Es ist früh, kurz vor neun, die Straßen sind noch leer, doch aus den schmalen Gassen dringen schon die typischen Morgengeräusche Barcelonas: das Klappern kleiner Kaffeetassen auf den Untersetzern, Gesprächsfetzen, das unrhythmische Schnipsen und Klatschen, unerlässlich beim wilden Gestikulieren, das jedes Gespräch begleitet. Im kleinen Café „El Born“ im gleichnamigen Stadtteil sitzen Esoteriker, tätowierte Surferboys, alte Damen und Frauen mit tiefen Dekolletés nebeneinander und diskutieren über die aktuelle Schlagzeile auf Seite eins der Tageszeitung. Dazu gibt es Café Cortado, frisch gepressten Orangensaft und Tortillas. „Das Leben am Morgen spielt sich in den Cafés ab“, sagt Jorge, der gerade mit einer geliehenen Vespa vorgefahren ist. „In den Cafeterias und Bodegas trifft sich die ganze Stadt.“


Der 29-jährige Musiker lebt im alternativen Stadtteil El Born und ist gerade auf dem Weg zu dem 30 Kilometer entfernten Nachbarort Sitges. „Wer mit dem Moped unterwegs ist, entdeckt erst, wie schön Barcelona und sein Umland wirklich ist“, schwärmt er. „Man fährt direkt an der karamellfarbenen Küste entlang, genießt den Fahrtwind und den Blick auf das türkisblaue Meer.“

Das kleine Dorf Sitges mit seiner Kirche als Wahrzeichen ist Pilgerstätte von Lebenskünstlern wie auch Partyhochburg der katalanischen Schwulen-Szene: Auf der Flaniermeile L’Un de Maig wird schon am Morgen Kaffeekränzchen gehalten und ungeniert mit den vorbeischlendernden Boys geflirtet. Bars und Clubs wie das „El Parrots“ und das „Pachito“ säumen die Straße, und sobald die Sonne untergeht, avanciert sie zu einem Laufsteg für Drag-Queens und andere Paradiesvögel.

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Sitges ist aber auch der Geburtsort von Facundo Bacardi, dessen „Casa Bacardi“ gleich hinter der Kirche liegt. „Hier lernt man alles über die Entstehungsgeschichte 53des weißen Rums – und wie man den perfekten Frozen Daiquiri mixt“, weiß Jorge. Seine Vespa knattert weiter an der paradisischen Promenade entlang, vorbei an joggenden Schönheiten. Dann geht es zurück über die Passstraßen Richtung Barcelona.

Dort lässt Jorge das Moped gemächlich durch die kleinen touristenarmen Parallelstraßen der Ramblas rollen. Dabei weist er auf die vielen versteckten Läden junger Modedesigner wie Miriam Ponsa oder Bibian Blue. „Die Kollektionen beider Designer waren bei der diesjährigen ,080 Barcelona Fashion Show‘ zu sehen: Miriam Ponsa hat die Kür gewonnen“, erinnert er sich. Hier, im Stadtteil Raval, befindet sich auch das Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MacBa), das moderne Werke spanischer und internationaler Künstler nach 1950 zeigt. Bevor das imposante gläserne Gebäude im Bauhausstil in Sicht kommt, stellt Jorge den Motor aus. So ist das laute Scheppern zu hören, das Knallen, wenn Bretter auf Beton schlagen: Vor dem Museum probt Barcelonas Skater-Szene und zeigt Schaulustigen waghalsige Sprünge und Tricks. Das Publikum isst, dreht sich unter strahlender Sonne Zigaretten und diskutiert sozialpolitische Themen. Der im Holzfass gelagerte Wein, der dabei getrunken wird, kommt meist von einem Kiosk namens „La Bodegueta“ und wird einfach in mitgebrachte PET-Flaschen abgefüllt.


Jorge sitzt schon wieder auf dem Moped und möchte ins benachbarte Künstler- und Musikerviertel Poble Sec. „Dort sind die lässigsten Bars, die besten DJs und interessantesten Leute“, sagt er. Der Beweis folgt rasch: In „La Bodega del Onze“, einer Bar mit Wohnzimmerflair, begleitet Sängerin Cakau die frühabendlichen Funk- und Soulklänge von DJ Roger C. Begeistert applaudieren die Gäste ihrer spontanen Performance. Immer mehr Leute aus der Nachbarschaft treffen ein, und schnell dehnt sich die Feier bis auf den kleinen Gehweg zwischen den Häusern aus.Bevor das Nachtleben beginnt, verabschiedet sich Jorge von den befreundeten Bodega-Besitzern. Er ist hungrig nach der Vespa-Tour, und dass die Spanier vor dem Feiern gern und gut essen, ist kein Geheimnis.

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Wo sich die besten Restaurants befinden, hingegen schon. Zwischen baufälligen und eng zusammenstehenden Gebäuden stellt Jorge den Roller ab: Im Stadtviertel El Born liegt das Fischrestaurant „La Paradeta“. Ein Preis-Tipp: „Der Fisch, der tagsüber auf dem Markt nicht verkauft wird, kommt abends hier in die Pfanne“, weiß Jorge. Auf einem Plastikstuhl, in Marktatmosphäre sitzt er zwischen jungen Leuten, Liebespaaren und Familien. Er isst Taschenkrebse, Gambas und Muscheln, tunkt sein Brot in Aioli und schlürft genüsslich den katalonischen Weißwein.

Jorge kaut noch, als er schon den weiteren Abend plant: „Die besten Cocktails bekommt man in der Bar ,Dry Martini‘ nahe der Avinguda Diagonal“, sagt er. In Herrenclub-Manier werden die Drinks dort mit Essenzen von frischen Kräutern und Gewürzen zubereitet. An der Bar aus edlem Mahagoniholz wird Jorge von einer schönen Brünetten angesprochen. Sie schlägt vor, den neu eröffneten Club „El Row“ auszuprobieren. Dort feiern die Gäste in aufwendigen Burlesque-Kostümen. Pin-up-Girls und Matrosenjungs tanzen zu House und Electro.


Am Morgen dann, nach durchtanzter Nacht, treffen sich Jorge und die schöne Brünette mit ein paar Freunden im Café „El Born“. Sie bestellen Tortillas und Café Cortado, und schon bald klappern die kleinen Tassen, und Schnipsen und wilde Gesten begleiten das hitzige Gespräch über die aktuelle Schlagzeile auf Seite eins.