Chima, in „Morgen“ singst du: „Mein Arsch ist schwer wie Blei“. Wirklich?
Es fällt mir häufig schwer, mir selbst in den Hintern zu treten. In dem Song geht es aber nicht allein um Faulheit, sondern darum, dass man oft nicht den Mut hat, Entscheidungen zu treffen. Um an meinem Musiker-Traum festzuhalten, brauchte ich Stahleier, und eine gehörige Portion Wahnsinn kam auch dazu – davon singe ich auch in dem Lied „Risiko“. Beinahe mein komplettes Umfeld sagte mir: Werde doch jetzt bitte mal vernünftig, du hast ein Kind. Das wird nichts mehr, mit Mitte 30 Popstar zu werden.

Für deine Karriere hast du auch dein Soziologie-Studium aufgegeben.
Ich habe mich mit Mitte 20 bewusst für Jobs und nicht für einen Beruf entschieden. Ich wollte nicht in die Versuchung kommen, dass Annehmlichkeiten wie eine Kreditkarte oder ein 13. Monatsgehalt mich von meinem Ziel abkommen lassen. Und so hatte ich wenig Geld, konnte nicht mit meinen Freunden zum Friedberger Markt, weil ich mir keine überteuerte Apfelschorle leisten konnte. Tagsüber war ich mit meinem Kleinen beschäftigt oder habe gejobbt und mir dann die Nacht im Studio um die Ohren gehauen. Manchmal hat es dann nur noch für Cornflakes mit Wasser gereicht. Die letzten fünf Jahre waren die Hölle. Ich war ganz unten am Rand der Gesellschaft.

Einige kennen dich noch als Rapper gegen Rassismus, als Mitglied der Brothers Keepers. Jetzt gehst du mehr in die poetische Poprichtung: Wie hast du dich musikalisch verändert?
Auch als Rapper war ich schon sehr bemüht, nicht einfach nur Ghetto-Plattitüden aus den USA zu übernehmen. Aber ich war damals nicht so mutig wie andere, etwa Freundeskreis oder Die Beginner, die das Singen beim Rap ganz radikal als Handschrift durchgesetzt hatten. Für das neue Album habe ich auch mit Co-Autoren gearbeitet, etwa mit guten Freunden wie Patrice oder Curse. Das hat bei einigen Songs noch ganz andere Perspektiven ermöglicht. Mir fiel das nicht immer leicht, denn ich bin ein leidenschaftlicher Egomane und teile ungern Ruhm. (lacht)

Ein Song deines neuen Albums heißt „Lieb mich“. Da bettelt der Mann ganz heftig um die Liebe einer Frau. Selbst erlebt?
Bei meiner letzten Erfahrung habe ich mir sehr viel Mühe gegeben. Und das hatte auch etwas von dieser autistischen Natur, die ich in dem Song beschreibe. „Lieb mich einfach, ich lieb dich doch auch“: Da ist das eigene Bedürfnis so stark, dass man gar nicht mehr auf dem Schirm hat, dass es irgendeine andere Position geben könnte. Und man besitzt die Dreistigkeit, sich drüber aufzuregen, dass man nicht zurückgeliebt wird. (lacht)

Was sagst du zum Vorwurf, dass du dein Lied „Morgen“ den Berliner Rappern „Herr von Grau“ geklaut haben sollst?
Für mich war das krass und auch schmerzhaft. Offensichtlich sind die Lieder 2009 parallel entstanden. Da ist nichts dran an den Vorwürfen. Wir haben den gleichen Titel, einen ähnlichen sprachlichen Rhythmus und am Anfang der beiden Songs gibt es Streicher. Aber das war es dann auch schon.

Interview: Kathrin Rosendorff