Es ist kein Wunder, dass sich immer mehr Kreative in St. Georg niederlassen. Monica Bleibtreu wohnt seit Jahrzehnten in der Langen Reihe, ihr Sohn Moritz ist hier aufgewachsen, und dass Udo Lindenberg einen Steinwurf entfernt lebt, ist längst kein Geheimnis mehr.Wer heute durch das Quartier flaniert, sieht Götz George im Café Gnosa sitzen, obwohl der Schauspieler ungern sein Penthouse in der Nachbarschaft verlässt. Er trifft DJ Koze beim Gemüsekaufen, trifft Princ Alec beim Galão im Caffé Due, läuft Alexandra Kamp über den Weg oder Erobique. Und warum wohnen alle zwischen Alster und Steindamm? Weil das Leben hier inspirierend ist. Weil es brodelt. Weil sich St. Georg stetig wandelt, ohne sein Gesicht zu verlieren. Es ist ein Einkaufsparadies für Menschen, die gern essen: liebevoll in Pergamentpapier gewickelte Pausenbrote (Mutterland), Wurst vom Balkan (Branko Vnuk), getrockneten Stockfisch (Mercado Iberico). Dazu Gewürze aus dem Kräuterhaus. Zu dessen Kunden gehören Hamburgs beste Köche. Tim Matthiesen vom „Laurent“ kauft hier gern ein, denn bei Anke Maack gibt es alles, von Agar-Agar bis Ysop, von Attichwurzel bis Ulmenrinde. Indische, asiatische, türkische Supermärkte wechseln sich ab mit deutschen, spanischen und italienischen Restaurants, die so authentisch sind, dass schon mal ein Camorra-Mitglied dort festgenommen wird. Wer nicht nur euroasiatisches Essen, sondern auch gutes Design liebt, ist im stylischen „Golden Cut“ richtig. Feines aus Italien gibt’s bei Anna Sgroi. Und die Kuchen in der „Turnhalle“ müssen den Vergleich mit den legendären Cafés auf der Langen Reihe nicht scheuen. Daneben liegen edle Boutiquen, kleine Werkstätten, Schmuckläden, Buchgeschäfte für den schwulen Mann. Wenn exaltierte Männer oder Stars wie Norah Jones und Adam Green vorbeispazieren, fallen sie nicht auf. Klingt nach Klischee, aber in St. Georg ist das eben so.

Und das Viertel wird immer attraktiver. Die schäbigen Ecken verschwinden, seitdem der ZOB umgebaut wurde, warten die Reisenden gern hier. Selbst Architekturliebhaber pilgern zum großen Glasdach in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die haben hier viel Neues und Innovatives zu bestaunen. Denn St. Georg befindet sich mitten in einer Schönheitsoperation. Es gibt also keinen besseren Platz für Kai Hollmann, seine neueste Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Der Erfinder von „Gastwerk“ und „25hours“ hat einen Plan: Das Hotel „The George“ soll ab August Kurzzeitheimat für Stars und Designliebhaber werden. Die können im Whirlpool auf dem Dach baden oder eben eintauchen in das Leben rundherum. Das liebt auch Kai Lehmann, und ist deswegen zurück in seiner Stadt, in seinem Viertel und hat dort „Suit e“ eröffnet. Bis 2002 lebte der Modedesigner, der lange für Vivienne Westwood entworfen hat, in London.

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Neben der Arbeit an seinen Herrenkollektionen lehrte er am Royal College of Art und entwarf Kostüme für die Pariser Nationaloper. „Ein bisschen ist es wie im Soho Anfang der Neunziger: Wohnen, Arbeiten, Eros, Cafés und Clubs treffen hier aufeinander – das ideale Umfeld für Kreativität, Kunst und Handwerk abseits des Mainstreams.“ Und er gerät ins Schwärmen,wenn er vom Leben hier spricht: „Von meinem Bett aus sehe ich auf die Türme der Moschee, in meinem Raucherzimmer die evangelische Kirche und den katholischen Dom. Aus dem Wohnzimmerfenster sehe ich schwule Bars, einen Fußballplatz und das Haus der Jugend.
Hier ist Platz für jede erdenkliche Lebensform. In Deutschland machen sich die Menschen viele unnötige Gedanken über den Lebensstil der anderen, statt ihn einfach zu respektieren. In St. Georg werden Vielfalt und Individualität gelebt oder nebeneinander toleriert.“ Nein, St. Georg ist kein Paradies, die Kriminalitätsrate ist noch immer höher als in den meisten anderen Vierteln, und das Multikultihomo- Leben funktioniert auch nicht ohne Spannungen. Aber es ist der einzige Fleck der Stadt, an dem Hamburg wirklich Weltstadt ist, an dem sich alles mischt und immer Neues entsteht. St. Georg ist Hamburgs Tor zur Welt. Das wird immer offensichtlicher.
Manuela Schmickler