Herr Flür, vom Musiker zum Autor. Eine späte zweite Berufung, wie kam es dazu?
Nach Kraftwerk hatte ich Zeit, habe viel gelesen, z. B. Camus, Dostojewski, Borchert, Grosz. Ich mag Geschichten, die Witz und tragische Elemente haben. Durch das Lesen bin ich zum Schreiben gekommen, 1999 erschien dann meine Autobiografie über die Zeit bei Kraftwerk.

Gerade ist Ihr zweites Buch „neben mir – Rheinland Grotesken“ erschienen, das Sie in Kooperation mit Zuhal Korkmaz geschrieben haben. Woher nehmen Sie den Stoff für Ihre Kurzgeschichten?
Es gibt wie meistens autobiografische Elemente. Und die Figuren in unseren Geschichten haben oft Vorbilder im realen Leben. Zum Beispiel die ziemlich harte Geschichte „Läuft wie verrückt – Clemens“. Der Protagonist hat hier einen anderen Namen bekommen, den gibt es wirklich, der hat früher schlimme Sachen gemacht in Düsseldorf.

Ihre Geschichten spielen im Rheinland, eigentlich sind Sie doch gebürtiger Frankfurter …
Hessisch babble kann isch aach (lacht). Im Ernst: Wir sind mit Hochdeutsch groß geworden. Und außerdem schon 1952 hier her gezogen.

Sie haben mit „Kraftwerk“ und mit „Yamo“ die ganze Welt bereist – was macht Düsseldorf für Sie einzigartig?
Düsseldorf deckt ab, was ich brauche, ist nicht zu groß und vor allem keine laute Stadt. Ich bin ein Träumer und sehr geräuschempfindlich. Düsseldorf bietet außerdem eine Eleganz, die ich schätze. Und natürlich die Rheinländer an sich: Das sind die Italiener Deutschlands mit ihrer lockeren Art. Diese Breitheit, Verschmitztheit und Säuigkeit – darauf muss man stehen. Oder man zieht weg.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Düsseldorf?
Unser Rheinufer – ich könnte nie in einer Stadt wohnen, die keinen großen Fluss hat.

Vermissen Sie etwas aus Ihrem Leben als Star mit „Kraftwerk“?
Überhaupt nichts. Wir haben uns nicht als Popstars gefühlt. Als der große Erfolg kam, waren alle schon Ende zwanzig und gefestigte Persönlichkeiten.

An welche Ereignisse von damals denken Sie besonders gerne zurück?
Die skurrile Begegnung mit Helmut Berger in Rom, als er mir erst seine Schuhe schenken und mich anschließend auf dem Messingbett seines verstorbenen Freundes Luchino Visconti verknuspern wollte. Und das Eurovision-Konzert in Venedig, 1978: Wir haben in diesem Konzertsaal vier Roboter-Figuren in die erste Reihe gesetzt. Das waren Plätze für Ehrengäste, es gab hinterher Riesenärger. Auf der Aftershow-Party ist mir Iggy Pop beim Tanzen ständig auf die Füße getreten.

Ihre Stimme ist in dem Trailer zum 3D-Actionfilm „True Legend“ zu hören, wie kam es dazu?
Das war eher Zufall. Bon Harris von Nitzer Ebb sprach mich an, ob ich nicht für sein Projekt „The Shadow Bureau“ ein Stück vertonen wolle – mit Sprechgesang. Ich habe einen Text geschrieben und zu Hause im Schlafzimmer aufgenommen, nach dem Aufstehen, mit knarziger Stimme. Der Filmproduktion gefiel der Song so gut, dass sie ihn für den Trailer wollten. Wer mal reinhören möchte: myspace.com/yamomusic.

Das Gespräch führte Uwe Hasenfuß