Haben Sie, im übertragenen Sinne, schon immer ein Fernglas in der Tasche getragen?
Das kann man so sagen! Ich habe meinen Blick dafür sensibilisiert, auf viele wunderbare Details zu achten, die alle eine Geschichte zu erzählen haben.

Apropos Geschichte: Ihr nächstes Projekt ist ein Panorama zur Berliner Mauer. Sie selbst haben sowohl in Leipzig und Dresden als auch in West-Berlin einen Teil Ihres Lebens verbracht. Macht gerade diese doppelte Erfahrung den Reiz aus?
Ich habe beide Welten erlebt und kann sagen, dass das Leben in jeder lebenswert war. Berlin als Fenster zur Welt hat mir das Gefühl von maximaler Freiheit gegeben. Leipzig und Dresden haben mich auf das Leben vorbereitet. Ich komme immer wieder gern nach Sachsen. Dass die Panometer, meine permanenten Ausstellungshäuser, in Dresden und in Leipzig sind, ist ein glücklicher Zufall.

Noch zwei Herzen schlagen in Ihrer Brust: Sie haben sowohl Architektur als auch Malerei studiert …
Das sind keine Gegensätze. In der Architektur habe ich die Dreidimensionalität für mich entdeckt. Und auch beim Malen kann ich Zweidimensionalem Tiefe verleihen, eine optische Täuschung zur perfekten Illusion treiben.

Sie werden gern als Architekt der Illusionen bezeichnet. Entspricht das Ihrem künstlerischen Anspruch oder besteht die Herausforderung eher darin, Realität möglichst detailgenau abzubilden?
Der Kunstraum Panorama ist per se ein illusorischer, weil er aus einem Stück Stoff in einem Rundbau besteht, zugleich aber den Eindruck erweckt, dass man sich am dargestellten Ort befindet. Den Besucher zum Regisseur seiner eigenen Wahrnehmung werden zu lassen, macht für mich den Reiz aus.

Als Panorama-Künstler plädieren Sie eindrücklich für die Seh-Kultur. Wie wichtig ist es gerade heute, einfach mal stehen zu bleiben und hinzuschauen?
Im Alltag übersehen wir vieles. Wir werden heute so sehr von Reizen überflutet, dass wir auf Durchzug schalten. Was ich mit Sehkultur meine, ist die Fähigkeit, für einen Moment Beobachter der eigenen Welt zu sein.

Mount Everest, Rom, Dresden, Amazonien, Pergamon – haben Sie alle Orte selbst besucht, die Sie mittlerweile in Panoramen verwandelt haben?
Tatsächlich bin ich an all den Orten gewesen. Für mich ist es wichtig, in die verschiedenen Welten einzutauchen. Ich will die perfekte Illusion, den Geruch der Zeit und das Lokalkolorit einfangen. Das geht nur vor Ort.

Ihr nächstes Leipziger Projekt dreht sich um die Völkerschlacht 1813, der konnten Sie schlecht persönlich beiwohnen …
Als Kind hat mich das Völkerschlachtdenkmal beeindruckt. Zum 200. Jahrestag habe ich beschlossen, das Thema aufzuarbeiten. Man betrachtet das Geschehen vom Turm der Thomaskirche und erfährt, was für ein Durcheinander aus napoleonischen- und alliierten Truppen neben den ganzen Gestrandeten aus den Dörfern herrschte.

Gibt es ein utopisches Projekt, an das Sie sich bisher noch nicht herangetraut haben?
Ein interessanter Zufall, denn es gibt ein Projekt, das ich Utopia nennen möchte. Es ist die Welt im Jahre 2222 und es soll so real sein, dass man sich wünscht, dort zu leben.

Das Gespräch führte Jennifer Beck.