Klammheimlich mutierte diese kleine, von Straßenbahnschienen durchzogene und fast vergessene Meile im sonst eher pragmatisch organisierten Stadtteil zum sympathischen Ballungszentrum, in dem sich freundliche und unprätentiöse Betreiber liebenswerter Lokalitäten breitmachen. Allen voran: Das Mikrocafé „Milchschaum“. Das macht sich zwar mit 15 Quadratmetern Gastraum gar nicht breit, man muss sich beinahe seitlich falten, will man die Beine übereinanderschlagen, aber es konnte sich bestens etablieren. Es riecht nach frischem Apple Pie, Käsekuchen, Bagels oder Ciabatta, an denen sich eine angenehme Gesellschaft labt. Seit 2005 residieren die Betreiber Judith und Cemil im direkten Schulterschluss mit einem der ältesten Programmkinos Düsseldorfs, dem Metropol. Judith: „Als eingefleischte Bilker können wir behaupten, dass es sich in den letzten Jahren zum beliebten Viertel für Künstler, junge Eltern, Musiker und Kreative entwickelt hat. Das sieht man auch an unseren Gästen. Die Arcaden sind gesellschaftlich gesehen überflüssig. Rein privat finde ich das zwar gar nicht so schlecht, wenn ich demnächst vielleicht nicht mehr in die Stadt muss, um Einkäufe zu erledigen. Aber für uns als Café-Besitzer wird sich nicht viel ändern, da man gezielt zu uns kommt. Es sollen ruhig mehr Kreative herziehen, da steht noch eine Menge leer. Warum soll man eine tot geglaubte Straße nicht wieder zum Leben erwecken? Wir haben es auch geschafft.“ Einige sind schon da. Vor zwei Jahren mietete sich Nathalie Walbeck mit ihrem Design-Label „My Floating World“ auf zwei Etagen ein und macht mit originellen Handtaschen oder „Äppelwäre“, attraktivem Verpackungsmaterial für I-Pod und Co., von sich reden. Jetzt holte sie sich mit Schmuckdesignerin Petra Lojewski Verstärkung ins Haus. 2006 zog mit dem DVD- und Video-Verleih „Filmgalerie“ eine Sammlung mit über 15 000 (anspruchsvolleren!) Titeln hierher, an denen sich auch zuweilen Udo Heimannsberg, der seit 1979 das Metropol betreibt, bedient. „Darüber hinaus“, ergänzt er, „haben wir hier ja auch noch das Tigges, Miss Moneypenny, Pretty Portal – die Brunnenstraße soll ihr Niveau in dieser Richtung ausbauen.“ Heimannsberg freut sich, dass jüngst gleich vis-à-vis „Dim Sum“ eröffnete und nun in nächster Nachbarschaft seine kantonesischen Spezialitäten auf den Tisch bringt. Das authentische Chinarestaurant wechselte direkt aus Bambis Nachbarschaft hierher. Auch die Galeristen von Pretty Portal, die derzeit noch bis zum 28.3. Malerei, Skulpturen und Vinyltoys des Graffiti- und Streetartisten „dust“ zeigen, genießen die entspannte Stimmung und würden sich über Zuwachs freuen. Doch eine Shoppingmall ist nicht das, woran sie dabei denken. Mitinhaber Klaus „Rossi“ Rosskothen sagt es so: „Diese typischen Standardangebote schätzen wir nicht so sehr. Düsseldorf hat davon auch schon genug. Andererseits könnten wir uns vorstellen, dass die Arcaden neue Leute ins Viertel locken, die sich sicher auch einmal hier umschauen werden.“

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Was auch immer sich diese charmante Zufalls-Clique wünschen und erhoffen mag, auf der nahe liegenden Großbaustelle herrscht in jedem Falle ein anderes Tempo und ein anderer Geist. Baukräne bewegen Stahlträger und Rohre durch die Luft, Maurer ziehen Wände hoch, Arbeiter erhitzen Teerpappe mit Flammenwerfern. Beim Ortstermin sind Helm und Stahlkappenschuhe Pflicht, und auf dem 15 Meter hohen Dach sieht der Fernsehturm ein Viertel kürzer aus als real, der Florapark ist eine Spielzeuglandschaft. Hoch hinaus, das will man hier auf jeden Fall. Nach Baustart Ende 2006 wollen bis zum Herbst 42 000 Kubikmeter Beton verarbeitet, 6,3 Hektar Baugrund erschlossen, 260 Millionen Euro investiert sein. Olaf Plotke, PR-Mann der verantwortlichen „mfi“, Entwickler und Betreiber innerstädtischer Einkaufs-Arcaden, zu den Mietern der 20 335 Nettoquadratmeter Verkaufsfläche: „Ein Frischemarkt und Lebensmitteldiscounter, ein Fachmarkt für Unterhaltungselektronik, Bekleidungshäuser, Dienstleistung, Gastronomie – die üblichen Verdächtigen.“ Die mfi verwirklichte „Arcaden“ schon in Zwickau, Gera, Harburg oder Köln. Kennt man diese, weiß man, was kommt. Der Investor nennt es „Upgrade“. Olaf Plotke: „Hausbesitzer verschönern schon jetzt ihre Fassaden. Das wirkt sich positiv auf die Miete aus.“ Für den Vermieter, versteht sich. Immerhin wurden einige Bürgerstimmen erhört, nun wird es auf dem Gelände ein Zentrum für eben diese geben, mit Bezirksrathaus, Veranstaltungssaal, Bibliothek. Auch ein Schwimmbad harrt schon jetzt, zum Test befüllt, der Bürger, die da kommen. Familienfreundliche Wohnungen, Bolz- und Spielplätze, jede Menge Grünzeug sind geplant. Doch jenseits des Bauzauns hat die Euphorie ein Ende. Nicht jeder Einzelhändler hat Unikates wie die eingangs erwähnten Protagonisten oder ein Standing wie die seit über 25 Jahren ansässigen Outdoor-Experten von Sack und Pack zu bieten. Mitinhaber Klaus Mensch: „Der Einzelhandel hatte und hat es eher schwer hier. Es gibt viel Fluktuation und Leerstand. Als Fachgeschäft kann man natürlich auch Leute von weiter her anziehen. Aber der Einzelhandel wird durch die Arkaden sicher nicht positiv beeinflusst. Wer in eine Mall geht, wird meist auch darin bleiben, darüber gibt es Untersuchungen. Wir sehen dem mit gemischten Gefühlen entgegen.“ Peter Seifert, Mitarbeiter der seit über 30 Jahren politisch korrekt positionierten BilkerBasisBuchZentrale „Bibabuze“, empfindet die entstehenden Arcaden gar als Fremdkörper, „wie ein Ufo“, sagt er, und ergänzt: „Das entspricht nicht meiner persönlichen Vorstellung von Stadtteilentwicklung in einem gewachsenen Viertel.“ Doch Bibabuze wird bleiben. Seifert: „Wir haben renoviert, sind nach wie vor auf ,standhalten‘ ausgerichtet“. Ob die Arcaden für kleinere Anbieter einen Schub bringen, bleibt abzuwarten. Vollblut-Cineast Udo Heimannsberg hat dazu eine düstere Vision: „Der Bau dieser Arcaden, das ist Kapitalismus in einer Form, die schon Jacques Tati in ,Playtime‘ beschrieb“. Der Film trägt den Untertitel „Herrliche Zeiten“, zu finden in der Filmgalerie, Abteilung „Regisseure/A-Z“.

Regina Matthes