Willkommen im Abgrund des rheinischen Brauchtums, denn wer sich von Friedrichstadt kommend der Einkaufsmeile „Lorettostraße“ nähert, muss erst einmal an Meckenstocks Mittagskarte vorbei, die brachial den „Sauerbraten vom Pferd“ anpreist. Im alten Flora Park spazieren Omas und Enkel durch die überschaubare Grünanlage. Hinterm Hundeauslauf sitzt ein Mann auf einer Bank und teilt sein Brot mit gefiederten Freunden. Zugesprayt ist das Schild „Enten füttern ist kein Naturschutz“. Ein handzahmer Erpel schleicht sich an. Hinter dem Weiher ruht ein großer Wissensschatz. Im dezent gestalteten Karl-Arnold-Haus widmet sich die Akademie der Wissenschaften der Pflege, Förderung und dem Erhalt der Kenntnisse in anspruchsvollen Disziplinen der Güteklassen „Philosophie“ oder „Medizin“. Erst kürzlich kehrten die Nobelpreisträger Gerhard Ertl (Chemie) und Peter Grünberg (Physik) zum Gespräch hier ein. Schade, dass die kleine Foyer- Ausstellung zu aktuellen Projekten der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Auch auf popkultureller Ebene ist das Pflaster heiß. In Unterbilk trank schon The-Fall-Frontmann Mark E. Smith in einer der zahllosen Eckkneipen sein Bierchen. Er weilte vor Ort, als er mit „Mouse On Mars“ in Andi Tomas Soundlabor das Bandprojekt „Von Südenfed“ ins Leben rief.

Im gleichen Haus werkelt Kiesgroup-Bassist Max Stamm in seinem Independent-Tonstudio „Wild Wood“, wo schon Acts wie Family 5, Angelika Express oder Elena Farr live ihre Alben einspielten. Nur einen Katzensprung entfernt sitzt das Label Unique Records seit Vertreibung aus dem Paradies der Bolker Straße und betreut Exportartikel wie DJ Malente oder das deutsch-britische Duo „Urban Delights“. Auch Modedesignerin Marion Strehlow, die schon die Gewandung für Heike Makatsch kreierte, als sie einen Song mit Chefarzt Bela B. veröffentlichte, schlug ihr „Camp 2“ hier auf. Am 26. April feiert sie Zweijähriges auf der Bilker Allee. Ihr Markenzeichen: avantgardistisch- klassische Kollektionen. Ihr jüngster Coup ist eine Koop mit dem Designer von suzusan-shibori.com, dessen handbemalte Stoffe sie demnächst im puristischen Ladenlokal präsentieren wird. Der Künstler realisierte schon Entwürfe für Japans Stil-Ikone Yohji Yamamoto. Daneben rief Strehlow jüngst ein musikalisches Projekt ins Leben. Gemeinsam mit Partner Volker Rohde performt sie als Indietronic-Duo „Mavovoma“. Ein Tonträger mit zwölf Tracks ist übers Geschäft erhältlich. Die Edel-„Camperin“ wohnt nur ein paar Fußminuten vom Shop entfernt. Wie wohnt und lebt es sich in Unterbilk? „Die Leute sind nett. Wir gehen gerne mal ins ,Güzel‘ oder das ,Emma’s‘.Kaffee und Muffins kaufen wir visà- vis in der Cafélounge.“

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Hinter dem Backsteinbau der Bilker Kirche sitzen „Tim & Lucy“, die sich im direktesten Sinne der Nachwuchspflege widmen, denn die Chefinnen versorgen nicht nur Kids, sondern ebenso Eltern mit zeitgemäßen Outfits wie Vater-/Sohn-Heldenshirts oder Bauchbinden und Shirts für „Umstände“. Inhaberin Tine Obst: „Hier lebt sich’s gut. Wir kaufen gerne auf dem Markt am Friedensplätzchen ein. Forellen, Äpfel, frischer Stuten und ein Tulpenstrauß, alles in bester Qualität aus der Region. Abends gibt es einen Platz auf der Terrasse am Güzel und zwischendurch einen Kaffee im Seifenhorst.“ In diesem Café der alten Senffabrik sitzt man vor nackten Wänden auf alten Holzplanken und kargem Steinfußboden, im Hof liegen die Kabel über Putz. Das klingt grob, doch das Design hat einen Preis verdient. Unglaublich charmant ist es, in derartigem Ambiente leckere Heiß- und Kaltgetränke zu Panini und Croissants zu konsumieren, während aus der Box ein leiser Bossanova säuselt. Ebenso ohne weiteres der Abteilung „Schöner Wohnen“ zuzuordnen sind nahezu sämtliche Häuser auf der angrenzenden Lorettostraße und in deren Nachbarschaft. In hübsch hergemachten Altbauten residieren im Erdgeschoss appetitliche Delis oder Feinkostanbieter wie das „Bernstein & Inbar“, freundliche Restaurants wie das mediterran orientierte „Menta“ oder die Trattoria „Don Sancillo“ und Shops en masse, die liebenswerte Unikate anzubieten haben, darunter die Messemacher und Repräsentanten junger Label „Coffee & Tee (Shirts)“ oder die Styler von „Herzenstreu“ und „Romantiklabor“, die Wohnobjekte, Shirts, Küchenaccessoires und liebenswerten Kinderkram produzieren. Schon die Deko im Romantik-Lab ist einen Blick wert: Es sitzt eine Porzellankatze im Lichtkegel der Sixties-Lampe vor gestapelten Schachteln mit Süßwaren-Mäusen. Großartig.

Nicht weit davon hat sich die Weiherstraße zur Sahneschnitte gemausert. Malermeisterin Kerstin Blaurock, 39, die eines der Häuser mit vergoldeten Löwenköpfen gestaltete, begrüßt die ambitionierten Verschönerungsarbeiten. Sie wuchs in diesem Stadtteil auf. „Früher“, sagt sie, „hat man sich geschämt, in Unterbilk zu wohnen. Es war kein schönes Viertel. 90 Prozent der Altbauten waren unansehnlich, Fassaden über zwanzig Jahre lang nicht renoviert. Erst, als es chic wurde, in Altbauten zu wohnen, begannen die Sanierungsarbeiten.“ Auch die Stadt forciert die positive Entwicklung. Ute Luner, Mitinhaberin des Fahrradshops „Via Vehikel“, das jüngst Kulturaktionen ins Programm integrierte, freut sich auf den Sommer, „denn schon bald sollen Bäume gepflanzt, der Verkehr beruhigt, Bänke und Fahrradständer installiert werden, Gastronomen planen den Terrassenbetrieb.“ Wie eine Burg markiert das gewaltige Polizeipräsidium am Jürgensplatz das nordöstliche Ende der florierenden Lorettostraße. Ein riesiger Adler aus Stein ziert das Gebäude. Vor seiner Brust eine dreieckige Tafel mit der Botschaft: „Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich“. Recht so. Das L-förmige Hauptgebäude kann ab 11. April auch ohne dringenden Tatverdacht und vor allen Dingen freiwillig betreten werden. Die öffentliche Ausstellung „Jail Art“ präsentiert rund hundert Kunstwerke, die im Rahmen eines Projektes mit Inhaftierten der JVA Willich entstanden sind und zur Finissage am 26.April ab 14 Uhr zum Wohle des Opferschutz-Vereins „Weißer Ring“ versteigert werden. Auch das scheint recht so.

Regina Matthes