PORTUGIESENVIERTEL: DAS DORF IN BESTER CITYLAGE

Jeden Tag um 10 und um 21 Uhr bläst vom Kirchturm des Michels ein Trompeter einen Chora l über das familiäre Quartier zu seinen Füßen. Das Portugiesenviertel, in dem solch liebenswerte Traditionen und eine familiäre Atmosphäre gepflegt werden, steht bei der Szene als Wohnquartier hoch im Kurs. Anfang der sechziger Jahre zogen portugiesische Einwanderer, die im Hafen arbeiteten, hierher. Ihre Arbeitsplätze sind längst wegrationalisiert, doch die Community blieb. Inzwischen strotzt das Viertel vor Restaurants, Cafés und Pastelarias. Und in jüngerer Zeit werkeln auch immer mehr Künstler und Designer in frisch eröffneten Ladenateliers. Goldschmiede und Designer lassen sich nieder, Maler und Galeristen präsentieren ihre Exponate, und seit Neuestem gibt es auch eine gemütliche Bar. „Jutta wollte immer ein Haus in Portugal haben, jetzt ist es ein Häuschen im Portugiesenviertel geworden, gemerkt hat sie es aber noch nicht“, scherzt Fran Bürmann.

Weiter geht’s auf der nächsten Seite.

Zusammen mit seiner Partnerin Jutta von Perfall hat er vor wenigen Monaten „The Art Of Hamburg – das klitzekleine Kaufhaus der Künstler“ eröffnet. Hier gibt es kleine Kunstwerke mit Hamburg- Bezug von Frank und seinen Künstlerfreunden. Ein paar nette Leute im Viertel haben die beiden schnell gefunden. Lena Dittmer zum Beispiel, die gegenüber „Frau Hedwig und Herr Paul“ eröffnet hat. „Frank plant bei mir seinen eigenen Fischmarkt“, verrät Lena. Gemeint ist eine kleine Installation mit Stofffischen, die schon bald von der Decke der loungigen Cafébar baumeln sollen. Ins Portugiesenviertel ist Lena zufällig gekommen.“ Mein Vater hat hier als Architekt gearbeitet und mir erzählt, dass man prima eine Bar eröffnen könnte.“ Lena, die gerade an ihrer Diplomarbeit saß, hat die Ablenkung wohl gefallen, und irgendwann wurde aus der Schnapsidee ihr eigener Ausschank namens „Frau Hedwig und Herr Paul“.

Weiter geht’s auf der nächsten Seite.

Den ersten Stammgast hatten Lena und ihr Hund Paul schon vor der Eröffnung: einen rüstigen Rentner, der die ganze Bauphase des Barcafés in seiner Nachbarschaft beobachtet und mit der jungen Barbesitzerin gern einen Plausch gehalten hat. „Walter ist fast jeden Tag hier, trinkt einen Kaffee und raucht eine Zigarette, bevor er seine Runden durchs Viertel zieht.“ Alle kennen Walter, der im Viertel 35 Jahre einen Friseursalon betrieb. Bei schönem Wetter holt er seine 47 Jahre alte hellblaue NSU Quickly raus und dreht mit dem Moped – von neidischen Blicken begleitet – seine Runden. Für „Großstadtrevier“ wurde schon einige Male bei ihm gedreht, darauf ist er stolz. Er führt uns die Ditmar-Koel-Straße, die Aorta des Viertels, entlang und erzählt, was sich alles im Laufe der Jahre verändert hat. „Die Restaurants werden immer mehr und sind trotzdem alle jeden Abend voll.“

Weiter geht’s auf der nächsten Seite.

Dass hier nach und nach kleine Geschäfte eröffnen, findet er toll. „Ich mag die jungen Leute hier. Frank, Jutta und Lena sind alle sehr nett.“ Dagegen sind die schon etwas betagteren Eheleute Müller echte Originale im Hafenviertel am nördlichen Elbufer. Von 6 bis 18 Uhr stehen die Müllers in ihrem Tante-Emma-Laden in der Ditmar- Koel-Straße. Hier trifft man sich auf einen Plausch, ein belegtes Brötchen mit Ei und einen einfachen schwarzen Kaffee für 80 Cent und ohne Schnickschnack. Zwischen Backstein und Altbau findet ein reges Treiben statt: Feinkunst Krüger, Frau Hedwig und Herr Paul, The Art Of Hamburg, die Präsent Manufaktur, Kai Zielke und viele andere kleine Geschäfte mit liebevoll ausgesuchten Besonderheiten. Alles hat seinen eigenen Charme, und dennoch wird mit Leidenschaft geschimpft: Über Besucher, die die wenigen Parkplätze belegen, über Lieferanten, die Restaurants lautstark beliefern, und über noch ein portugiesisches Restaurant, das demnächst eröffnet. Ans Wegziehen denkt trotzdem keiner. Portugal vor der Tür, der Hafen nur wenige Schritte entfernt, der Kiez lediglich ein paar Straßen weit weg und die Innenstadt in bester Spaziergangnähe – das Portugiesenviertel gilt nicht umsonst als das heimliche Herz von Hamburg.
Yasmina Foudhaili