PRINZ: In einem Interview nach dem Start des TV-Films „War ich gut“ (PRO7) sollst du auf die Frage, was du als nächstes spielen willst, gesagt haben: „Vielleicht eine Bordsteinschwalbe oder eine Wasserleiche.“
Kraus: (lacht) Na gut, es wurde dann eben eine Gestapo-Agentin, und das ganze auf Englisch. Ein bisschen mehr Kultur als ich mir vorgestellt habe. Das Angebot kam im Sommer 2007 von Intendant Daniel Nicolai, und ich dachte:
Verscheißert der mich? Aber er hat es tat-
sächlich ernst gemeint. Mein Bauchgefühl sagte mir sofort: Let’s do it! Und nachdem ich zusammen mit meinem Bühnenpartner Tim Hardy, der den Picasso spielt und auch Schauspiellehrer ist, in einem Workshop
ausprobiert habe, ob das funktionieren
könnte, habe ich mir gedacht: Trau ich mich mal was!
PRINZ: Du kokettierst mit der Rolle der Krawall-Talkerin. Doch das ist ja nicht Sonya Kraus, sondern eine Kunstfigur. Lernt man jetzt auf der Bühne ein Stück mehr von der kulturbegeisterten, intelligenten, facettenreichen Sonya Kraus kennen?
Kraus: Ich glaube, es trifft für viele moderne jungen Frauen zu, dass sie ein sehr breit gefächertes Spektrum haben und sowohl die Ulknudel sein können, aber auch definitiv Tiefen haben. Ich sage immer: Minirock und Dekolleté beißen sich nicht mit Intelligenz und Seele. Ich habe aber auch gar nicht drüber nachgedacht, ob man mehr über mich erfährt, mich anders wahrnimmt. Ich hatte einfach Lust, dieses Fräulein Fischer zu spielen.
PRINZ: Hast du dich auf diese Rolle in irgendeiner Weise vorbereitet?
Kraus: Was die Nazi-Zeit betrifft, da habe ich eigentlich nicht so viele Bildungslücken. Es gab gewisse Namen im Stück, die Picasso und sein Privatleben betreffen und die mir nichts sagten, da habe ich mich etwas eingearbeitet.
PRINZ: Ich dachte mehr an die psychologische Seite: Wie fühlt und verhält sich eine junge Frau, die Agentin eines diktatorischen Regimes ist?
Kraus: Ach, ich bin doch ein Weib und habe eine große emotionale Intelligenz und Empathiefähigkeit. Ich kann mir schon vorstellen, wie eine Frau damals zu dieser Zeit war. Als ich das Stück gelesen habe, habe ich Fräulein Fischer schon vor Augen gehabt. Dass sie so stark sein muss, und dass sie oft auch Dinge verbirgt, die sie denkt oder fühlt – das kann, glaube ich, fast jeder nachempfinden.
PRINZ: Das Stück hat der Amerikaner Jeffrey Hatcher verfasst. Findest du es zu klischeehaft?
Kraus: Nein, gar nicht. Dazu ist es zu schlau. Da sind Dialoge, die sind so schnell und so tiefgründig und doppeldeutig, dass Tim Hardy und ich manchmal Angst haben, dass es fürs Publikum zu schnell geht.
PRINZ: Das klingt etwas nachdenklich. Fürchtest du Kritik?
Kraus: Ich mache das Ganze für mich und ich wäre auch ein bisschen enttäuscht, wenn es nicht ein bisschen Kritik geben würde. Ich habe einen großen Nachteil: Wenn Fräulein Fischer die Bühne betritt, sehen die Leute als erstes Sonya Kraus. Ich muss also versuchen, diese Sonya Kraus erstmal aus den Köpfen auszuradieren. Und wenn dann hoffentlich ein schönes weißes, unbeschriebenes Blatt Papier in den Köpfen steckt, muss ich versuchen, darauf Miss Fischer möglichst glaubwürdig zu zeichnen.
PRINZ: Gibt es schon weitere Theaterpläne, vielleicht eine Tour mit dieser Produktion?
Kraus: Ich glaube, das geht zeitlich nicht. Und ab April muss ich dann auch wieder arbeiten.
PRINZ: Aber diese Produktion ist doch auch Arbeit?
Kraus: Nein, das ist pleasure!
Interview: Tobias Rüb

„A Picasso“ startet am 16.2. im English Theatre Frankfurt, Vorstellungen bis 6. April jeweils Mi-Sa 19.30, So 18 Uhr, Tickets 19-30 Euro, Tel. 069 / 24 23 16 20, www.english-theatre.org