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„German Pop“ – Frau Knobloch und der Lippenstift-Bomber

Die Ausstellung „German Pop“ will einen Überblick über die Pop Art der 60er Jahre in Deutschland vermitteln. Gezeigt werden 150 Werke aus Malerei, Skulptur, Collagen,Installationen, Filmmaterial und Grafik.

Zur vollen Stunde kommt Bewegung in das Werk. Der Motor setzt sich in Gang und lässt die aufgereihten Gesichter unter den Kittelschürzen in der aus Holz gefertigten Putzmittelflasche tanzen. Oben erscheint im Takt eine durchsichtige Fontäne aus Plastik – wie ein Putzmittel, das aus der Flasche spritzt. Thomas Bayrle führt in seinem Werk „Ajax“ (1966) die kleinbürgerliche Idylle des Wirtschaftswunders in der Nachkriegszeit vor, geprägt von einer neuen Warenwelt, von Konsum, der Teilung des Landes und der Verdrängung der jüngsten deutschen Geschichte.

Letzeres thematisiert Bayrle, der von 1972 bis 2002 am Frankfurter Städel lehrte, auch in seiner Installation „Nürnberger Orgie“, in der sich, ebenfalls zur vollen Stunde, ein Arm zum Hitlergruß reckt, während unten die Hakenkreuz-Flaggen lustig wackeln. Die Frankfurter Künstler Thomas Bayrle und Peter Roehr sind wichtige Vertreter des „German Pop“, dem die Schirn aktuell eine Ausstellung widmet – ein bisher wenig beachtetes kunsthistorisches Phänomen. Bayerle und Roehr, der bereits im Alter von 24 Jahren an Krebs verstarb, arbeiteten beide oftmals nach dem Prinzip des Seriellen. Damit stehen beide sowie auch Sigmar Polke in der Tradition der amerikanischen Pop Art eines Andy Warhols oder Roy Lichtensteins.

Kleinbürgerlicher Realismus zwischen Häkeldeckchen und Lockenwicklern

Die Ausstellung „German Pop“ erklärt die deutsche Variante zu einer eigenen, unabhängigen Kunstform der 60er und frühen 70er Jahre. Der German Pop ist dabei weniger cool und weit entfernt vom Glamour der American Pop Art. Statt Jackie O. wird hier im selben Jahr 1964 Frau Knobloch von Gerhard Richter porträtiert, eine Kunstsammlerin aus Krefeld. Der deutsche Pop Art machte sich eher einen „kleinbürgerlichen Realismus“ zu eigen, der die trügerische, ins private zurückgezogene Idylle zwischen Häkeldeckchen und Lockenwicklern ironisierte, deren wichtigste Werte Ordnung und Sauberkeit waren.

In dem frisch geteilten Land versuchten junge Künstler wie Gerhard Richter, Sigmar Polke, Peter Brüning und Christa Dichgans eine politische Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit. Das wichtigste Zentrum des German Pop war Düsseldorf, weitere bedeutsame Städte waren München, Berlin und Frankfurt. Dieser Struktur folgt auch der Aufbau der Ausstellung, die die Werke nach Städten unterteilt. Das erscheint in sofern sinnvoll, da die Verarbeitung dieser neuen Kunstform auch innerhalb Deutschlands keinesfalls homogen war. Den Einfluss Amerikas kann man jedoch keineswegs leugnen. Zu dieser Zeit galt Amerika noch als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, seine Ikonen hießen John F. Kennedy, Marylin Monroe, James Dean, Elvis, Coca Cola und Hollywood. Derart plakativ und zugewandt konnte man allerdings in Deutschland einer Massenbewegung aufgrund des Erlebten nicht folgen. So ist der German Pop nachdenklicher, weniger grell und meist politisch.

Düsseldorf als Keimzelle des German Pop

Aber zurück zu Düsseldorf. Gleich zu Anfang steht man als Besucher vor den großen Errungenschaften der Industrielandschaft des Ruhrpotts. Peter Brünings sich drehender, blinkender „Straßenkubus“ (1969) und seine anderen Objekte aus dieser Reihe verweisen kritisch auf den neuen Fortschritt. Schöne neue Welt made in Germany. Kennzeichnend für den Ursprung der deutschen Pop Art ist der in Düsseldorf sich bildende Kapitalistische Realismus. In ihrem QUIBB-Manifest (1963) distanzierten sich HP Alvermann und Winfred Gaul vom American Pop. Den Begriff „German Pop“ gebrauchten erstmals die Künstler Konrad Lueg, Manfred Kuttner, Sigmar Polke und Gerhard Richter in ihrem Text zu einer gemeinsamen Ausstellung im Jahr 1963.

Wolf Vostell, der nach seinem Kunststudium in Düsseldorf nach West-Berlin übersiedelte, schafft mit seinem „Lippenstift-Bomber“ (1968, Siebdruck auf Karton) einprägsam die Verbindung von Konsum und politischer Kritik wie hier am Vietnam-Krieg. Unter dem Bomber hängen hübsch aufgereiht Lippenstifte in verschiedenen Rottönen und erinnern an kleine Raketen oder einen baumelnden Patronengürtel. Eines seiner Bilder zeigt das Gesicht der West-Berliner Studentenbewegung der 60er, das Porträt Rudi Dutschkes. Christa Dichgans, eine von nur drei ausgestellten weiblichen Vertreterinnen des German Pop, häuft in ihrer Malerei in knalligen Farben und hyperealistischer, grotesker Manier aufblasbare Gummi-Tiere aufeinander.

Politischer als American Pop Art

Die Ausstellung mit ihren rund 150 Kunstwerken von 34 Künstlern und Künstlerinnen macht deutlich wie unterschiedlich sich die Künstler der verschiedenen Regionen mit der Kunstrichtung Pop Art – in der Wahl ihrer Themen sowie der Art des künstlerischen Ausdrucks in Malerei, Installationen, Filmmaterial, Skulpturen, Collagen und Grafiken – auseinandergesetzt haben. Vielleicht mutet der German Pop zuweilen etwas blass an, vor allem wenn man dabei stets nach Amerika schielt. Aber die Ausstellung zeigt auch, dass diese Kunstrichtung in Deutschland, vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte, subtiler und politischer war. Interessant ist die Werkschau „German Pop“ allemal, auch weil dort zum Teil noch nie öffentlich gezeigte Werke zu sehen sind, von bekannten, von vergessenen oder von unbekannten Künstlern.

Rund um die Ausstellung gibt es ein spannendes Rahmenprogramm mit Führungen für Erwachsene oder Kinder, Filmvorführung u.a. Ein Highlight ist das Event Schirn at night, am 6.12., 20-24 Uhr. VVK: 10 €, AK: 12 €

„German Pop“ ist noch bis zum 8. Februar 2015 in der Schirn Frankfurt zu sehen. Geöffnet immer Di, Fr-So 10-19 Uhr, Mi & Do 10-22 Uhr, Infos: www.schirn.de

Fazit: Unbedingt ansehen!


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