STADTTEILCHECK: DRESDEN-MITTE

Mitte ist nicht nur da, wo das Zentrum ist. Mitte reicht bisweilen ein ganzes Stück weiter. In Dresden bis zum Bahnhof gleichen Namens. Hier, entlang der Könneritzstraße offenbart sich ein Stück Dresden, dass auf den ersten Blick weder einen besonders bewohnten noch einladenden Eindruck macht. Zu Unrecht, denn spätestens beim zweiten Hinschauen bietet es erstaunliche Kleinode. Das reicht von privaten Kultureinrichtungen, die in Anzahl und Vielfalt in Dresden ihresgleichen suchen, über eine internationale Restaurantkultur bis hin zu sportlichen Einkaufsmöglichkeiten. Verbunden werden diese Teile durch die Bahnbögengalerie. Die gesamte Könneritzstraße wird nicht nur durch Bahnschienen belebt, sondern vor allem von den Bildern darunter. Auf Initiative der Deutschen Bahn AG haben Langzeitarbeitslose die Mauerwerke geschaffen und zusammen mit dem Jugendtreff „Altstrehlen 1 e.V.“ Motive rund um Dresden als Stadt der Technik in 43 Bahnbögen verewigt. So hat die Straße ein buntes, belebtes Gesicht erhalten. Zu diesem farbenfrohen Ensemble tragen auch andere Bauten bei. Eines sticht bereits beim Überqueren der Marienbrücke ins Auge. Die Yenidze ist als orientalische Tabakfabrik 1909 erbaut und nach dem türkischen Herkunftsgebiet der aromatischen Blätter benannt. Sie versprüht als Moschee den Charme aus 1001 Nacht und beherbergt heute ein Kuppelrestaurant mit sensationellem Blick und Terrasse. Darüber im Dach schmiegen sich Märchenfreunde entspannt in seidige Kissen und machen sich auf den Weg in den Orient, Feenreiche oder eine bessere alte Zeit.Weniger verspielt und in Form und Farbe fast asketisch thront das art’otel mit übergroßer Penck-Figur auf der anderen Seite. Im Erdgeschoss im Mix Espresso Gourmet schlürfen Koffeinsuchende Latte Macchiato. Hungrige kommen auf der Rückseite im Maximus von früh bis spät auf italienische Kosten oder frönen in Wolle Försters Sushi & Wein dem rohen Fisch. Um das kulinarische Potpourri in diesen Straßenzügen vollkommen zu machen, dürfen weder das Mongolische Barbecue in der stylischen MongBar, noch die hervorragenden, oft auch vegetarischen Bio-Gerichte der Brennessel im Umweltzentrum Dresden vergessen werden. Letztere köcheln auch köstliche Mittagsgerichte und servieren hausgebackenen Kuchen, von dem sich das Trio Breschke & Schuch hin und wieder ein Stückchen genehmigen könnten. Schließlich liegt ihr kleines Kabarett, in dem sie politisch-satirisch die Lachmuskeln ihres Publikums trainieren, nur einen Steinwurf entfernt. Das Theater besteht seit 1998 und macht seine Bühne samt 200 Plätzen auch für andere Lokalgrößen wie Olaf Schubert oder Annamateur frei. Nun ist Lachen als Körperertüchtigung nicht ausreichend und für Athleten als Sportart überhaupt nicht zu zählen. Die finden in Geschäften wie dem großen Fahrradladen Antrieb, der ebenfalls Skizubehör verkauft, im Hockeyshop Dresden oder im Bergsportladen Gipfelgrat alles, was das trainierte Herz begehrt. Zum Erholen geht es ins Schwebebad Dresden.Der Wellnesstempel mit ägyptischen Wandfiguren und plätschernden Hintergrundtönen lockt mit bewusstseinserweiternden Solebädern.Wieder im Diesseits ist das ziegelrote Heizkraftwerk Mitte ein recht bodenständiger Ruhepol. Seit der Stilllegung 1994 erwachte es nur ein paar Mal, wie zum Titanic- Filmball, als Ideentempel des legendären Künstlers und Partymachers Holger John zum Leben. 2006 wurden Kesselhaus und die stadtbildprägenden Schornsteine des „Panzerkreuzers Aurora“, wie der Volksmund das Kraftwerk nannte, abgerissen. Heute ist ein Teil der verbliebenen Gebäudeensembles als Energie-Museum Kraftwerk der Drewag Stadtwerke Dresden zugänglich. Kontrastierend rund und gläsern erhebt sich eine Kreuzung später der Geschäfts- und Bürokomplex des Dresdener World Trade Centers. Auch in seinen Hallen findet sich ein Mix aus Kultur, Geschäften und Gastronomie. Ihre prominentesten Vertreter sind die Komödie Dresden, das Theater im Wechselbad und das russische Restaurant Stroganow. Alles in allem ist Dresden-Mitte ein Stadtteil, für den ein zweiter Blick an die Grenzen lohnt und der dann kaum alles erfassen kann.
Susann Pfeiffer