Nanna Oland Fabricius ist 18, als sie am elitären Royal Swedish Ballett Conservatory in Stockholm klassischen Tanz studiert. Sie gilt als großes Talent. Bis sie sich am Rückgrat verletzt und ihre Karriere beenden muss. „Ich war am Boden zerstört“, erzählt die gebürtige Dänin. „Tanzen war das Wichtigste in meinem Leben. Als die Ärzte meinten, ich würde nie wieder tanzen können, wusste ich nicht weiter. Natürlich habe ich eine Reha gemacht und wäre vielleicht auch wieder fit geworden. Aber ich bin in ziemlich heftige Depressionen gefallen und war eine Zeit lang für nichts zu gebrauchen.“

Video-Tipp: „Sun Of A Gun“ von Oh Land

Das ändert sich schlagartig, als sie die elektronischen Klänge von Kraftwerk, Autechre oder auch Björk entdeckt, sich darin verliebt und anfängt, eigene Songs zu schreiben. „Die pure Selbsttherapie“, lacht Nanna heute. „Ich habe Musik gemacht, um meinen Frust und meine Zukunftsängste zu überwinden. Und die Tatsache, dass ich Klavier spiele, hat es mir leicht gemacht, mit Keyboards und solchen Sachen zu arbeiten. Ich habe mich da wirklich reingekniet und das zu meiner neuen Sache gemacht – mit demselben Ehrgeiz, den ich vorher beim Tanzen hatte.“

Mit Erfolg: Ihr Indie-Debüt „Fauna“ von 2008, für das sie das Pseudonym Oh Land (abgeleitet von ihrem Zweitnamen) verwendet, zeigt Nanna als talentierte Elektro-Künstlerin in der Schnittmenge zwischen Lykke Li, La Roux und Robyn, stellt Trip-Hop neben Synthie-Pop, setzt auf Märchen und Fantasy-Elemente und erhält durchweg positive Kritiken.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.


Kurz darauf zieht Nanna in den hippen New Yorker Stadtteil Williamsburg und entwickelt das passende Image und die entsprechende Performance zu ihrem Sound: als entrückte Pop-Elfe in wallenden Gewändern, die hippieske Tänze aufführt, ihre Zuschauer in surreale Traumwelten führt und einen ausgefallenen Sinn für Mode hat. „Bei einer Veranstaltung in Los Angeles habe ich ein Kleid in Regenbogenfarben getragen. Dazu einen Hut, der aussieht wie ein kleines Haus, von einem berühmten französischen Designer.“ Doch was macht die amerikanische Presse? Kürt sie zur schlechtgekleidetsten Person des Abends. „Das fand ich schon wieder lustig. Ich meine, immerhin haben sie mich nicht ignoriert.“

Video-Tipp: „Heavy Eyes“ von Oh Land

Was geradezu unmöglich wäre. Die inzwischen 26-Jährige ist eine betörende Schönheit mit geheimnisvollen grünen Augen, hohen Wangenknochen, sinnlichen Lippen und endlos langen Beinen, die sie gern zur Schau stellt. Eine Kombination aus Sound und Look, die ihr viele berühmte Bewunderer beschert: Pharrell Williams und John Legend wollen sie produzieren, Sia und Katy Perry verpflichten sie für ihre US-Tourneen, und Thom Yorke imitiert ihren Tanzstil im Video zu Radioheads „Lotus Flower“. „Keine Ahnung, ob er mich wirklich kopiert oder ob das purer Zufall ist“, sagt Nanna. „Aber natürlich fühle ich mich geschmeichelt. Ich bin ein Riesenfan und würde gern etwas mit ihm machen – einen Tanzwettbewerb etwa, bei dem sich zeigt, wer von uns beiden besser ist“, scherzt sie.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.

Nanna lacht viel während des Gesprächs, ein ehrliches, fast kindliches Lachen, und erzählt dabei Geschichten über die elf Stücke ihres neuen zweiten Albums „Oh Land“. Ein Werk, das ihr bisheriges Spektrum um Orchester-Arrangements und eine kräftige Portion 60s-Pop erweitert und vor allem großen lyrischen Unterhaltungswert besitzt. Etwa wenn sie im Ohrwurm „Sun Of A Gun“ mit einem untreuen Ex abrechnet, in „We Turn It Up“ ihre hedonistische Seite zeigt oder in „Perfection“ einen potenziellen Lover beziehungsweise dessen Freundin stalkt. „Es ist nicht so, dass ich das schon mal getan hätte. Ich bin ja keine Kriminelle“, kichert sie verlegen. „Aber ich habe mich schon mal in eine Beziehung gedrängt – weil ich den Typen so toll fand. Und sie eh nicht zu ihm passte.“ Ob sie noch zusammen sind? „Nein, er konnte die Erwartungen nicht erfüllen.“ Ganz im Gegensatz zu Nanna, deren zweite Karriere sich als echtes Glück im Unglück erweist – für sie wie für uns.

CD-Kritik
Neue Frauen braucht das Land! Also keine weiteren Gaga-Klone, sondern eigenständige, kreative Köpfe, die originelle Wege beschreiten. Wie Oh Land, die auf ihrem Album eine wunderbare Mischung aus TripHop, sphärischen Klanglandschaften und orchestriertem 60s-Pop zelebriert. Mit Texten, in denen sie in Märchen und Fantasy-Szenen schwelgt, aber auch mit miesen Lovern abrechnet.