KREATIVE SZENE IN OFFENBACH

DJ Ata trägt Neon-Sneaker, Jogginghose und Bommelschal. Klamotten also, in denen fast jeder andere lächerlich wirken würde. Er nicht. Lässig sitzt er zwischen den mobilen Möbelmodulen im Robert Johnson, seinem Offenbacher Club, und deutet gen Westen. „Von hier aus sind es nur 150 Meter bis zur Frankfurter Stadtgrenze“, sagt er. Von der Terrasse sieht man den Main, die Kaiserleibrücke, die Spitze der Hafeninsel. Offenbach, findet Ata, fühlt sich ein bisschen so an wie das Frankfurter Bahnhofsviertel. Dort wohnt er. Er mag das Internationale, sagt: „Ich habe keine Angst vor dem Clash der Kulturen“. Auch das Robert Johnson ist auf seine Weise international. Vielen Hipstern gilt der Club als einer der wichtigsten Deutschlands, sie kommen aus München oder vom Bodensee, um hier zu tanzen.

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Hinter den Turntables steht die Crème de la Crème der internationalen Plattenauflegerszene. Auf seinen drei Housemusik-Labels (Ongaku, Klang und Playhouse) veröffentlicht Ata smarte Beats für die Tanzböden dieses Planeten. Frankfurter Clubs interessieren ihn aber kaum. „Das ist nicht meine Welt“, sagt er, „nur Sven Väth im Cocoon Club, den besuche ich manchmal“. Nur eine Mainkrümmung vom Robert Johnson entfernt haben Andrea Weiß und Alex Braun vor drei Jahren den Hafen 2 eröffnet – im Lokschuppen der ausrangierten Hafenbahn. Silos, Kräne, dazwischen eine große Wiese mit Gänsen, Schafen und einem Eisenbahnwaggon – so sieht es hier aus. Draußen spröder Industrie- Charme, drinnen ein Café mit bunten Eames- Stühlen, viel Platz für junge Kunst und feine Elektromusik. Oft spielen hier angesagte Indie-Bands.

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Mitte der Neunziger veranstalteten Weiß und Braun illegale Partys im Frankfurter Untergrund. Dann verlagerte sich die Szene plötzlich nach Offenbach.Man feierte Off-Kunst-Events in leer stehenden Häusern – protegiert von HfG-Professor Heiner Blum. „Das war eine richtige Aufbruchstimmung“, erinnert sich Andrea Weiß, während der schwarze Kater Tommy um ihre Beine streift. 1998 übernahmen Weiß und Braun den Rotari-Club in der Offenbacher City. Später wurde ihnen das Gelände am Main angeboten – allerdings nur zur Zwischennutzung. Der Lokschuppen wird nun bald abgerissen. Am Offenbacher Hafen soll ein neuer Stadtteil entstehen. Der Hafen 2 zieht dann einfach ein paar Meter weiter. Weiß und Braun freuen sich darauf: „Es ist schön, wenn hier etwas passiert und die Offenbacher endlich den Main für sich entdecken. Die Frankfurter haben das ja auch schon getan.“

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Fragt man DJ Ata und die Hafen 2-Macher, was sie an Offenbach am meisten lieben, sagen alle drei: den Wochenmarkt am Wilhelmsplatz. Hier, in der Café Bar 13, treffen wir Carsten Strauch. In seiner Wohnung an der Stadthalle hat er bis vor wenigen Minuten noch am Konzept für eine Fernsehserie gefeilt. Strauch ist Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor. Seine Talente hat er im Studiengang Visuelle Kommunikation an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung perfektioniert – der kreativen Keimzelle der Stadt. Künstler wie Christoph Schlingensief haben hier schon unterrichtet. „Anders als an den klassischen Filmhochschulen in München oder Ludwigsburg lernt man in Offenbach erst einmal Zeichnen, Malen, Fotografieren und Typografie“, erzählt Strauch,“wer sich dann aufs Filmemachen verlegt, muss improvisieren. Die HfG stellt das Equipment, um Drehbücher und Schauspieler müssen sich die Studenten aber selber kümmern. Dafür haben sie bei ihren Projekten dann freie Hand.“ Strauchs Abschlussarbeit war 2001 für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert. Später hat er aus dem schwarzhumorigen Plot um eine fehlgeleitete Spenderniere die Kinokomödie „Die Aufschneider“ gemacht – mit Christoph Maria Herbst, Cosma Shiva Hagen und ihm selbst in den Hauptrollen. Auch weitere HfGLeute waren mit von der Partie: Die Kamerafrau und die Kostümbildnerin haben beide in Offenbach studiert.
Markus Wölfelschneider