Eins ist klar – die Elbinsel ist irgendwie anders. Aber wie ist „die Elbinsel“? Wie die von Autobahn und Freihafen abgegrenzte Veddel mit ihren Klinkerbauten oder wie das idyllische Reiherstiegviertel in Wilhelmsburg mit seinen Gründerzeithäusern und den zahlreichen Freiflächen und Parks? Hamburgs No-go-Area oder das Stadtviertel der Zukunft? Man hat seit ein paar Jahren das Gefühl, das ungeliebte Schmuddelkind soll mit Förderprogrammen, IBA-Aktionen und reichlich PR so schnell wie möglich auf Hamburgs Liebling getrimmt werden. Dabei wollen weder Alteingesessene noch die zugezogenen Studenten und Künstler, dass die Elbinsel künstlich zum neuen Szeneviertel gehypt wird. Denn bei aller Verschiedenheit kann man eins über die Elbinsel sagen: Sie ist ein Dorf. Jeder kennt jeden, und so soll es auch bleiben. Nach sechs Minuten Fahrzeit vom Hauptbahnhof geht es von der S-Bahn-Haltestelle Veddel direkt auf die Veddeler Hauptstraße.

Im Café Unmut steht Martin Drechsler hinter der Theke. Der 27-jährige ist einer der „Pioniere“, die mit dem Förderungsprogramm der Stadt Hamburg und der Saga GWG 2005 zu den ersten Studenten gehörten, die mit sensationellen 178 Euro Warmmiete südlich der Elbe gelockt wurden. Bereut hat er es nie: „Ich mag das Persönliche hier. Auf der Veddel wohnen 4500 Leute, vom Sehen her kennt man da jeden.“ Zusammen mit fünf Freunden eröffnete er vor drei Jahren das Café Unmut, das sich mittlerweile nicht nur als Café mit kulturellen Veranstaltungen, sondern auch als Integrationsstätte etabliert hat. „Die Leute kommen öfter hier rein und fragen nach Studenten, die ihren Kindern Nachhilfe geben können.“ Die Prophezeihungen vom Szeneviertel interessieren ihn nicht. „Der Sprung über die Elbe geht von St. Pauli direkt nach Wilhelmsburg.Wir auf der Veddel kriegen davon gar nicht so viel ab.“

Nicht nur Studenten, sondern auch Künstler werden auf die südliche Seite der Elbe gelockt. So landete auch Nana Petzet mit ihrem Mann Olafur Gislason, der sich in einer Ausschreibung als Quartierskünstler beworben hatte, auf der Veddel. Die Künstlerin, geboren in München, hatte in den achtziger Jahren schon einmal in Wilhelmsburg gewohnt. „Mich hat damals gereizt, dass Wilhelmsburg direkt am Hafen lag. Dieses Raue,Unverschönerte, Einsame und Gewaltige hat mich fasziniert.“ In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich viel verändert. „Früher war ich die einzige Fahrradfahrerin hier, jetzt radeln viel mehr junge Leute hier umher.“ Auf dem diesjährigen Elbinsel Kultursommer wird sie als eine von sechs Künstlerinnen in Wilhelmsburg künstlerische Projekte initiieren. Um von der Veddel nach Wilhelmsburg zu kommen, braucht es ein wenig Mut: Schon die rasante Fahrt mit der Buslinie 13, im Elbinsel- Jargon auch „Die wilde 13“ genannt, lohnt einen Besuch südlich der Elbe.

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Das Wilhelmsburg, von dem im Zusammenhang mit Umstrukturierungsmaßnahmen und Aufwertung immer die Rede ist, meint eigentlich nur das Reiherstiegviertel, sieben Minuten Busfahrt von der Veddel entfernt – in die tristen Plattenbauten an der S Wilhelmsburg könnte man auch mit 178 Euro niemanden freiwillig locken. Das Reiherstiegviertel hingegen überrascht fast mit Ottensen-Charme: An baumgesäumten Straßen reihen sich frisch gestrichene Altbauten aneinander, vor den portugiesischen Cafés trinken die Wilhelmsburger ihren Galão. Bei aller beschworenen Multikulti-Idylle ist dabei immer präsent, dass Wilhelmsburg – wie auch die Veddel – ein extrem gemischtes Wohnviertel ist. Die Pädagogikstudentin Anh Ngo, die subventioniert in Wilhelmsburg wohnt, sieht das Förderprogramm der Saga durchaus ambivalent: „Manchmal denke ich, man wohnt günstiger als die Leute, die es nötig haben“, sagt die 29-Jährige. An Wilhelmsburg mag sie das belebte Straßenbild und die vielen kleinen Parks. „Mittlerweile wohnen auch viele Kommilitonen hier“, erzählt sie. „Das, was an Clubszene fehlt, wird einfach durch Wohnzimmerpartys ersetzt.“

Trotzdem: Ein paar mehr Bars und Restaurants würde sie sich auf der Elbinsel wünschen, wie auch die anderen Veddel-Bewohner.Mitte Juni dieses Jahres trafen sich die Wilhelmsburger Gastronomen und die ansässigen Studenten auf Initiative der Saga-Tochtergesellschaft Pro- Quartier, um über eine Verbesserung der hiesigen Gastroszene zu diskutieren. Bis es so weit ist, genießt Anh die Festivals und Kulturangebote des Sommers.Aber danach freuen sich die Inselbewohner auch wieder, wenn Ruhe einkehrt auf der Veddel und in Wilhelmsburg. Von Hype will hier keiner was hören. „Unser Wilhelmsburg als neues Schanzenviertel? Nein, danke!“, kommentiert Anh.

Hanna Klimpe