STADTTEIL-SPECIAL FLINGERN

Auch wenn der renommierte Lichtkünstler Mischa Kuball die Szene malerisch mit dem Projekt „pacemaker“ illuminierte: Der Süden von Düsseldorfs charmantestem Stadtteil rankt sich um eine gigantische Müllverbrennungsanlage mit Heizkraftwerk herum. Nicht so Flingern-Nord. Der sozialen Infrastruktur eines Arbeiterviertels entsprechende Mieten und Milieu haben Kreative, reich an Ideen, arm an Kaufkraft, schon seit Jahren angezogen. Alteingesessene wie Modedesigner Norman Icking, die Galerien Burkhard Eikelmann oder Konrad Fischer residieren einträchtig neben Newcomern wie „Revolver“, der Lounge des „Bösen Chinesen“ oder dem jüngst von der Herder Straße ins chic sanierte Haus Maria Theresia gezogenen Galeristen Michael Cosar in smarten Altbauten. Doch auch diese Spät-Einkehrer gehören längst zum Inventar. Anfang 2008 zieht Anna Klinkhammer nach, noch im Dezember will der renommierte Kunsthändler Paul Schönewald auf der Lindenstraße eröffnen. Kleinkalibrigere Vertreter der Sparte „Gastro“ und „Shopping“ werden derweil in rasantem Tempo erfunden, eröffnet, geschlossen, verworfen, neu erfunden, wiedereröffnet: Wer sich dem „Supermarkt“ verbunden fühlte, steht jetzt im „Funky Kleidsam“. Sandra Dhingra übernahm mit einer Dependance ihres Bilker Geschäfts und verkauft Mode des spanischen Labels „Skunkfunk“. „Supermarkt“-Frau Nina Schlappa zog derweil nach Australien. Im Ex-Kunstwelträumchen K22 a werden nun Antiquitäten bei „The Style of …“ gestapelt. Das „Kiki L’amour“ mutierte klammheimlich zum „Hoppenstedt“. Und ständig schieben neue Anbieter nach. Vor rund vier Monaten eröffnete David Holtkamp mit Freundin Christina Ermert „Mischwaren“: T-Shirts, Hemden und Jeans für Males und Females aus Schweden und Dänemark, u. a. von „Cheap Monday“ oder „Red Rabbit“, sind hier, gemischt mit einer kleinen CD-Musikkollektion, Schmuck oder dem Edel-Perlwein „Puffsbrause“, ausgelegt.

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Kooperationen gegenüber aufgeschlossen, denkt man jetzt schon über Aktionen mit den Nachbarn „ES Shop“ und der „Alten Metzgerei“ nach. Einmal im Monat soll es längere Öffnungszeiten geben. Der Inhaber hat schon die nächsten News: „Die Hoffeldstraße hoch, da soll demnächst noch eine neue Bar eröffnen.“ Im neuen Lädchen namens „Unterhaltung“ wird Originelles für Kinder und Erwachsenegeboten, neben Strampler und Strickpulli liegen Mitbringsel vom Babyteller über die Trostschokolade bis zum Schlüsselanhänger. Zwischen T-Shirt-Guru „Jues“ und „Coq Au Vin“ im „La Cuisine Cadeau“ hängt schon jetzt auf kleinstem Raum ein Schild: „Demnächst hier: Misfit. Lana Jansen“. Südafrikanische Mode soll’s, so munkelt man, bei „Misfit“ geben. Kein Ableger also vom nur rein phonetisch wie örtlich nahe liegenden „Misprint“, wo jetzt auch Nähkurse angeboten werden und die Herrenausstatterin der Toten Hosen, Suzy Hertsch, dem Knochenkult auf Blusen, Taschen oder Accessoires huldigt. Seit neuestem residieren unter gleichem Dach Ex-Nähwerkerin Betty Wilhelm (Maßschneiderei) und Lederfachfrau Regine Heider.

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Und in der Flurklinik, die schon seit Jahren saniert und immer noch saniert wird, rührt sich endlich was: Im gleichnamigen Restaurant lässt sich ab sofort Magenpein mit Kulinarischem kurieren. Das Erbse-Team um Fadime Spyra bietet von neun bis ein Uhr sieben Tage in der Woche Frühstück, Mittags-, Abendtisch. Die Karte reicht vom „English Breakfast“ bis zur Lammhaxe.Wenn das mal nicht das Ende von der Erbse ist? Die Räumlichkeiten sind ungleich einladender, das muss man den Klinik- Raumgestaltern wirklich lassen. Bärbel Hanenberg-Kranz lebt seit 25 Jahren in Flingern und betreut die Website einkaufen- duesseldorf-flingern.de. Sie organisiert Events wie „Nightshopping“ oder die „Flingern Rallye“, bei denen Händler gemeinsam in Aktion treten. „Wir haben hier viele inhabergeführte, hochspezialisierte Geschäfte. Da ist für jeden etwas dabei.“ Dank dieser Aktivitäten lockte man nun Einkäufer bis aus Wuppertal ins Viertel. Bernd Bücker, der den von Chrissie Salz gestalteten Stadtplan „Kaufhaus Flingern“, die Aktion „Zu Spät“ oder die „Kodex- Fashionshow“ initiierte, ist skeptisch und zuversichtlich zugleich. „Der Hype ist groß. Alle erwarten den Big Bang, aber es dauert. Jetzt gilt es, dem Mainstream Alternativen zu den Ketten zu eröffnen. Das kostet erst einmal Geld, aber es bringt viel.“ Noch in diesem Jahr wird eine Neuauflage vom „Kaufhaus Flingern“ erscheinen, eine Website soll eingerichtet werden. Derartige Marketingkonzepte gefährden auch, wenn sie nachhaltig greifen, organisch gewachsene Strukturen. Manch alter Flingeraner wie die Fotografin Edith Glischke fragt sich, wo plötzlich all die Leute herkommen. „Ich kenne mich manchmal kaum noch aus. Die Veränderungen passieren viel zu schnell. Nicht, dass es hier wie im Hafen wird.“ Tatsächlich machen „normale“ Betriebe wie Metzger oder Schreibwarenladen nach und nach dicht. In den sanierten Häusern steigen die Mieten. Der charmante Franzose „La Cuisine Cadeau“ schraubte dank großen Zuspruchs schon zwei Wochen nach Eröffnung seine Preise hoch. So sind sie nun mal, diese Gesetze der Marktwirtschaft, auch im charmanten Flingern.