Unsere Stadt verändert sich und wir uns in ihr. Spätestens nach einem Jahr ist auch das neue Einkaufszentrum ein gewohnter Anblick geworden. Um vergessene Bilder in Erinnerung zu rufen und dabei zu zeigen, was sich in 20 Jahren alles verändert hat, begibt sich PRINZ-Redakteurin Jenny Wolf auf Spurensuche in der Dresdner Vergangenheit. Ich bin 20. Gerade einmal so alt wie das Heft, für das ich schreibe. Mit Dresden vor zwanzig Jahren verbinde ich höchstens den Kreißsaal im St. Joseph-Stift. Von dem, was sich zwischen den Demonstrationen auf der Prager Straße und dem Wiederaufbau der Frauenkirche abgespielt hat, habe ich dementsprechend wenig mitbekommen. Doch schon allein der Neugierde halber möchte ich diese Lücke schließen und begebe mich auf eine Tour durch das Dresden der letzten 20 Jahre.

Meine Reise beginnt an dem Punkt in Dresden, wo sich wirklich etwas verändert hat. Beteiligte erzählen mir, dass sich im Oktober ’89 bis zu 20 000 Freiheitssuchende zusammengefunden und protestiert haben, als Flüchtlingszüge aus Prag den Hauptbahnhof passierten. Wenn ich mir die Fläche um das Kugelhaus heute anschaue, ist das kaum vorstellbar, denn die einzigen Menschenmassen, die den ehemaligen Leninplatz überqueren, sind Touristengruppen, die die Zwanzigtausender-Marke definitiv nicht knacken. Vom heutigen Wiener Platz geht es weiter zur Prager Straße, deren sozialistischer Baustil immer mehr verdeckt, verwandelt und verdrängt wird. Es ist schwierig, sich ohne Fotos an diese Architektur zu erinnern. Eine Allee aus Rotkastanien, strahlend bunte Blumenbeete und vor allem rechteckige Wasserbecken mit verspielten Brunnen zogen einen immer wieder aus den Geschäften ins Freie.

Meine Oma hat sich in der jetzt verglasten Einkaufszeile, die zwischen den drei Hotels entlangführt, gern Bücher gekauft und sofort auf einem der grünen Plätze zu schmökern begonnen. Grün sucht man heute vergeblich zwischen dem vielen Grau – Menschen, die hier verweilen, auch. Wieso soll man eine Verschnaufpause einlegen, wenn sich Modeläden wie H&M und Esprit mit einer maximalen Wanddicke von 30 Zentimetern aneinanderreihen? Gemütlich sieht anders aus. Selbst der Pusteblumenbrunnen von Leonie Wirth ist dem Schicksal der kommerziellen Ausrichtung zum Opfer gefallen. Ein Zeitungsartikel von 2004 berichtet über Siegbert Langner von Hatzfeldt, der die Prager Straße streng geometrisch als „Hauptachse“, die „zum Zentrum geradliniger und überschaubarer“ ist, neu gestaltet hat. Dabei riss er die Brunnenelemente auseinander und setzte sie reduziert in einem völlig unproportionierten Verhältnis neu zusammen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Welche Anziehungskraft die Frauenkirche noch heute auf Touristen ausübt und wie es früher auf dem Straßburger Platz aussah.Vorbei an den Einkaufstempeln, die so auch in Stuttgart oder Hannover stehen könnten, führt mein Weg zum Neumarkt. Ich erinnere mich an ein Video von der Ruine der Frauenkirche. Glücklicherweise bemühte man sich, einen Großteil der noch existierenden Steine wiederzuverwenden, sodass man sich den zerstörten Zustand gut vorstellen kann. Allerdings hörte ich vor einigen Jahren, wie ein Touristenführer erzählte, dass man in ein paar hundert Jahren die alten von den neuen Steinen nicht mehr anhand der Farbe auseinanderhalten könne. Eigentlich schade, denn damit verschwindet optisch wieder ein Stück Geschichte.

Selbst als junger Mensch bin ich überwältigt, als ich vor dem leuchtenden Sandstein der Frauenkirche, auf der exakt gepflasterten Freifläche und inmitten der dem barocken Stil angepassten Häuserpassagen stehe. Dieses harmonische Bild zieht täglich rund 3000 Touristen an, Tendenz steigend. Dresden ist endgültig aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und strahlt im neuen alten Glanz. Das bringt nicht nur die Stadt vorwärts, sondern macht uns Dresdner stolz auf unsere Heimat. Wann wurden wir eigentlich wachgeküsst? Da ich mich an den Wiederaufbau des Neumarkts noch erinnern kann und das Schloss bis heute noch nicht endgültig rekonstruiert ist, tippe ich bei dem Zeitpunkt auf den Wiederaufbau des Taschenbergpalais‘. Es ist kaum zu glauben, dass aus diesem Mahnmal des Krieges, an dem man lediglich die ursprüngliche Form des Hauses erkennen konnte, ein Fünf-Sterne- Hotel wurde, das 2009 sogar Übernachtungsstätte für US-Präsident Obama war.

Ein paar Schritte weiter stehe ich mitten auf dem neu gestalteten Postplatz. Eine der blauen CarGo-Trams fährt an mir vorbei und zieht neugierige Blicke der Passanten auf sich. Ich folge ihr bis zur Endstation Straßburger Platz. An der Ecke der größten Grünanlage der Stadt angekommen, treffe ich auf Sabine Garus, die seit ihrer Kindheit in Dresden lebt und der die Veränderungen am Fucikplatz besonders in Erinnerung sind. Schon nach ein paar Sätzen komme ich ins schwelgen, denn sie erzählt mir vom alten Messegelände, das sich damals noch hier befand und bis 1991 fester Standort der Vogelwiese war. Auf den Fotos, die sie mir mitgebracht hat, stehen noch richtige Kirmes-Attraktionen. Als heißblütiger Rummelfan bricht es mir das Herz zu sehen, dass davon heute lediglich Breakdance und Autoskooter übrig geblieben sind.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wo man am Straßburger Platz „Giraffen“ findet und was Jenny in Neustadt alles entdeckt.„Die Diskussionen um den Bau der Gläsernen Manufaktur waren heiß. Heute ist sie schon wieder selbstverständlich.“ Fest steht, dass seit dem Bau des VW-Werkes größtenteils maschinelles Leben am Straßburger Platz eingezogen ist. Die riesigen Häuserblocks wurden zur Hälfte abgerissen, die Haltestelle der beliebten Parkeisenbahn auf Kosten von VW umgesetzt. Menschliches Leben spielt sich jedoch woanders ab. Zum Beispiel am Rudolf-Harbig-Stadion, das in der Hoffnung, dass sich damit auch das Fußballspiel der Gelb-Schwarzen verbessert, für 46 Millionen Euro umgebaut wurde. Noch nicht in Vergessenheit geraten sind die „Giraffen“, die Flutlichter, deren Rückbau Sabine Garus bedauert: „Man konnte sie von Weitem sehen, Gästen in der Stadt dienten sie oft auch als geografischer Anhaltspunkt.“

Ich verabschiede mich und beschließe, noch einen Abstecher in die Neustadt zu machen. Viele Stadtteile, wie auch das Gebiet unterhalb des Alaunparks, verändern ihr Äußeres im Laufe der Zeit, doch kein Bezirk in Dresden hat sich in Bezug auf den Lebensstil so gewandelt. Ein Freund, der heute noch in einem komplett unsanierten Haus wohnt, zeigt mir, wie die Äußere Neustadt noch vor 20 Jahren aussah: heruntergekommener Altbau- Charme mit Holzdielen und Gemeinschafts-WCs auf dem Hausflur. „Für junge Künstler ist das die perfekte Atmosphäre.“ Mit der Sanierung erhöhten sich die Mieten, und statt Punks oder Künstlern ist das Kneipenviertel nun Lebensmittelpunkt junger alternativer Familien. Bars, Kneipen und Bistros schossen wie Pilze aus dem Boden, und ich mag nicht zählen, wie viele Neueröffnungen und Pleitemeldungen ich allein in den letzten fünf Jahren miterlebt habe. Auch wenn etwas aus der Mode gekommen ist, muss man es noch lange nicht wegwerfen. Schließlich hängen daran Erinnerungen. Also hätte die Stadt für alle zukünftigen Generationen zur Erinnerung noch ein Stück sozialistische Geschichte aufheben können. Dennoch ist aus der Raupe ein schöner Schmetterling geworden.
Jenny Wolf