Der kleine Lee Newell lernt gerade Lesen und Schreiben, als der 23-jährige Liam Galla gher seinen Erzfeinden Blur öffentlich den Tod durch Aids wünscht. Wir schreiben das Jahr 1995, Britpop erobert weltweit Charts und Herzen, und „Oasis oder Blur?“ wird zur Glaubensfrage. 16 Jahre später ist Oasis Vergangenheit, Beady Eye ein Abklatsch, Blur nur noch eines von vielen Damon-Albarn-Projekten. Und der 23-jährige Lee Ne well, inzwischen Sänger und Gitarrist, die großmäulige Galionsfigur eines Revivals. Britpop kehrt zurück. Viva Brother sei Dank.

Video-Tipp: „Darling Buds Of May“ von Viva Brother

Wer von Newcomern verlangt, Neues zu kreieren, hat leichtes Spiel, Viva Brother als überflüssig abzutun. Doch was sie zurückbringen, ist nicht nur ein Musikgenre, sondern ein Gefühl, das die Großen der Britpop-Bewegung in den letzten zehn Jahren selbst nicht mehr entflammen konnten. Das gebrüderlose Quartett aus Slough, trostloser Arbeiterstadt und Schauplatz der Comedyserie „The Office“, hat den Britpop-Bausatz aus den 90ern originalgetreu und maßstabsgerecht zusammengebastelt. Mit viel Liebe zum Detail.

Zu „Darling Buds Of May“, ihrem Über-Song, könnten sich Liam und Damon endlich die Friedenspfeife anstecken, auf die Schulter klopfen und sagen: „Ohne uns hätte die es nie gegeben.“ Da Gallagher aber ein egomanischer Menschenhasser ist, schickte er stattdessen eine seiner traditionellen Newcomer-Beleidigungen in Richtung Viva Brother. „Kleine, vornehme Jungs mit Tattoos“ seien sie. Harmlos. Den Todeswunsch müssen sie sich noch erarbeiten.

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Ihr Debütalbum wird Viva Brother diesem Ziel sicher ein großes Stück näher bringen. „Famous First Words“ heißt es. Ein Titel, der sich bestens einreiht in die Selbstherrlichkeit ihres Frontmanns Newell. Ein Auszug: „Wir werden die größte Band der Welt.“ „Es ist an uns, den Rock’n’Roll zu retten.“ „Was eine gute Live- Band ausmacht? Hauptsächlich ich.“ Größenwahn? Nur Spaß? Egal, was Newell zu solchen Angebereien hinreißt: Es steckt etwas da hinter. Zum Beispiel Stephen Street, der das Album produziert hat. Er prägte den Sound von The Smiths ab Mitte der 80er, von Blur in den 90ern und verhalf den Kaiser Chiefs mit „Ruby“ zu ihrem größten Hit.

Viva Brother bezeichnen ihre Musik als „Gritpop“, das rauere Ende des Britpops, was für Lieder wie „Time Machine“ oder „New Year’s Day“ auch zutrifft. Zu „Electric Daydream“ hingegen können sich auch harte Jungs in den Armen liegen und sentimental die Bierpulle schwenken. Das Album versammelt alles, was Britpop groß gemacht hat. Wir schreiben das Jahr 2012. Man trägt Button-Down-Kragen, John-Lennon-Sonnenbrillen und Parkas. Oben auf den Festivalplakaten steht in großen fetten Lettern: Britpop ist zurück. Lee Newell prahlt: „Wir haben es euch doch gesagt.“ Größenwahn? Warten wir’s ab.