Noch Ende der neunziger Jahre war die Tußmannstraße ein citynahes Wohnviertel mit wenigen typischen Kiezkneipen: Das unkomplizierte „Ab der Fisch“ mit seinen leckeren Snacks oder selbst gemachten Marmeladen zum Frühstück ist einer dieser Urgesteine. Auch das gemütliche Herr Spoerl mit der feinen Hinterhofterrasse gehört zu den gastronomischen Vorreitern im Viertel. Beide Konzepte funktionieren nach wie vor – das spricht für die Qualität ihres Angebotes. Auch die Löffelbar, die schon seit einigen Jahren mit ihrem Konzept „Suppen plus“ am Brückenkopf residiert, ist nach wie vor eine beliebte Adresse. Das Curry mit seiner veredelten Version einer Imbiss-Station eröffnete Anfang des Jahrtausends und ist ebenfalls immer noch quicklebendig. Der Grundstein war gelegt, und plötzlich erkannten viele Gastronomen das Potenzial und den Charme der Nachbarschaft. Zahlreiche Wirte kamen, und einige davon gingen auch wieder. Denn eines hat sich gezeigt: Es ist nicht damit getan, das erfolgreiche Gastrokonzept seines Nachbarn zu kopieren.

Dazu ist hier der Platz zu eng und das Publikum zu kritisch. Ein Erfolgsbeispiel auf der Meile ist das „Tußmann“, das eher als Nachzügler die Gegend bereichert. Hier setzt man ganz bewusst auf ein hochwertiges Angebot in schickem Ambiente und versteht es so, sich deutlich von den anderen Lokalen abzuheben. In geradliniger Atmosphäre servieren kompetente Servicekräfte exklusive Speisen bis hin zu Molekularmenüs, erlesene Weine und straighte Cocktails. Die Hofterrasse gehört zu den schönsten der Stadt. Auch die Botschaft Mitte ist noch nicht ganz so lange am Start, aber schon nicht mehr vom Kiez wegzudenken. Aus einem alten Kiosk ist einer der entspanntesten Hangouts auf der Meile geworden: Bekannte Gesichter hinter der Bar, cooler Sound und der liebevolle Vintage-Style der Einrichtung machen die Botschaft zu einem Platz, wo man ganz familiär versacken kann. Für Inhaberin Diana Schloßmacher war die dynamische Tußmannstraße eine Wunschadresse: „Natürlich erkennen wir die Bewegung, die in diesem Stadteil vor sich geht. Auch durch die Bebauung des angrenzenden Bahngeländes kann man jeden Tag sehen, wie sich das Viertel wandelt. Wir haben nichts gegen Veränderung, wir sind ein Teil davon und hoffen, dass dieser Stadtteil weiter wächst und nicht nur bebaut wird.“

Weiter geht’s auf der nächsten Seite.

Auch die jüngsten Gastro-Neuzugänge in der Gegend achten darauf, sich vom bestehenden Angebot abzugrenzen: Im Vivu wird unkomplizierte panasiatische Küche mit vietnamesischem Einschlag serviert, eine perfekte Ergänzung zum vorhandenen Programm. Das neue „[gu:s]“ gleich gegenüber startet mit gehobener bürgerlicher Küche und gediegener Atmosphäre durch. Beide neuen Restaurants werden übrigens auch im Gastroteil dieses Heftes detailliert vorgestellt. Vielfalt ist also Programm im Viertel. Zumindest gastronomisch, denn die Infrastruktur in puncto Shops ist bei weitem nicht so gewachsen wie im benachbarten Flingern, dem derzeit heißesten Pflaster in der Stadt. Es gibt sicherlich auch rund um die Tußmannstraße einiges zu sehen, aber der hochwertige Einzelhandel ist im Vergleich zur massiven Gastroszene deutlich unterrepräsentiert. Ziemlich frisch auf der Meile gelandet sind Isabelle Falzarano und Stefanie von Scheven mit ihrer Galerie für Schmuckdesign „Träume und Taten“.

In ansprechender Atmosphäre werden handgemachter Schmuck und Accessoires angeboten – vieles aus der eigenen Werkstatt, die sich gleich hinter dem Verkaufsraum befindet. Auch Isabelle Falzarano schätzt die lebendige Umgebung: „Uns war schon bewusst, dass in der Gegend schwerpunktmäßig Gastronomie angesiedelt ist. Trotzdem ist das für mich kein einfaches Kneipenviertel wie z. B. die Altstadt. Die meisten Cafés und Restaurants hier haben ein hohes Niveau und entsprechendes Klientel. Das passt so auch zu uns. Dennoch wünschen wir uns noch mehr kreativen Einzelhandel in der Nachbarschaft.“ Eine Entwicklung, die durchaus realistisch scheint, denn mit dem Hutmacher „Appreteur“ hat sich gerade ein weiteres feines Atelier im Viertel niedergelassen.