Stadtteil-Special Altstadt

„Was wollen Sie machen?“, fragt das Düsseldorfer Altstadt- Portal im Internet. Eine der Optionen: „Party bis zum Umfallen.“ Als Anlass kann man u. a. Junggesellenabschied und Kegeltour wählen. Wer dann noch als Getränkepräferenz „Egal, Hauptsache, et knallt“ anklickt, wird auf die Bolker Straße geschickt. Zieht man so das richtige Publikum an? Bei der Altstadt-Gemeinschaft, Betreiber der Seite, zeigt man sich immerhin einsichtig: „Wir haben die Homepage länger nicht bearbeitet. Wir sehen ein, dass das geändert werden muss.“ Ändern müsste sich womöglich noch einiges, damit Düsseldorfs Traditionsstadtteil sein Imageproblem loswird. Gerade die Bolker Straße wird zunehmend zur No-go-Area für Menschen, die auf Ischgl-Partys, Kirmesmusik und Junggesellenabschiede verzichten können. Seit der renommierte Unique-Club dort zugemacht hat, ist die Straße für viele Düsseldorfer niveaufreie Zone. Wie hat Betreiber Henry Storch es dort eigentlich so lange ausgehalten? „Wir fanden das früher immer o.k. Die Publikumsmischung hat uns nicht gestört. Das ist wie in Hamburg: Die Reeperbahn ist auch scheiße, die Läden sind aber nicht schlecht.“ Am Ende musste das Unique vor den horrenden Mieten kapitulieren. Zuschüsse, etwa vom Kulturamt, hat Storch in all den Jahren nie gesehen. „Es war einfach traurig, dass unsere Arbeit von der Stadt überhaupt nicht gewürdigt wurde.“ Das Programm des Unique-Clubs zog Gäste aus ganz Deutschland nach Düsseldorf.Nun befindet sich an derselben Stelle eine Restaurantkette. Tja. Auch die Geschichte der Tonhallen-Terrasse ist kein Ruhmesblatt für die Stadt. In enger Kooperation mit der Geschäftsleitung der Konzerthalle hatte Betreiber Hamed Shahi hier einen Biergarten der unmuffigen Art eröffnet – mit Klappstühlen, Sonnenschirmen und guter Musik. Die Terrasse zog ein vorwiegend junges und kreatives Publikum – darunter viele Menschen, die um die Altstadt sonst einen Bogen machen. Trotz vorliegender Genehmigungen und eines positiven Ratsbeschlusses verweigerte die Stadt die Nutzungserlaubnis. Angebliche Begründung: Die Deko sei nicht schick genug. Eine verschenkte Chance. An anderer Stelle hat die Etablierung einer alternativen Nische immerhin geklappt: Seit Ende 2004 gibt es den Salon des Amateurs im Bauch der Kunsthalle. Den Umbau der Räumlichkeiten finanzierte die Stadt. Betreiber Detlef Weinrich und Aron Mezhion sorgen seit-dem für ein Musikprogramm, das in Sachen Anspruch und Abwechslung keine Wünsche übrig lässt. Der Erfolg gibt den beiden Recht – vor allem am Wochenende brummt der Laden. Das Publikum rekrutiert sich zu einem Großteil aus der Kunstszene, ohne dass der SDA zum hermetischen Szeneobjekt geworden wäre.

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Dass sich Qualität und Altstadt nicht ausschließen, beweist auch das Pretty Vacant auf der Mertensgasse. Dabei waren am Anfang nicht viele vom Erfolg überzeugt. „Als ich das ehemalige Coffy übernehmen wollte, haben viele behauptet, die besten Zeiten seien vorbei“, erzählt Betreiber Alex Brassel. Inzwischen ist das Pretty Vacant laut Umfrage von „Gaesteliste. de“ in die Top Ten der deutschen Indie- Clubs aufgestiegen – Lohn für erstklassige DJArbeit und Konzerte. „Wichtig ist, ein gewisses Standing zu erreichen. Und das klappt nur mit langfristigem Engagement von Leuten, die auch selbst Lust auf ihr Programm haben“, sagt Brassel. [Q]Stall-Betreiber Karlsson nickt. Seit neun Jahren hält er eine Bastion des guten Geschmacks um die Ecke. Hier kommen sowohl traditioneller Rock’n’Roll und Soul sowie aktueller Gitarrenpop auf die Plattenteller.Mit dieser Mischung hat man sich eine treue Schar von Stammgästen erspielt. „Leider wird es immer schwieriger, ein musikinteressiertes Publikum in der Alstadt zu halten.Wenn man sich den Mix aus Junggesellenabschieden, Kegelbrüdern und Fußballvereinen anschaut, die ab Freitagnachmittag durch die Straßen ziehen, dann muss man sich nicht wundern, wenn die Gäste wegbleiben, die auf diese Art von Freizeitgestaltung keine Lust haben. Gleichzeitig machen immer mehr Läden auf, die diese Mallorca- und Après-Ski-Zielgruppen ansprechen.“ Torsten te Paß von der Jase-Bar sieht die Situation der Altstadt etwas entspannter: „Junggesellenabschiede, Fußballfans und Touristen hat es hier schon immer gegeben. Man muss halt eine gute Türpolitik haben und die Stammgäste pflegen.“ Die hohen Abgaben und Auflagen der Stadt sieht er allerdings auch kritisch. „Im Moment können wir nicht mal eine Terrasse aufmachen, weil ständig neue Einschränkungen dazukommen.“ Timo Sen sitzt vor dem „Rosenrot“ auf der Ratinger Straße. Es ist ein Mittwochabend Ende Juli, die Straße ist voller Menschen, Studenten und Thirtysomethings, keine Radaumacher. „Wir sind superzufrieden“, sagt er. Vor fünf Jahren übernahm er mit seiner Frau das „Stone“ im Ratinger Hof (Foto nächste Seite). Seitdem läuft in dem Traditionsladen auch wieder Gitarrenmusik. Einen Niveauverlust sieht er zumindest auf der Ratinger Straße nicht. „Die Leute erzählen immer, früher war’s besser, aber das Stone läuft so gut wie noch nie.“ Vielleicht müsse man einfach für mehr gute Presse sorgen. Keine Berichte über Schnapsleichen und Schlägereien, sondern über Läden, die einen Besuch in der Altstadt lohnen. Ein Artikel wie dieser vielleicht.