Es war eine wahre Odyssee: Judith Fröscher und ihr Freund Gerd Paul erinnern sich an ihre Wohnungssuche. Zum Besichtigungstermin mussten sie sich mit 30 anderen Interessenten durch die Wohnung schieben, die Arme angewinkelt, weil es so eng war. Und mittendrin kreischte das Baby der Vormieterin. Ein anderes Mal entpuppte sich eine „charmante Dreizimmerwohnung in Bornheim“ als Kellerloch. „Man hätte auf eine Leiter steigen müssen, um aus dem Fenster zu schauen“, erzählt Gerd Paul.
Der ganz normale Wahnsinn: Monatelange Suche, Wuchermieten und dazu noch eine Maklercourtage sind in den begehrten Frankfurter Vierteln mittlerweile die Regel.
Das wissen auch Jenny und Nils Medenbach. Sie legten sich sogar Bewerbungsmappen an, mit Familienfoto, Anschreiben und allen wichtigen Unterlagen. „Eine Wohnungsbesichtigung unterscheidet sich heute kaum von einem Vorstellungsgespräch für einen neuen Job“, sagt Jenny Medenbach.
Frankfurt boomt und ist seit 2005 um 36600 Einwohner gewachsen. „Um den steigenden Bedarf zu decken, müssten jährlich 3000 neue Wohnungen gebaut werden“, sagt Peter Wicki, Leiter der Frankfurter Niederlassung der Immobilienberatung Wüest & Partner. Der Wohnungsmarkt wächst jedoch nicht so schnell wie die Bevölkerung. Die Folgen: starke Nachfrage und extreme Mietpreisentwicklungen. „Im Nordend sind die Mieten in den vergangenen Jahren um 15 Prozent gestiegen“, sagt Wicki.
Laut aktuellem Mietspiegel von 2010 beträgt die durchschnittliche Nettokaltmiete für eine 70-Quadratmeter-Wohnung in Frankfurt zwischen 6,68 und 8,95 Euro. Klingt erschwinglich – die Realität sieht aber anders aus, wie Rolf Janßen vom Deutschen Mieterbund (DMB): „Die tatsächlichen Mieten sind bis zu 40 Prozent höher, als der Mietspiegel angibt. Eine enorme Spreizung – und einzigartig in Deutschland.“ Wegen der großen Nachfrage können die Vermieter die Preise praktisch selbst bestimmen.
Sebastian Hartwich, Immobilienmakler bei MCM Immobilien, hat beobachtet, dass für die Wohnungsinteressenten neuerdings vor allem eins wichtig ist: „Früher haben meine Kunden mehr danach geschaut, ob die Wohnung zu ihnen passt. Heute ist für 95 Prozent die Lage das A und O. Dabei ist zum Beispiel Offenbach eine echte Alternative zu den Frankfurter Trendvierteln. Dort gibt es schöne Ecken mit top sanierten Altbauwohnungen für sechs bis sieben Euro pro Quadratmeter.“ Zum Vergleich: Im Nordend werden Wohnungen derzeit durchschnittlich für 13,29 Euro pro Quadratmeter, im Westend sogar für 14,45 Euro angeboten.
Die sogenannte Gentrifizierung ist in den Trendvierteln in vollem Gang. Sie bezeichnet die Vertreibung der Alteingesessenen durch die Besserverdienenden. Vor allem im Nordend, neuerdings aber auch im Ostend ist das zu beobachten. Da hilft nur clever suchen oder in die Viertel von Morgen ziehen.
Sylvia Meilin Weber