Führt man sich vor Augen, wie rasant sich die Stadt in den letzten zwei Jahrzehnten verändert hat, dann kommt man aus dem Staunen kaum raus: Wo heute der Main Plaza-Turm in die Höhe ragt und das Florentinische Viertel mit mondänen Solitären südländisches Flair ausstrahlt, befand sich vor 20 Jahren der Schlachthof. Die Skyline war um einige Hochhäuser ärmer: Messeturm, Commerzbank Tower, Main Tower, Galileo, Japan Center und Eurotheum gab es noch nicht. In der Taunusanlage setzten sich Junkies die Nadel. Heute toben am selben Ort kleine Kinder, wenn im Sommer die „Opernspiele“ vom Abenteuerspielplatz Riederwald stattfinden. Das Mainufer war wie ausgestorben – jetzt findet man bei schönem Wetter kaum noch einen freien Fleck auf der Wiese. Der Westhafen war, genau wie der Osthafen, ein vernachlässigtes Hafengebiet, das der damals sehr aktiven Subkultur Raum für Kunst und Partys geboten hat. Heute bewohnen reiche Frankfurter dort Eigentumswohnungen mit Blick auf den Main und eigener Bootsanlegestelle. Im Osten der Stadt hat sich eine bunte Szene aus Clubs, Kultur, Läden und Büros etabliert. Früher fuhr man auf die Hanauer Landstraße, um Rindswurst (Gref Völsing!) und Autos zu kaufen. Nun geht man hier tanzen, fein essen oder besucht eine Lesung in der Romanfabrik. Und dann ist da noch der Umzug der Europäischen Zentralbank aufs Gelände der Großmarkthalle, der für 2012 geplant ist.

„Frankfurt ist hochwertiger geworden“, sagt der Investor Ardi Goldman. Wie kein zweiter steht er für die Entwicklung des Frankfurter Ostens. Sein Geld und seine Ideen sorgten dafür, dass das Ostend geworden ist, was es heute ist. Vor 20 Jahren glich das Viertel einer Geisterstadt: Alte Fabriken lagen verlassen da, große Lofts standen seit Jahren leer. 1994 hat Ardi Goldman das Union-Gelände, früher Sitz einer Brauerei, übernommen, es saniert und dort einen urbanen und vorzeigbaren Ort geschaffen, an dem sich Clubs, Restaurants und Agenturen angesiedelt haben. Der King Kamehameha Club residiert hier heute, das Apartment, Restaurants wie „Die Halle der Helden“ und „Das Leben ist schön“, die Romanfabrik, der Veranstaltungsort Unionhalle und der Sansibar Roofgarden. Bevor Goldman 1996 mit der Umgestaltung begann, engagierte er die Off-Partyveranstalter „Nordisk“ (heute Inhaber der gleichnamigen Kommunikationsagentur und zwei der drei Macher des Caterings-Unternehmen Nykke & Kokki), um in den heruntergekommenen Räumen Underground-Partys zu veranstalten. Für Goldman war das damals „die Implantation der Off-Szene in die Hanauer Landstraße.“ Und ein Heidenspaß: „Wenn ich daran zurückdenke: Das war ein moderner Abenteuerspielplatz.“ Goldman schwärmt von seinen Projekten, kennt aber auch deren Schattenseiten: „Man entdeckt einen wunderbaren Ort, entwickelt ihn und gewinnt dadurch einen neuen Ort. Das ist eben immer auch ein Verlust.“

Immer wieder Neues entdecken: Das schafft auch Hans Romanov. Seit Ende der achtziger Jahre belebt er Frankfurts Party- und Kulturszene mit außergewöhnlichen Ideen und Locations. Am Anfang bestritt er einzelne Abende in Clubs, die Donnerstage im No Name (in der Steinweg-Passage), im Novelle (wo heute der Fürstenhof der Dresdner Bank steht) und im Maxim im Bahnhofsviertel. Seine Partys waren so erfolgreich, dass man ihn dazu drängte, das Maxim ganz zu übernehmen. Das tat er und initiierte einen regelrechten Party-Boom im Rotlichtviertel. Legendär: seine Veranstaltungen im Romantica, der Europa Intim Bar, dem Saint Tropez und im Riz. Zwischen Puffs und Peepshows feierte zwischen 1989 und 1995 eine ganze Party-Generation exzessive Nächte. Seit dieser Zeit hat das Bahnhofsviertel für viele seinen Schrecken verloren. Heute wollen junge Leute hier wohnen, viele Kreative haben ihre Büros im Revier angesiedelt. Die Mieten sind billiger als in anderen, angesagteren Stadtvierteln und es gibt mehr große Altbauwohnungen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie Romanov die Subkultur entdeckte und prägte und wie die Frankfurter das Flussufer eroberten.Doch Romanov war nicht nur im Bahnhofsviertel aktiv. Im Sommer 1995 entdeckte er als erster die Terrasse hinter der Katharinenkirche in der Innenstadt, das ehemalige Café Schwille. Die „Moderne Bar“ (so nannte Romanov seine Abende dort) wurde später von Thomas Klüber (Walden) renoviert und unter dem Namen Studio Bar eröffnet. Heute befindet sich hier die Mantis Lounge. Dass die ehemaligen Orte der Subkultur heute etabliert sind, stört Hans Romanov nicht: „Das ist der übliche Gang. Künstler engagieren sich in abgewrackten Gegenden, die Orte werden lebendig. Und dann stürzen sich Leute, die Geld und Immobilien haben, darauf.“ Auch bei der Belebung des Mainufers hatte Romanov seine Finger ihm Spiel – wenn auch nur sehr zufällig und am Rande. 1996 hatte die Architektin und Stadtplanerin Marie Therese Deutsch den Veranstalter für eine gemeinsame Party in der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor gewinnen können. Auf dieser Veranstaltung kam der damalige Stadtrat Udo Corts mit der Architektin ins Gespräch. Deutsch erzählte dem Politiker von ihren Ideen fürs Mainufer, der war schwer begeistert. Die Architektin schlug vor, ungenutzte Orte am Fluss und anderswo in Frankfurt durch neue Nutzung und Gestaltung zu beleben. Erfolgreich umgesetzt wurde zum Beispiel die Strandperle, die 1997 als erste Bar am Fluss eröffnete. Oder, seit 2001, das Maincafé.

Melanie Bareuther und Felix Nowak vom Architekturbüro bb 22 haben das Café am Mainufer geplant und leiten es bis heute. Zu Beginn lief es noch schleppend, im heißen Sommer 2003 aber haben die Frankfurter angefangen, ihr Flussufer zurück zu erobern. „Da gab es dann Gäste, die sich überschwänglich bedankt haben, dass es am Main endlich Getränke gibt. Plötzlich hat man viel Positives über Frankfurt gehört. Da habe ich gelernt: Stadtplanung bedeutet, Bier zu zapfen“, sagt Felix Nowak. Und Melanie Bareuther fügt hinzu: „Dass der Main als schöner Ort wahrgenommen wird, ist eine der wichtigsten Veränderungen der letzten 20 Jahre.“

Mit der Entwicklung Frankfurts und der Erschließung neuer Gegenden haben sich auch die Lebensgewohnheiten der Menschen verändert. Alex Knopp, die gemeinsam mit ihrem Mann Klaus seit fast 15 Jahren das Ginkgo auf der Berger Straße führt, freut sich, dass heute viel mehr Leute draußen sitzen. „Als wir das Ginkgo 1995 eröffnet haben, da waren wir hier noch die einzigen mit großer Terrasse.“ Wirklich vorstellen kann man sich das heute nicht mehr. Frankfurt ist eben auch südländischer geworden.
Heike Klauer