NOSTALGIE UND NEUES IM FRANKFURTER WESTEN

Man kann es nicht beschönigen. Höchst hat einen schlechten Ruf. Aber das wird sich ändern. Höchst wahrscheinlich. Anzeichen dafür gibt es genug. Das Mainufer wurde saniert, die Infrastruktur verbessert und am Höchster Stadtrand entstehen neue Wohnviertel. Und zum Glück gibt es eine Reihe von Menschen, denen der Stadtteil am Herzen liegt, die hier etwas bewegen wollen. So wie das Ehepaar Wellert. Seit 1994 betreiben die beiden mit großem Engagement das Gasthaus Zum Bären am idyllischen Höchster Schlossplatz. Spricht man Evangelia Wellert auf den Stadtteil an, fallen ihr durchaus Gründe ein, hier zu leben. „Es gibt viel Kultur, eine nostalgische Altstadt und ein internationales Publikum“, sagt sie. Und nicht zu vergessen das Mainufer. Dessen Potential hat das ambitionierte Gastronomenpaar erkannt. Seit 2006 haben auch die Höchster mit der Schiffsmeldestelle einen lauschigen Platz am Wasser. Seitdem kommen Kind und Kegel, viele sogar aus der City und dem Taunuskreis, um dort im Liegestuhl zu entspannen. „Wir wollten etwas machen, was die breite Masse anspricht“, so Wellert. Gerade die Mischung aus Familien, Senioren, Jugendlichen und Szenegängern ist es, was die Schiffsmeldestelle und den Stadtteil ausmacht. Mit den „Sunset Cruises“ haben die Wellerts noch ein weiteres Highlight geschaffen. Mit der Höchster Fähre, der letzten in ganz Frankfurt übrigens, kann man dem Sonnenuntergang auf dem Wasser entgegen schippern. Dass ihre Ideen in Höchst so gut angenommen werden, dafür hat Evangelia Wellert eine Erklärung. „Hier etabliert sich seit einiger Zeit eine neue Generation junger Familien und eine kleine Künstlerszene“, sagt sie. Das sehen Steffen Born und Nurcan Sen vom Sushi-Restaurant Mala Min genauso. Etwas erstaunt waren sie schon, dass ihr Konzept im Stadtteil so eingeschlagen hat. Japanische Geschäftsleute, Studenten oder die Oma von nebenan wissen das gute Essen und die stilvoll-schlichte Einrichtung gleichermaßen zu schätzen. „Höchst wird sich in der nächsten Zeit verändern“, sagt Nurcan zuversichtlich. Und die Höchster, ob alteingesessen oder neu hinzugezogen, wollen die Veränderung. Und neue Impulse gibt es genug. „Höchst ist ein interessanter Stadtteil“, findet Steffen Born.

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Die Kombination aus abwechslungsreichem Kulturprogramm, der Lage und dem historischen Altstadtkern ist auch für ihn das Besondere. Und gastronomisch kommt langsam Bewegung in den Stadtteil. Sogar das lange leer stehende Hertie-Kaufhaus in der Fußgängerzone soll 2008 wieder eröffnen. „Es gibt eine Art Aufbruchstimmung“, sagt Steffen über derart erfreuliche Entwicklungen. Natürlich gibt es auch feste Institutionen, die den Stadtteil entscheidend mitgeprägt haben. Das Café Wunderbar und das Neue Theater Höchst etwa. Beide sind kulturelle Treffpunkte und bis über die Grenzen von Höchst bekannt. „Wir machen Varieté für die ganze Familie“, beschreibt Leiter und Mitbegründer Dusan Pintner das Konzept des Neuen Theaters. Seit der Gründung im Jahr 1987 hat sich das Theater mit seinem Programm aus Kleinkunst und Kabarett etabliert. Die Besucherzahlen sind jedes Jahr steigend. Für 2008 stehen noch mehr Veranstaltungen und Gastspiele auf dem Plan. „Wir haben Kleinkunst hoffähig gemacht“, so Pintner. Erreicht haben sie damit in den letzten zwei Jahrzehnten auch ein Publikum, das sonst nicht unbedingt ins Kabarett gehen würde. Kulturelle Anziehungspunkte sind auch Veranstaltungen wie das Höchster Schlossfest oder „Barock am Main“ im romantischen Bolongarogarten. Apropos, Romantik. Pintner ist wie all die anderen eingeschworenen Höchster vom „Höchstalgie“-Virus befallen. Der führt dazu, dass man dem nostalgischen Charme der windschiefen Fachwerkhäuser, den verwinkelten Gassen und den grünen Wiesen am Mainufer erliegt. Und natürlich dem Panorama des Schlossplatzes. Für Pintner gibt es nichts Schöneres als im Sommer dort zu sitzen und die Kulisse zu genießen. „Das bietet kein anderer Stadtteil“, schwärmt er.
Melanie Luke