Keine Frage: Auch in Düsseldorf markiert das Jahr 1989 eine Zeitenwende. Denn nicht nur tief im Osten, auch hier bei uns, mitten in der Altstadt, müssen geschichtsträchtige Mauern weichen: Über dem „Ratinger Hof“, der viel beschworenen Wiege des deutschen Punk, kreist die Abrissbirne. Wo gut zehn Jahre zuvor Peter Hein zu den Fehlfarben und Campino überhaupt erst den Weg in den Proberaum fand, wo sich Künstler und Akademiestudenten trafen, klafft fortan eine Lücke. Doch die Trauer hält sich in Grenzen: Schon seit Beginn der 1980er hat man dabei zusehen müssen, wie aus Punk Mode wird, bis der No-Future-Sticker schließlich an jeder Bahnhaltestelle klebt. Punker vs. Popper? Irgendwo im Shopping-Dreieck zwischen der Mata-Hari-Passage, dem Warehouse und der Mini-Boutique Look, die den großen Ketten noch bis weit in die Nullerjahre hinein die Stirn bieten wird, überlebt sich diese Formel. Ein Punk, das ist man an der Schwelle zum neuen Jahrzehnt selbst in Düsseldorf bestenfalls noch im Herzen. Und vielleicht hin und wieder im „Dschungel“.

„Punk hat im Dschungel eigentlich immer den Ton angegeben. Mit Punk fing alles an, und damit endete es auch. Sogar Dee Dee Ramone hatte hier mal einen Gig“, erinnert sich DJ VDE. In dem in kühles Licht getauchten Laden auf der Neustraße stand er in den frühen 90ern selbst an den Plattentellern.Von 1981-89 war er Resident DJ im legendären „Line Light“ auf der Flingerstraße. Doch mit Beginn des neuen Jahrzehnts drohte das Modell Indie-Disco zum Anachronismus zu werden: Auch in Düsseldorf sind Techno, House, Jungle und Co. längst keine Undergroundbewegung mehr. Das „Line Light“ schließt 1991. Wer in der Altstadt fortan etwas Nicht- Elektronisches möchte, den verschlägt es immer öfter in die angestammte Lieblingskneipe: Engelchen, Schaukelstühlchen, Schlonz oder Uel.

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Im „Tanzpalast“ im alten Zollhof dreht sich bereits mehr um Beats als um Gitarren. Den für die Zeit so typischen Mix aus Disco, HipHop und Dancefloor zelebriert man, wie sollte es anders sein, in einer Lagerhalle. Franjo Pooth steht hier hinter der Theke – noch bevor der ehemalige Industrie- zum Medienhafen, und Franjo selbst zum Medienereignis wird. Der Stadtteil ist bis dato kaum erschlossen, das Rheinufer hat noch keinen Bagger gesehen. Erst 1995 wird es möglich werden, zu Fuß von der Altstadt die Rheinuferpromenade entlang bis hinüber in den Hafen zu laufen. Abgesehen von den Tanzpalast-Jüngern und einigen Künstlern, die im alten Zollhof ihre Ateliers haben, verirren sich seinerzeit nur noch die Gäste des Fischhauses Maassen hierher.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie sich die Clubszene durch den Strukturwandel geändert hat und wo man in Flingern heute noch richtig gut essen kann.An gleicher Stelle wird seit vergangenem Jahr übrigens wieder sehr frischer Fisch serviert: Die „Hafenperle“ hat hier Quartier bezogen – nach dem Aus des „MK-2“. Es stimmt, im Hafen war in letzter Zeit ein gewisses Clubsterben zu beobachten. So erwischte es ja auch die „Harpune“, von „Monkey’s Island“ ganz zu schweigen. Nichtsdestotrotz: Spätestens seit Gehrys Neuer Zollhof den Gang über die Kaistraße zu einem postmodernen Erlebnis macht, hat der Begriff des Strukturwandels in Düsseldorf eine Bedeutungserweiterung erfahren. Ob nun Schlemmen à la Alain Ducasse im „Lido“ oder etwas entspannter wie in der „Hafenbar“: Der Hafen ist zum Vorzeigeviertel geworden. Ein Stadtteil, dessen Nachtleben allerdings – „3001“ hin oder her – ein wenig schwächelt und dem mehr Neuzugänge wie das perfekt unperfekte Hinterhoflokal „Shabby Chic“ sicher gut tun würden.

Wie sich das Straßenbild innerhalb kurzer Zeit zu wandeln vermag, davon wissen auch die Flingeraner zu berichten. „Vor zwanzig Jahren war hier in Sachen Ausgehkultur noch überhaupt gar nichts los“, erzählt Gaby Thomas, Inhaberin einer kleinen, aber feinen Weinhandlung auf der Birkenstraße. Der „Weinladen“, den sie zusammen mit Ulrich Lechtape betreibt, hält sich seit 22 Jahren. Damit gehört Gaby Thomas zu den wenigen Alteingesessenen, die den neuen Szene-Kiez noch als unspektakuläres Arbeiterviertel mit hohem Fortuna- Fan-Anteil kennen. „Wobei, so ganz stimmt das jetzt auch wieder nicht. Dienstag war hier schräg gegenüber immer Paco’s- Abend: Spanisches Bier, Tapas, spanische Musik – da bekamst du auf der Birkenstraße keinen Parkplatz mehr. „Wen wundert’s, gehörte das „Paco’s“ doch Wolfgang Pellny, der später das „Schiff Ahoi“, das „Ab der Fisch“ und zuletzt das „Frida“ in Bilk auf den Weg bringen sollte.

Der letzte Kult in Flingern dürfte das „Schmitz‘ Katz“ gewesen sein. Wo früher der Legende nach die Toten Hosen ein und aus gingen, residiert heute die „nachbar“ – nur einer von zig Gastronomie- und Kneipenbetrieben, die, flankiert von schnuckeligen Cafés, entlang der Ackerstraße und rund um Linden- und Hermannplatz für ein ganz neues Flingern-Flair sorgen. Das Café „Hüftgold“ mit seinen hausgemachten Kuchen, das von der Düsseldorfer Künstlerin Frauke Berg mitgestaltete „Café Rekord“, die „Alte Metzgerei“ mit ihrem fantasievollen und preiswerten Mittagstisch und, nicht zu vergessen, der Platzhirsch „Nooij“ – in Flingern trifft sich nicht nur die Nachbarschaft, sondern mittlerweile halb Düsseldorf. Dabei geht das Angebot über Milchkaffee weit hinaus: Seit die „Trinkhalle“, Flingerns Soul-Kitchen, vor drei Jahren an den Start ging, lässt sich hier auch vorzüglich feiern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wo man in Flingern „Puffbrause“ bekommt und wo man am besten feiern gehen kann.Shoppen ja sowieso. Unter anderem im „Mischwaren“-Laden, der neben skandinavischer Mode und spanischen Sneakers auch „Puffsbrause“ und „Kalte Muschi“ im Angebot hat und seinem Name damit alle Ehre macht (seit kurzem unter neuer Adresse auf der Lindenstraße). Auch das Vintage-Wunder „Wilde Heimat“ und der Conceptstore „Unterhaltung Lieblingsstücke“ nähern sich dem Thema Einzelhandel multidisziplinär: Hier wird neben Mode auch mit Interieur-Design, Accessoires, Büchern, und vielem mehr gedealt. Selbst wenn das Viertel mit dem vermeintlichen Vorbild Prenzlauer Berg noch nicht völlig mithalten kann: Man hilft seinem Schicksal ganz gut auf die Sprünge.

Nit quake, – make! Vermutlich ist es dieser Geist, der Düsseldorfs Subkultur am Leben hält. Das war zu Ratinger-Hof-Zeiten so, und ist es heute im Wesentlichen immer noch. Wie man feiert, wissen bekanntlich nicht nur die Jungs von „Captain Flingern“. Auch die Altstadt-Kollegen vom „Salon des Amateurs“ handeln in bester Düsseldorfer Tradition: Im Parterre der Kunsthalle am Grabbeplatz läuft nicht nur feinster elektronischer Sound, es finden auch tolle Konzerte, Filmabende und Performances statt. Sicher: Das „Unique“, Düsseldorfs Funk-Sixties-Breakbeat-Institution, ist Geschichte, und das ist nicht leicht zu verschmerzen. Das Gute an Düsseldorf ist jedoch: Man kennt sich und trifft sich wieder. Vielleicht im „Pretty Vacant“ oder auf der Ratinger im neuen Schlösser-Tempel „Quartier Boheme“. Vielleicht auch auf der Flingerstraße.
Eva Westhoff