Winterhude im Wandel – Der Geheimtipp der Szene

Früher prägten Rentner mit Hackenporsche und Menschen, die nach Feierabend rasch nach Hause eilten, das Bild des Stadtteils. Heute sind hochgeklappte Bürgersteige Vergangenheit. Der Mühlenkamp ist die neue Szenepromenade, der Laufsteg der Eitelkeiten. Hier trifft man nachmittags Frauen, die so gestylt sind wie zum Clubbesuch. Daneben flanieren Mädels im entspannt-dosierten Ibiza-Style, andere wiederum tragen die Winterhude-Uniform: Seven-Jeans, Belstaff-Jacke, George- Gina-Lucy-Täschchen. Hübsch sind sie fast alle. Die Kerle stehen dem in nichts nach. „Es hat sich einiges getan: Vor ein paar Jahren noch fuhr man zum Ausgehen in die Schanze oder nach Eppendorf. Heute ist Winterhude angesagt, die halbe Stadt kommt zum Essen, Trinken, Tanzen“, weiß Dimitri Papatrechas, Inhaber vom „Café Hirsch“. Das Viertel boomt: neue Bars, Tapas-Läden und Shops sorgen für Lifestyle. Dass der Stadtteil einst ein Arbeiterviertel war, merkt man nur noch in Randregionen: Kurz hinter dem Winterhuder Marktplatz, die Alsterdorfer Straße hinauf, stehen sie noch, die roten Backsteinhäuser. Ebenso in der Jarrestraße. Hier scheint die Bussi-Bussi-Gesellschaft sehr fern. Sie kommt höchstens, um sich in der „Wäscherei“ ein paar neue Deko- und Möbelstücke zu gönnen. Wie eine Schneise bildet die Barmbeker Straße die Grenze, da wirkt Dieter Meiers „White Lounge“ wie der erste Meilenstein auf dem Weg ins kuschelige Café-Mekka. Es locken das TH2, Café Canale und Caffè 42 mit hausgemachtem Kuchen. Für Visagistin Ulla Musall beginnt ein perfekter Tag im Sontigo. Hier sitzt sie mit einem Latte Macchiato in der Sonne. Im Hinterzimmer feilt derweilen Nageldesignerin Danijela Hellwinkel im Akkord – sie macht den perfekten French Look und gilt als Geheimtipp. „Vieles wird nur durch Mundpropaganda weitergegeben“, sagt Musall. „Je öfter man hier ist, desto mehr wird man Teil einer Familie.“ Zur Familie gehören natürlich auch Promis. Schauspielerin Sanna Engl und stöbert bei Hogi’s nach den hipsten Klamotten. „Tagesschau“-Sprecherin Laura Dünnwald huscht fast unerkannt zu Budnikowski. Fußballtrainer Bernd Hollerbach holt sich den Coffee to go im Elbgold. Und Fernsehstar Andreas Brucker („Die Rettungsflieger“, „Ein Fall für zwei“) frühstückt gern mal im Drei Tageszeiten.

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Genuss und Konsum liegen eng beieinander. Die Gertigstraße und der Poelchaukamp bieten Boutiquen, Designer-Shops und Schuhgeschäfte, die exklusive Marken führen. Doch Winterhude ist nicht nur ein Shopping- Dorado, sondern mit seiner teils neobarocken Architektur und der luxuriösen Nähe zu Alster und Stadtpark auch einer der schönsten Stadtteile. Tipp für frisch Verliebte: ein Kanu (zum Beispiel bei „Kübis“, Poßmoorweg 46e) oder Ruderboot („Bobby Reich“, Fernsicht 2) mieten und entspannt raus aufs Wasser. Wer den Osterbekkanal entlang paddelt, entdeckt völlig unbekannte Gefilde. Und gelangt schließlich zum Stadtpark. Selbst an regnerischen Tagen lohnt sich ein Spaziergang (derzeit blühen Engelstrompete und Herbstzeitlose) oder ein Besuch des Planetariums. Küsse unterm Sternenhimmel können hungrig machen, aber vor dem Essen steht die Qual der Wahl. Ob erstklassige Cuisine in der „Küchenwerkstatt“, Szenetreffs wie das „Café Hirsch“ oder italienische Küche bei „Gallo Nero“: Winterhudes Küche ist äußerst vielseitig. „Mich erinnert das Viertel immer mehr an eine mediterrane Urlaubsstadt“, erzählt Kristina Hansen vom Dessous-Geschäft „Unschuldsengel“. Sie meint das liebevoll – schließlich sind zahlreiche Touristen ihre Kunden. Aber was ist mit dem Vorurteil, der Winterhuder sei ein überheblicher Schnösel? „Das stimmt wirklich nicht“ erklärt Tobias Drews, Chef der Eisdiele Enjoy it. „Im Gegenteil, viele sind superhöflich. Manche drehen extra an der nächsten Straßenecke um, kommen zurück, nur um zu sagen, dass sie mein Eis mögen.“ Das ist in der Tat sehr nett – und eröffnet ganz nebenbei die wunderbare Gelegenheit, den Mühlenkamp noch einmal entlang zu flanieren.