„Na, dann fragen Se mal.“ Werner Körber, weiße Haare, um die Sechzig, lehnt sich gemächlich aus dem Glasfenster seiner Trinkhalle am Oeder Weg. Seit elf Jahren besitzt er den Kiosk. Elf Jahre, in denen er seine Kundschaft genau kennen gelernt hat. „Früher hat der Scharping mit seiner Gräfin hier oben in einer Villa gewohnt und sonntags bei mir Zeitungen gekauft. Und Michel Friedman kam immer mit einem ganzen Stab Bodyguards vorgefahren“, erzählt er gerade, als eine Dame, bepackt mit Einkaufstüten, ihn unterbricht. Kurzes „Hallo! Wie geht’s der Tochter?“ – „gut, gut“, die Antwort. „Bleib gottesfürchtig und anständig“, gibt Körber ihr noch mit auf den Weg. Dann erzählt er, dass sich jeden Tag vor seinem Wasserhäuschen Bewohner des Viertels zum Feierabendbier treffen: „Vom Bauarbeiter bis zum Bankdirektor ist alles dabei. Die diskutieren dann gemeinsam über Fußball und Politik“. Körber schätzt vor allem die Ruhe am Oeder Weg. „Hier gibt’s keinen Stress.“ Tatsächlich: Die Zeit scheint hier ein bisschen weniger hektisch zu vergehen. Und das, obwohl die Hauptwache gerade mal fünf Minuten Fußweg entfernt liegt.

Gleich hinter dem Metropolis-Kino beginnt die Shoppingmeile. Ein kleiner Kiez, auf dem man fast alles kaufen kann. Alteingesessene Familienunternehmen reihen sich an Bioläden, Trend-Gastronomien und neu eröffnete Modeshops. Parkplätze sind Mangelware. Doch das ist kein Problem. Die Kunden kommen zu Fuß, sie leben hier zwischen Nord- und Westend in sanierten Altbauwohnungen zu extrem hohen Mietpreisen. „Ich sehe ständig Babybäuche, Kinderwagen – und Babybäuche mit Kinderwagen vorbeiziehen“, sagt Kerstin Antlitz, die seit ein paar Monaten in ihrem winzigen Laden am Oeder Weg selbstdesignte Kinderkleidung verkauft. Individuelle Stücke, die nach Haute-Couture aussehen, dabei aber spielplatztauglich sind. Das westliche Nordend ist ein optimaler Standort für ihr Geschäft. Das nahe gelegene Bürgerhospital hat die höchste Geburtenrate in ganz Hessen. Antlitz ist nicht die einzige, die den Standortvorteil erkannt hat: Ein paar Häuser weiter bei Mama & Co gibt es schicke Schwangerschaftskleidung und hübsche Sachen für den Nachwuchs. Daneben, bei Nordendglück, Schuhe für Babys, Kinder und Mütter. Außer jungen Familien wohnen rund um den Oeder Weg herum viele Intellektuelle,Kreative, Anwälte, Banker, Altlinke, Lehrer und Studenten. „Leute, die auf Qualität achten und bereit sind, dafür etwas mehr Geld auszugeben“, sagt Jürgen Ohrmann, der hinter der Theke seines Geschäfts in der Nummer 71 steht. Dort baumeln Fischernetze von der Decke und an der türkis getünchten Holzwand hängen Schwarz-Weiß-Fotografien von Seemännern. Ohrmann hat das Traditionsgeschäft vor 20 Jahren von seinen Eltern übernommen und bietet seitdem neben Frischfisch auch einen Mittagstisch an. „Der Trend im Nordend geht zu leichten Suppen. Früher wollten die Leute vor allem Backfisch“, erzählt er.

Wer lieber Fleisch als Fisch isst, der sollte bei Culux vorbeischauen, einem Currywurstrestaurant für den gehobenen Anspruch. Zu Biowurst oder Bratwurst in Metzgerqualität bekommt man von einem Sternekoch kreierte Soßen, handgeschnitzte Pommes, frischen Salat und Prosecco oder eine Flasche Rothaus Tannenzäpfle serviert. Etwas weiter unten in Richtung Stadtmitte trinkt Paribhasha Steiz gerade einen doppelten Espresso im Gorilla Café-Fuza Shop – einer Mischung aus hippem Café und Laden für lässige dänische Streetwear. Steiz kommt jeden Tag hierher. Schon vor der Arbeit. Und zwischendrin auch mal. Die Besitzer sind zu ihren Freunden geworden. „Es ist, als hätten wir unser Wohnzimmer zum öffentlichen Raum gemacht“, sagt Holger Feigel, einer der beiden Betreiber, „ich erlebe täglich so viele angenehme Begegnungen, dass ich mir ganz sicher bin: Es war die richtige Entscheidung den Laden genau hier am Oeder Weg zu eröffnen.“