Der Graf sitzt im Kölner Tinseltown Studio. Autogramme zeigen, wer hier gearbeitet hat – und in welcher Liga Unheilig spielen: BAP, Grönemeyer. Wie immer trägt Der Graf schwarze Hose, weißes Hemd.

PRINZ: Was tragen Sie zu Hause auf der Couch vor dem Fernseher?
GRAF: Ich nenne es immer Wohlfühlklamotten: Jogginghose, warmer Pullover, dicke Socken.

PRINZ: Wir dachten, Sie würden auch dort schwarze Anzüge tragen. Musikalisch bevorzugen Sie ja ebenfalls gedeckte Farben: Ihr Song „Geboren um zu leben“ soll der zweitbeliebteste Pop-Song auf Beerdigungen sein.
GRAF: Ist schon ein bisschen pietätlos, oder? Ich war schockiert, als ich hörte, dass es so eine Liste gibt. Andererseits finde ich es aber auch schön. Es ist ja eine positive Reaktion, dass das Lied Menschen in diesem Moment begleiten soll. Ich habe das Lied ja aus dem gleichen Moment heraus geschrieben.

PRINZ: Daran knüpfen Sie nun an. Auch Ihre neue Single „So wie du warst“ klingt wieder nach Abschied …
GRAF: … hat aber nichts mit dem Tod zu tun! Ich will den Menschen nicht vorgeben, wie sie das zu verstehen haben. Das Lied „An deiner Seite“ ist von vielen als Hochzeitssong verstanden worden – und handelt eigentlich vom Tod meines besten Freundes.

Video-Tipp: „So wie du warst“ von Unheilig

PRINZ: Das neue Album „Lichter der Stadt“ klingt oft schwerblütig.
GRAF: 2010 war das ereignisreichste Jahr meines Lebens. Da ist musikalisch mehr passiert als in den zehn Jahren zuvor, privat und familiär hat sich vieles verändert, weil ich nie zu Hause war. Das Leben war für mich wie eine Großstadt. Alles stürzte auf mich ein, ich hatte so viele Leute um mich herum, alles war neu, so viele Eindrücke. Jeder hat an mir gezerrt und wollte etwas von mir haben. Ich war zweimal an dem Punkt, an dem ich echt fertig war. Irgendwann ist mir klar geworden: Ich werde nicht mehr in aller Ruhe Musik machen können. Ich werde diese Termine immer haben.

PRINZ: Haben Sie einen Rückzugsort, Ihr kleines Stückchen Glück?
GRAF: Mein kleines Glück ist meine Familie. Auch wenn das kitschig klingt: Sie fängt mich auf, ist mein Fels in der Brandung, mein Nest, meine Tankstelle. Deshalb bin ich auch der totale Spielverderber, was Aftershowpartys angeht. Ich gehe da so gut wie nie hin. Und wenn doch, trinke ich immer nur Mineralwasser. Weil ich – selbst wenn es 600 Kilometer sind – noch nach Hause fahre, um dort jede freie Minute mit der Familie verbringen zu können. Das tut mir gut und hilft mir, auf dem Boden zu bleiben.

PRINZ: Was war denn das Rockstarmäßigste, das Sie jemals getan haben?
GRAF: Unheilig gibt es nun ja schon seit zehn Jahren. Als wir noch vor etwa 25 Leuten gespielt haben, da sind wir in einem total heruntergekommenen, umgebauten VW Bulli gefahren. Wir saßen auf Fliegersitzen, die nur mit Holzschrauben befestigt waren, und hinter uns war die komplette Backline, Verstärker, Boxen. Wenn einer eine Vollbremsung gemacht hätte, wären wir alle tot gewesen. Total gefährlich. In dem Moment kam ich mir vor wie ein Rockstar. Aber nach drei, vier Tagen haben wir so was von gestunken, weil wir nirgendwo duschen konnten. Da habe ich mich dann nicht mehr wie ein Rockstar, sondern nur noch schlecht gefühlt.

PRINZ: Entschuldigen Sie bitte, aber das war schon alles?
GRAF: Die Vorstellung von Rockstars hat mit der Realität nichts zu tun. Ich habe die Erfahrung gemacht: Alle, die oben angekommen sind und oben bleiben, sind ganz diszipliniert und achten sehr genau darauf, was sie tun. Selbst auf die richtig harten Heavy-Metal-Jungs warten backstage Familie und Kinder. Bei den wirklich Großen gibt es kein Sex, Drugs & Rock’n’Roll.

Interview: Sascha König