Sachsenhausen zwischen Tradition und Design

Balou hatte keine Lust mehr, den Main zu überqueren, um sich neue stylishe Sneakers zu kaufen. „Sachsenhausen ist ein absolutes Entwicklungsgebiet, was den Einzelhandel angeht“, erzählt der 31jährige, der eigentlich Lars Schreckenberger heißt und vor knapp einem Jahr in der Wallstraße das Conmoto eröffnet hat. Hinter der Sneakers-Ecke ist der Barbereich: Asiatische Touristen verirren sich auf dem Weg zur Jugendherberge gelegentlich hierher und probieren den ersten Äppler ihres Lebens. Ansonsten ist das Publikum schick, ohne Schlips zu tragen, der Altersdurchschnitt liegt über 20. Links stehen grüne Stühle, die in Richtung eines Flatscreens ausgerichtet sind. „Bei Auswärtspielen der Eintracht muss man schon reservieren, um hier einen Platz zu bekommen“, sagt Balou. Auch sonst ist der Laden gut besucht:Wo sonst kann man bis Mitternacht Schuhe shoppen? Herrlich einkaufen lässt es sich auch in der Brückenstraße, die direkt um die Ecke liegt. Waren hier vor ein paar Jahren noch TV- und Elektroläden angesiedelt, so avanciert die Brückenstraße heute immer mehr zur Fashionmeile. Den Anfang machte im Februar 2003 Myriam Beltz, die sich sofort in den Straßenzug verliebt hat. „Ich mag die Mischung aus Tradition und Modernem“, sagt die Inhaberin des Modeladens Lieblingsstücke, die junge Designermode anbietet. Gefolgt sind ihr Shops wie Freud oder Ich war ein Dirndl. „Mittlerweile sind wir alle miteinander befreundet“, erzählt Beltz. Für sie ist die Brückenstraße immer noch ein Geheimtipp und Teil eines anderen Sachsenhausens. „Von der Partymeile in Alt- Sachsenhausen und den üblen Junggesellenabschieden bekomme ich hier gar nichts mit“, sagt sie.

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Mitten im Geschehen, zwischen dem Kneipenviertel und der Wallstraße, ist die Paradiesgasse: eine wahre „Fressmeile“. Thailänder, Italiener und libanesische Stehimbisse reihen sich dicht nebeneinander. Pizza Petro backt hier „prima Holzofen Pizza“. Petro heißt eigentlich Michael Rofail und ist Ägypter. Bei einem echten Italiener hat er die Pizzabackkunst gelernt. „Meine Pizza ist nur einen Hauch würziger als beim Italiener“, betont Rofail. In der Mittagszeit kommen Geschäftsleute und nehmen auf den Holzbänken Platz. Die Besucher des Kneipenviertels kommen erst sehr spät für einen kleinen Pizzaimbiss – Petro hat täglich bis 5 Uhr geöffnet. Rofail erzählt: „Mir ist es schon einmal passiert, dass ein Kunde zu mir gesagt hat: Gerade bin ich zu besoffen, um beurteilen zu können, ob deine Pizza schmeckt oder nicht. Ich komme wieder, wenn ich nüchtern bin.“ Seitdem ist dieser Gast Stammkunde. „Schlägereien in der Paradiesgasse kommen immer noch vor. Insgesamt ist es aber viel besser geworden, weil es mehr Polizeikontrollen gibt“, so Rofail. Immer was los ist auch im Abtsgässchen, denn dort befindet sich die Stereo Bar. Am Wochenende gibt es in der Neo-Sixties-Bar oft Livekonzerte. „Sachsenhausen ist mein Revier und das Herzstück Frankfurts“, sagt Roman Schmidt-Peccolo (34), Inhaber der Stereo Bar, der Hafenbar und der Apfelweinwirtschaft Schreiber Heyne. Nirgendwo ist die Apfelweinkultur so verankert wie in Sachsenhausen.“Das Publikum wird immer jünger“, schwärmt Schmidt-Peccolo. Gemütlichkeit und Handkäs‘ sind auch für Susan und ihre Freundinnen zwei gute Gründe, ins Apfelweinlokal Fichtekränzi zu ziehen. „Hier kommt man leichter ins Gespräch und es ist nicht so schickimicki. So ein Gespritzter schmeckt in lustiger Runde sowieso am besten“, meint die 33jährige. „Äppler mag ich gar nicht“, sagt dagegen Alexander Sinclair (42). Seit drei Jahren gibt es seine S-Bar. Eine „kleine Oase“, versteckt inmitten von Altsachsenhausens Kneipenviertel. „Trashig dekadent“ und vor allem eins: äpplerfrei. Der Engländer und gelernte Schaufensterdekorateur sagt: „Wenn ich gute Laune habe, bin ich ein toller Entertainer.“ Dann kann es auch sein, dass er, nachdem der letzte Gast gegangen ist, rüber zum Grauen Bock geht und sich eine Schweinshaxe genehmigt.

Kathrin Rosendorff u. Linda Wickert