Große, gelbe Fußspuren mit Krallen führen mich ins russische Restaurant Stroganow im World Trade Center – doch von der Hexe noch keine Spur. „Er musste noch mal kurz in die Komödie, die neuen Schuhe sind da“, verrät mir Michael Kuhn, der Autor von „Baba Jaga 1 und 2“ und bietet mir derweil eine Zigarette an. Pünktlich um acht kommt ein schlanker Herr auf uns zu – es ist Rainer König, der Mann hinter der Hexennase – und raucht erst mal eine mit. Weil er als Superstar der Dresdner Kleinkunst sehr beschäftigt ist, haben wir unser Mittagessen auf den Abend verschoben und sichern uns die längste Tafel, die wir finden können.

Als er mir in seiner legeren Kleidung cool gegenübersitzt und wirkt, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, erinnert rein gar nichts mehr an die tollpatschig-fiese Giftmischerin, als die er seit über drei Jahren erfolgreich über die Bühne tobt. „Baba Jaga ist eigentlich eine Clownsnummer. Sie manövriert sich von einer Schwierigkeit in die nächste.“ Aus der non-verbalen Bühnenclownerie und Pantomime kommend, streckte Rainer, der „Requisiten-König“, seine Fühler daraufhin auch im Sprechtheater und in der Operette aus und hat bisher eigentlich fast alles gemacht außer Oper.

Während wir zu Kwas und russischem Bier unsere Pelmeni, Stör und andere leckere Spezia – litäten genießen, müssen wir uns immer wieder über das grellbunte, fast schon übertrieben russische Musikvideo amüsieren, das die ganze Zeit aus dem Fernseher flimmert. Mit einem Augenzwinkern erklärt mir Rainer seine Vorliebe für Frauenrollen: „Männerrollen sind langweilig, weil einfach gestrickt, und Männer sind ja sowieso Steinzeitmenschen mit ihrem problem – lösungsorientierten Denken.“ Deshalb ist er nämlich neben „Baba Jaga“ auch in „Shakespeare’s sämtliche Werke leicht gekürzt“ in allen weiblichen Parts zu erleben und spielte in „Macbeth“ die Lady Macbeth. „Frauen sind komplizierter und dadurch vielschichtiger. Die bringen sich doch gegenseitig um, wenn sie nicht miteinander reden.“ Außerdem trat Rainer König in Franz Lehars Operette „Land des Lächelns“ als ältere Dame auf und verkörperte in „Ritter Blaubart“ sogar ganze sechs Frauen. Da sei für ihn viel mehr Überspitzung und hintergründiger Humor möglich, speziell Baba Jaga als hässliche alte Hexe stellte zudem das genaue Gegenbild zur typischen Frau dar, welche sich ja lieber hübsch mache.

Als sich unser Essen schon dem Ende neigt, gesellen sich auch Intendant Jürgen Mai, Produzent Marten Ernst und einige Schauspieler zu unserer Runde. Wir gehen noch eine rauchen und Rainer verrät mir, dass er gern kleine Tiere und Blümchen fotografieren würde und diverse Indianertänze beherrscht. Es gibt also auch privat noch genug Vorhaben für einen Mann, der schon in fast alle Rollen geschlüpft ist.

Unser Autor Martin Bach ist freier Redakteur der Dresdner PRINZ-Redaktion. Mit Rainer König war er Abendessen im: Stroganow, Altstadt, Ammonstraße 74, Tel. 496 79 19,
Di-So 11-15 und 17-24 Uhr, stroganow.de