Kein Wunder, dass Ottensen besonders bei jungen Familien so beliebt ist. Immerhin ist der ökologisch unbedenkliche Kinderwagen das einzige Gefährt, mit dem man sich in dem heillosen Gewirr aus Einbahnstraßen auf Parkplatzsuche machen sollte. Und selbst damit wird es eng, wie das rege Manövrieren an Samstagnachmittagen vorm Knuth, dem König&König oder auch dem Dauerbrenner Mar Y Sol immer wieder beweist. Im trubeligen Flair des jungen Ottensen tummeln sich aber nicht nur Menschen im Erziehungsurlaub, sondern auch Künstler und innovative Geschäftsgründer. Hier treffen jugendliche Skater auf erfolgreiche Webdesigner, lässige Szenegirls trinken ihren Latte macchiato neben in Ehren ergrauten Althippies. Altonas In-Stadtteil vollbringt das Kunststück, Weltstadt und Dorf zu vereinen. Der noble Fashion-Store findet sich Tür an Tür mit dem schrammeligen Secondhand-Laden, der kleine Laden mit direkt importiertem, ökologischem Kaffee neben dem edlen Küchenausstatter: eine bunte Mischung an Läden von alternativ bis gediegen. Dazu lockt eine außergewöhnliche Vielfalt an Cafés.

Überhaupt hat sich eine bemerkenswert facettenreiche Ausgehkultur entwickelt, wie die erstaunliche Dichte an kreativen Restaurants und unterschiedlichen Barkonzepten zeigt. Genießer kommen an der Gastroadresse „Kleine Brunnenstraße 1“ nicht vorbei. Allerdings nur, wenn sie reserviert haben, denn die regionalen Gerichte mit mediterranen Akzenten sind weit über die Grenzen des Stadtteils hinaus beliebt. Gleiches gilt für die frankophile Kreativküche in der „Brasserie La Provence“, die unprätentiöse Kochkunst im „FUH“ und günstige Abendkarte im „Leuchtturm“. Das unkomplizierte Miteinander an Kulturen, der Mix an Lebensstilen und die vielfältigen Ausgehmöglichkeiten kommen besonders gut bei jungen Kreativen an.

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Fatih Akin dreht gern in Ottensen und trinkt in der „Taverna Sotiris“. Moritz Bleibtreu relaxt hier nach der anstrengenden Berlinale, Peter Lohmeyer sah man schon zum Fußball das denkmalgeschützte Portal der Adolf-Jäger-Kampfbahn durchschreiten. Auch die gebürtige Berlinerin Olivia Gräser, die seit Sommer 2007 zum Ensemble des Thalia in der Gaußstraße gehört, ist dem Charme des elbnahen Stadtteils verfallen, liebt die pulsierende Lebendigkeit auf den Straßen. „Morgens mag ich das portugiesische Café Vero total gern. Die nette Stimmung, der starke Galão und das süße Pastel de Nata sind die richtige Kombination, um positiv und voller Energie in den Probentag zu starten.“ Und wo klingt der aus? „Gern bei hervorragendem Essen in ,Teufels Küche‘. Allerdings ist es hier so nett, dass man sich schnell verquatscht – dann brauche ich am nächsten Tag wieder dringend den Galão aus dem Vero – ein Teufelskreis.“

In dem Loblied auf Ottensen singt Christian Wiebe, Pressesprecher der Trinkwasserinitiative Viva Con Agua (siehe Seite 30), gern eine Strophe mit. „Das Viertel lebt von der entspannten Art der Menschen, die in diesem schmucken Stadtteil wohnen. Vor allem im Sommer herrscht hier schon fast italienische Kleinstadt- Atmosphäre, wenn ich abends mit Freunden auf dem Alma-Wartenberg-Platz sitze, Cuba Libre aus dem Aurel trinke und das Licht der untergehenden Sonne genieße.“ Das Aurel ist nur eine Farbe im Ottenser Nachtleben-Kaleidoskop. Darin schimmert auch der Raum 43 mit Retrochic, das Blaue Barhaus und die Rehbar mit lässigem Szeneambiente, die Rockbastionen Kir und Fabrik und nicht zu vergessen die legendäre Schrabbelatmosphäre des viel geliebten Familienecks. Politisch und ökologisch korrekt, nachhaltig sozial, kulturell wertvoll, unangestrengt familiär, szenig und weltoffen: Den elbnahen Stadtteil, der das lebendige Gegenbild zum alten Klischee vom steifen und kühlen Hamburg ist, muss man einfach lieben.