Draußen liegt London im Winterniesel, doch im Doppeldeckerbus ist davon nichts zu sehen. Alle Fensterscheiben sind beschlagen. Auf den Bänken sitzen Menschen mit schwankenden Köpfen, die gleichmütig hinnehmen, dass sie sich im Schneckentempo durch die Stadt bewegen. Eine Fahrt nach Stoke Newington erfordert Geduld, denn der Stadtteil im Osten Londons hat keine U-Bahn-Station. Die Fahrt lohnt dennoch, denn wer erleben möchte, wo London jung und in Bewegung ist, der muss dahin fahren, wo sich junge Musiker, Künstler und Designer die Mieten noch leisten können.


Mit einem Ruck hält der Bus an der Stoke Newington High Street. Eine belebte Straße mit islamischen Fleischhändlern, karibischen Bestattungsunternehmen, britischen Pubs. Mittendrin das vertraute Gesicht einer Freundin. Vor dem Café „Lemon Monkey“ wartet Susi King. Die Deutsch- Australierin lebt seit acht Jahren in Stoke Newington und kennt sich bestens in der Gegend aus. Als Erstes schlägt sie einen Spaziergang entlang der Stoke Newington Church Street vor. „Hier findest du keine einzige Filiale von Starbucks oder H&M“, erzählt Susi. „Das ist typisch für die Gegend – hier gibt es nur eigenständige Shops.“ Etwa den Secondhand- Laden „Strut“, in dem Amy Winehouse regelmäßig einkauft. „Sie hat sich bei uns ein Leopardendress aus den Sixties gekauft“, erzählt Shopbesitzerin Beth Thorne, die an prominente Kundschaft gewöhnt ist: „Als Alexander McQueen noch lebte, kam er regelmäßig vorbei.“

Inspiration bietet der Laden genug: Die Sonnenbrillen in der Vitrine könnten aus dem Fundus von Elton John stammen, und an den Wänden hängen Mäntel wie am Set von „Mad Men“. Besonders teuer sind die Unikate hier nicht. Viele der Kleider kosten nicht mehr als 50 Pfund, und eine Handtasche aus der vergangenen Saison von Miu Miu ist für 280 statt 1200 Pfund zu haben. Noch vor zehn Jahren hätten sich Designerhandtaschen in der Gegend schlecht verkauft. „Damals wäre ich hier nicht mal aus dem Taxi gestiegen“, verrät Beth. „Doch seit immer mehr junge Kreative aus angesagten Stadtteilen wie Hoxton oder Shoreditch hierher gezogen sind, hat sich vieles geändert.“ Heute fühle sie sich sehr sicher, obwohl es an der nahe gelegenen „Murder Mile“, der Lower Clapton Road, immer noch zu Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Drogengangs kommt.

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In der Stoke Newington Church Street aber grüßt man sich auf der Straße, und in den umliegenden Wohngebieten bauen die Leute Gemüse in ihren Vorgärten an. „Es ist wie ein Dorf“, meint sie. Allerdings kein gewöhnliches, denn in welchem Dorf befinden sich schon indische Restaurants, karibische Nagelstudios und Violinengeschäfte in der gleichen Straße? „Und auf einem Friedhof hier treffen sich schwule Männer“, ergänzt Susi, als wir das Geschäft verlassen und Richtung Abney Park Cemetery mit seinen schiefen alten Grabsteinen laufen. „Die Gräber stammen teilweise aus dem 17. Jahrhundert und sind unter dem vielen Moos und Gestrüpp kaum noch zu erkennen. Zwischen Bäumen und Hecken gibt es viel Platz für ungestörte Treffen.“

Als wir im Secondhand-Shop „Dirty Blonde“ mit dem Verkäufer Dusty Fary aus New Mexico plaudern, schwärmt der attraktive 23-Jährige von dem Friedhof gleichermaßen wie von den Schwulenclubs in der Gegend: „Im Sommer mache ich im hohen Gras auf dem Friedhof Picknick oder schaue mir die wunderschöne verlassene Kirche an, in der die Band Crystal Castles ein Musikvideo gedreht hat. Abends gehe ich in den ,Dalston Superstore‘, die beste Gaybar der Stadt.“

Zum Essen empfiehlt er seinen Lieblings-Inder „Rasa“, von dem es an der Stoke Newington Church Street zwei Filialen gibt. Eine vegetarische und eine, die auch Fleischgerichte anbietet – beide leicht an ihrer pinkfarbenen Fassade zu erkennen. In Letzterer setzen wir uns an einen Tisch am Fenster und probieren uns durch die Küche Südindiens. Wir dippen Bananenchips in Zitronenchutney und essen in Joghurt gekochte Mangos und grüne Bananen für nur fünf Pfund pro Person. Am Ende sind wir uns einig, dass all die lobenden Restaurantkritiken, mit denen die Eingangstür tapeziert ist, recht haben.

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Später treffen wir uns mit Susis Freund Richard im „Three Crowns“-Pub. Mit einem Pint in der Hand fläzen wir uns auf eines der großen Ledersofas unter eine kugelförmige Lampe aus den 70ern. Um uns herum unterhalten sich junge Leute in den unterschiedlichsten Sprachen miteinander. „Was für New York Williamsburg ist, ist diese Gegend für London“, meint Richard. „Wer neu in die Stadt kommt, fängt hier an, sich eine Existenz aufzubauen.“

Mittlerweile hat sich eine Schlange vor dem Pub gebildet, alle wollen in den Keller, wo sich der Liveclub „The Drop“ befindet und heute die Londoner Band Lonely Galaxy auftritt: Es gibt kein Durchkommen mehr. Wir entscheiden uns, zu Fuß ins zehn Minuten entfernte Dalston zu laufen. „Dorthin, wo es die meisten hippen Schnurrbartträger in London gibt“, sagt Richard, als wir die Kingsland High Street entlanggehen. Eine Straße, auf der König Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert auf seinem Pferd vom Stadtzentrum zu seinen Jagdgründen in Stoke Newington ritt.

Heute erinnert nichts mehr an die Vergangenheit. In „Özlem’s Kebab House“ wird gerade eine Hochzeit gefeiert, in einem jamaikanischen Friseursalon lassen sich Männer noch um Mitternacht die Haare schneiden. Ein paar Schritte weiter im „Dalston Superstore“ tanzt regenbogenbuntes Licht über den Tresen, und die Männer haben nur Augen füreinander. Für Gemeinschaftsgefühl sorgt die Unisex-Toilette, auf der sich Männer und Frauen gemeinsam vor dem Spiegel drehen und wenden. „Egal ob straight oder gay, bei uns ist jeder willkommen“, ruft die Barkeeperin gegen die laute Elektromusik an. Richard fügt hinzu: „Seit Beth Ditto und ihre Band Gossip hier den Release ihres letzten Albums gefeiert haben, ist der Laden immer rappelvoll.“ Als die Bar um zwei Uhr morgens schließt, springen wir in ein Taxi. Am Fenster ziehen die Fassaden unterschiedlichster Geschäfte vorbei: Carribean Nail Salon, Shanghai Take Away, Turkish Minimarket. Es ist, als würde der Abspann eines Films laufen, in dem die ganze Welt mitspielt.

Aileen Tiedemann

Adressen und Hotel-Tipps auf einen Blick

NACHTLEBEN
Three Crowns Gastropub, in dem man gut essen und trinken kann. Liveclub „The Drop“ im Untergeschoss. 175 Stoke Newington High St

Ryans Bar Pub mit kleiner Konzertbühne, in dem thailändisches Essen serviert wird. 181 Stoke Newington Church St

Dalston Superstore Gaybar mit Partyreihen wie „Feel My Bicep“ oder „Disco Bloodbath“. 117 Kingsland Road

Coach & Horses Angesagter Pub mit überwiegend jungem Publikum. 178 Stoke Newington High St

Vogue Fabrics Von zwei Dragqueens betriebener Club in einem Townhouse im viktorianischen Stil. 66 Stoke Newington Road

The Moustache Bar Bar im Souterrain eines Friseurs. Gute DJs und günstige Cocktails. 58 Stoke Newington Road

The Alibi Club, in dem Elektro- DJs auflegen und modesüchtige Londoner die Nächte durchfeiern. 91 Kingsland High Street thealibilondon.co.uk


SHOPS
Lucky 7 Plattengeschäft und Secondhand-Shop in einem. 127 Stoke Newington Church Street

Dirty Blonde Vintage-Mode, Schuhe und Accessoires. 129a Stoke Newington Church St

Strut Secondhand-Shop mit Raritäten aus verschiedenen Jahrzehnten. 182 Stoke Newington Church St

Casino Vintage und junge Labels aus London. 136 Stoke Newington Church St, casinovintage.com

RESTAURANTS
Rasa Lokal mit Spezialitäten aus dem südindischen Kerala. 55 Stoke Newington Church St, rasarestaurants.com

Mangal 2 Türkisches Restaurant, in dem die berühmten Fotografen Gilbert und George jeden Tag Mittag essen. 4 Stoke Newington Rd, mangal2.com

HOTEL-TIPPS
Shoreditch House Hotel mit kleinen, aber hellen, modernen Zimmern. Ebor Street, DZ ab 100 Euro, shoreditchhouse.com

The Rose & Crown Boutique- Hotel mit sechs Zimmern in einem Pub in Stoke Newington. 199 Stoke Newington Church St, DZ ab 140 Euro, roseand crownn16.co.uk

Four Seasons Canary Wharf Das Stadtzentrum ist leicht mit der U-Bahn zu erreichen, ins Londoner East End gelangt man mit der Docklands Light Railway – nur zwei der Vorzüge des eleganten Hotels. Die Zimmer haben fast alle Themse-Blick, ebenso der große überdachte Pool. 46 Westferry Circus, DZ ab 186 Euro, fourseasons.com/canarywharf

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Wo liegen die günstigsten Hotels? Welche Events sollte man nicht verpassen? Wie kommt man an vergünstigte U-Bahn-Tickets? Antworten auf Fragen rund um London und praktische Tipps finden sich auf der Website von Visit London: visitlondon.com/de