchern, um sich ein Bild der prunkvollen Fusion von Art déco und arabischer Architektur zu machen. Es sei denn, ein prominenter Gast will seine Ruhe. Dann bleibt einem nur der verstohlene Blick durch den Haupteingang und das Rätselraten, wer sich wohl hinter den dicken Sonnenbrillen versteckt.

In Yves Saint Laurents Garten hingegen hat jeder Zutritt. Leuchtend blaue, knallig gelbe und orangefarbene Tontöpfe reihen sich entlang des Wegs, der sich durch den Jardin Majorelle schlängelt. Haushohe Palmen spenden Schatten vor der Mittagssonne, die in Erinnerung ruft, dass man sich in Afrika befindet. Hinter jeder Biegung wartet ein Postkartenmotiv: Kakteen, blühende Büsche, kleine Wasserbecken, Tore und Springbrunnen. Selbst die Schwalben zwitschern hier entspannter. Kein Wunder, dass dieser Ort den 2008 verstorbenen Stardesigner inspirierte. Die Farben, die Gerüche – alles ist intensiver.

Für einen Hauch Casablanca in Marrakesch sollte man unbedingt noch ins Grand Café de La Poste reinschnuppern. Es ist das älteste Gebäude in Guéliz, dem modernen Stadtteil Marrakeschs, und hat sich den Charme der französischen Kolonialzeit bewahrt. Die Topfpalmen wippen im Wind der Deckenventilatoren. Zurückgelehnt in die Rattanstühle stoßen adrette Männer in schöner Begleitung auf ihre Geschäfte an. Auch wenn er nie hier war: Man kann sich gut vorstellen, wie Humphrey Bogart auf dieser Veranda wortkarg einen Drink gekippt hätte.

Kurz vor Sonnenuntergang ist es Zeit, sich wieder zum Djemaa el Fna durchzuschlagen. Den besten Blick auf das Schauspiel erhascht man auf der Panoramaterrasse des Café Glacier. Allabendlich versuchen hier Hunderte von Fotoapparaten, die Magie dieses Ortes einzufangen. Vergeblich. Man muss sie riechen und fühlen, die Stadt im Umbruch, die sich so viel bewahrt hat. Am Fuß der Treppe zur Terrasse schnauft eine Amerikanerin: „Don’t they have elevators here?“ Zum Glück noch nicht.

Sascha König

Hoteltipps auf einen Blick

„Heart Of The Medina – Backpackers Hostel“,46-47 Derb Ben Aissa, 8 Euro pro Person und Nacht, marrakech-hostel.com

„La Mamounia“, Avenue Bab Jdid, Preise auf Anfrage, Tel. 00212 / 524 38 86 00, mamounia.com

„Riad La Maison Arabe“,1 Derb Assehbé, DZ ab 140 Euro, lamaisonarabe.com

„Riad Anayela“,28 Derb Zerwal, DZ ab 290 Euro, anayela.com

„Riad Enija“,9 Derb Mesfioui, Rahba Lakdima, DZ ab 230 Euro, riadenija.com

Reiseipp
Alle Marokko-Rundreisen von Marco Polo machen Halt inMarrakesch. Zum Beispiel 13 Tage Marokko von Casablanca bis zum Badeaufenthalt am Atlantik ab 999 Euro inkl. Übernachtung und Flug. Auch Studiosus bietet Reisen mit Aufenthalt in Marrakesch an. Infos, marco-polo-reisen.com, studiosus.com