Freitagabend, Frühlingswetter. Im „Atelierfrankfurt“ eröffnen gleich vier Ausstellungen auf einmal. Während die Dämmerung kommt, wuseln immer mehr Gäste durch die Gänge und über die mächtigen Marmortreppen. Das Programm ist vielfältig: Videokunst aus Belgien im Erdgeschoss, zarte, realistische Malerei im Stockwerk darüber, in der vierten Etage eine Installation. Und wer in den Keller hinabsteigt, stößt auf morbide Videos und einen Klumpen tiefschwarzer Farbe. Später trifft man sich im Hinterhaus zur Freitagsküche, dem Stammtisch der örtlichen Künstlerszene, von einer Handvoll Städelschüler vor Jahren ins Leben gerufen. Beinahe jeden Freitag wird hier gekocht, gegessen, getrunken und mehr oder weniger exzessiv gefeiert. Es dauert meistens nicht lange, dann sind die Töpfe leer und der Raum ist maßlos überfüllt. Die ersten ziehen dann in den Hof, nehmen mit ihren Bierflaschen auf Vintagestühlen Platz, neben denen ein „Bobby Car“ parkt.

Das „Atelierfrankfurt“ ist eine Idylle. Und es ist eine der wichtigsten Produktionsstätten für Kunst in der Stadt. Bis zu 40 Künstler können hier günstige Atelierräume mieten. Große, weiße Räume mit hohen Decken, deren Existenz auch dafür sorgt, dass Frankfurts Kunstszene vital bleibt, dass die Abwanderung nach Berlin, Amsterdam oder London gestoppt wird. In Frankfurt zu leben ist teuer, besonders für junge Künstler – darum ist ein Ort wie das „Atelierfrankfurt“ so immens wichtig. Oder das Projekt „Basis“, am anderen Ende des Bahnhofsviertels gelegen.

Auch bei „Basis“ gibt es die Mischung aus anspruchsvollem Ausstellungsprogramm und Atelierplätzen für Künstler am Anfang ihrer Karriere. Hier werden an zwei Standorten sogar 110 Studios vergeben. „Und wir könnten noch viel mehr Raum gebrauchen. Zurzeit stehen bei uns 50 Leute auf der Warteliste“, erklärt Felix Ruhöfer, einer von zwei künstlerischen Leitern bei „Basis“. Das „Basis“-Gebäude in der Gutleutstraße ist ein schöner Backsteinbau. Ein friedlicher, entspannter Ort, geschützt von einem massiven Tor – nachts versammeln sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite die besonders jungen unter den Cracksüchtigen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Catrin Altenbrandt und Adrian Niessler lieber hier statt im Westend arbeiten und warum das Bahnhofsviertel charmant genug für das kaufkräftige Galerienklientel ist.Im ersten Stock treffen wir Catrin Altenbrandt und Adrian Niessler. 2006 haben sich die beiden, damals noch Studenten an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, mit ihrem Büro „Pixelgarten“ selbstständig gemacht. Sie sind erfolgreich, produzieren Modestrecken für „Neon“ und „Intro“, illustrieren Künstlerkataloge oder Designbücher und betreuen als freie Art Direktoren das Grafikmagazin „Beef“. Nebenbei finden sie auch noch Zeit für freie Arbeiten, gerade haben sie im Karlsruher ZKM eine Installation gezeigt. „Wir sind glücklich hier. Ein schickes, totsaniertes Büro im Westend brauchen wir nicht – dafür sind wir sowieso viel zu chaotisch“, sagt Catrin. Und schwärmt vom Netzwerkgedanken, von der Kollegialität, die bei „Basis“ herrscht.

Davon ist auch Mai Braun begeistert. Neun Jahre hat die gebürtige Berlinerin in den USA gelebt, einen Großteil davon in New York, wo sie auch schon einige Ausstellungen in wichtigen Galerien hatte. Vor zweieinhalb Jahren ist sie zu ihrem Freund nach Frankfurt gezogen. „Bei „Basis“ habe ich schnell Kontakte zu anderen Künstlern geknüpft. Vor kurzem haben wir ein gemeinsames Bühnenbildprojekt für die Oper Frankfurt realisiert“, erzählt sie. Ihr Atelier ist geräumig und lichtdurchflutet, im Raum stehen Skulpturen aus Pappkartons, an der Wand hängen filigrane Origami-Siebdrucke. „Ich bin glücklich mit Frankfurt: Hier finde ich viel mehr Ruhe zum Arbeiten als in New York“, sagt Mai. Noch ein Hinterhof, noch einmal Bahnhofsviertel: Nördlich vom Hauptbahnhof, wo sich auch die Designhotels „Bristol“ und „Pure“ angesiedelt haben, hat Kai Middendorf Ende vergangenen Jahres seine Galerie eröffnet. Gerade läuft seine zweite Schau, gezeigt wird eine Installation von Städelabsolvent Hendrik Zimmer.

„Mir geht es um junge Positionen. Ich will eine junge Mannschaft aufbauen, für die ich mich engagiere, die ich unterstütze“, sagt Middendorf. Er ist ein lebendiger Gesprächspartner, springt direkt von der Quantenhypothese über Städteplanung zu Larry Clark. Middendorf betreibt seine Galerie mit Herzblut, will mitreißen – das spürt man. Hat er keine Angst, dass das kaufkräftige Galerienklientel seinen Standort zu verwegen findet? „Wieso? Die Gegend hat doch Charme und Charakter, ist international. Hier wird produziert, hier entstehen Dinge.“
Alexander Jürgs

AUSSTELLUNGSRÄUME IM REVIER
Atelierfrankfurt: Hohenstaufenstr. 13-25, Do/Fr 17-20 Uhr, Sa 15-18 Uhr, atelierfrankfurt.de

Basis: Gutleutstr. 8-12, Di-Sa 13-19 Uhr, So 12-18 Uhr, basis-frankfurt.de

Kai Middendorf: Niddastr. 84, Di-Fr 13-18, Sa 11-16 Uhr, kaimiddendorff.com
Bernhard Knaus Fine Art: Niddastr. 84, Di-Fr 13-18, Sa 11-15 Uhr, bernhardknaus-art.de