DIE BERNHARD-NOCHT-STRASSE IM WANDEL

Unendliches Hafenpanorama, in der Ferne lärmende Baukräne, Wasser, so weit das Auge reicht, eiskalter Wind in den Haaren. „Das ist Hamburg“, sagt Raja Budwig, die leicht verschnupft und mit roten Wangen auf der Terrasse ihres „Elbwerk“ steht und in die Ferne schaut. „Diese Location stand jahrelang leer. Erst unser Designer Matthias Leßmann ist darauf gekommen“, erinnert sie sich. Und man kann es ihr kaum glauben: In den Räumen des Eckhauses zwischen Bernhard-Nocht- und Davidstraße hat man rundum durch Fenster vom gerade erst getrockneten Boden bis zur hohen, frisch gestrichenen Decke einen fantastischen Ausblick über den Hamburger Hafen. Der Hauptraum ist riesig, hat genug Platz für die spätere Tanzfläche, Bars, DJ-Pult, eine Nudelkochstation und Möbel vom eigenen „Elbwerk Ambiente“. Diese Location hat förmlich darauf gewartet, entdeckt und mit stilvollem Leben gefüllt zu werden.

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Raja Budwig weiß, was sie tut, schließlich führt sie schon den Sommersalon und den Hörsaal mit Erfolg. „Beim Betreiben eines Nachtclubs kennen wir uns aus“, sagt sie. „Nur die Tagesgastronomie ist neu für uns. Deshalb werden wir ab dem Soft- Opening am 3. Dezember auch erst einmal ein wenig üben, bis Silvester und bei der großen Eröffnung im Januar alles perfekt läuft.“ Im Hintergrund hört man den Baulärm eines weiteren, noch größeren Projektes, des mächtigen „Empire Riverside Hotel“. Überall wuseln Bauarbeiter auf der Doppelbaustelle vom Hotel und dem „Copper House“, einem neuen China- Restaurant mit Plätzen für 660 Gästen. Schnell merkt man, was hier alles neu entsteht. „Das Restaurant, das Elbwerk und wir werden schon für viel Leben hier sorgen“, sagt Anja Schmidts, Sales-Mitarbeiterin des „Empire“, später.

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Natürlich werden das auch viele Touristen sein: Allein mit den Absagen vom im Schnitt mit mehr als neunzig Prozent ausgelasteten „Hotel Hafen Hamburg“ an der Seewartenstraße könne man schon fast 70 Prozent des „Empire“ belegen, hat Immobilien-Millionär und „König von St. Pauli“ Willi Bartels kurz vor seinem Tod am 5. November prophezeit. Das Hotel sollte sein Lebenswerk werden, und zur Eröffnung am 1. November wusste man, dass er auch hier einen richtigen Riecher gehabt hatte – die ganze Stadt wollte einmal über Hafen, Elbe und Innenstadt blicken. „Hamburg, das ist auch Fernweh, etwas Wehmut, eben das sprichwört liche Tor zur Welt“, sagt Schmidts und schaut dabei aus sechs Meter hohen Fenstern in der Hotelbar „20up“ im zwanzigsten Stockwerk – dem aktuell höchsten Hafenblick. Auf der anderen Seite der Bernhard-Nocht-Straße schaut man gelassen auf die Entwicklung: „Natürlich machen die Bauarbeiten das Viertel hier trubelig, aber die Touris und nächtlichen Spaziergänger werden eh nicht zu uns kommen“, sagt Riikka Beust von der Hotelbar Kogge. Die Kultkneipe hat ihre eigene eingeschworene Fangemeinde: fast ausschließlich Bands vom Golden Pudel oder Molotow steigen in den 12 Zimmern ab, sitzen mit Riikka und Gernot Krainer gern auch mal im Wohnzimmer und lassen sich mexikanisches Essen von der benachbarten „Kombüse“ bringen. Die beliefert Kogge-Gäste per Anruf aufs Zimmer oder an die Bar.

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Frank Fennel und Rosa Muminovic sind stolz auf ihren Claim „Fastfood ist woanders!“, doch wer einmal erlebt hat, wie schnell das köstlich dampfende Chili con Carne nach dem Anruf aus der Kogge auf der dunklen Holztheke steht, der bestellt sich sofort eins mit. Den Mangel an gutem Essen im Viertel hat neben Raja Budwig und der „Kombüse“ noch jemand festgestellt: Zwischen all dem Lärm der Großbaustellen streichen Jannes Frase und Claudia Rappen gerade die Wände ihrer kleinen neuen Tagesgastronomie. Im ehemaligen Kochsalon wollen die beiden Kaffee und kleine Gerichte verkaufen, der Arbeitstitel ist „Elvis Of Bombay“, aber die beiden sind sich noch nicht einig. Worin sie sich einig sind: Der Ort ist genau der richtige. „Hamburg wird in der nächsten Zeit noch viel von uns hier hören“, sagt Raja Budwig und geht wieder zurück in ihr „Elbwerk“. „Ich muss jetzt weitermachen. Es gibt hier noch so viel zu tun.“
Jannes Vahl