Blankenese – das war immer ein Klischee, das hübsche Gegenteil von St. Pauli, das man seinen Gästen zeigte. Mit denen lief man dann durchs Treppenviertel, wohl wissend, hier nie leben zu können, weil der Wohnraum nicht einfach vermietet, sondern vererbt wird. Einmal Blankenese, immer Blankenese. Die anderen kamen nur zu Besuch, schlenderten durch den Hirschpark, tranken Tee im Witthüs, drängelten sich am Elbstrand und stiegen dann wieder in die S-Bahn. Langsam aber wandelt sich Hamburgs Vorzeigeidylle. Mehr und mehr junge Familien zieht es hierher. Natürlich nicht ins Treppenviertel oder an die Elbhänge und Uferstraßen. Da bleibt alles beim Alten.

Rund um den Bahnhof aber ist alles neu, eine riesige Baustelle, die eigentlich zum Ende des Jahres fertig gestellt sein sollte, zeugt von Blankeneses Wandel. Etliche Wohnungen und ein paar Geschäfte sind schon bezogen, zig Büroräume warten noch auf Mieter, Starbucks hat sich schon angekündigt, das ist nicht sonderlich exquisit, aber folgerichtig. Denn die Generation 30plus, die bis vor Kurzem noch nichts schöner fand als Ottensen oder das Schanzenviertel, zieht gerade um, dorthin, wo es ruhiger ist, grüner, die Kindertagesstätten angenehmer und die Schulen behüteter.
Alles wirkt gemütlich, trotz des immer noch offensichtlichen Chics, den der Hamburger Westen gern und gekonnt zur Schau stellt. Die Gäste im Riva sehen ein bisschen aus wie die der Sansibar auf Sylt. Es ist ein feiner Platz, um an einem traurigen Vormittag einen guten Prosecco zu trinken und sich wie im Urlaub zu fühlen.

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Ein paar Schritte weiter in der Tagesbar lesen alte Menschen Zeitung und junge „Geolino“, schräg gegenüber schieben Mütter ihre Kinderwagen über den Wochenmarkt. Mitten durch Blankenese zieht sich die Bahnhofsstraße, und die erinnert an manchen Stellen an Notting Hill: Kleine Geschäfte reihen sich aneinander, edle Wohnaccessoires, weltweit agierende Immobilienmakler, Moschino-Täschchen, Kindermoden-Secondhand, Tierpsychologen – alles hat seinen Platz. Selbst eine Hunde-Kita gibt’s und gleich nebenan ein Geschäft, in dem exaltierte Hundebesitzer Sofas, Sonnenbrillen, Kapuzensweater und Intelligenzspielzeug für ihre Lieblinge kaufen können.

Um die Ecke ist eines der schönsten Kinos Hamburgs. Ein halbes Jahrhundert ist die Bestuhlung alt, das hat Charme.Wie die Tapas- bar im windschiefen Häuschen direkt gegenüber. Dort ist vor einem Jahr Fabiano Da Cunha Miguel eingezogen und hat mit Geschmack und Geschick sein Filón eingerichtet. Mittlerweile ist der Brasilianer, der der Liebe wegen nach Hamburg gezogen ist, zum Treffpunkt geworden. Und Fabiano genießt das. „Blankenese ist so ein schöner Ort“, sagt er, „es ist fast ein bisschen wie in meiner Heimat, so grüne Berge und Bäume, und die Menschen sind sehr entspannt und freundlich.“ Eigentlich ist der 32-Jährige studierter Journalist, doch als er nach Deutschland kam, musste er sich eine Alternative überlegen. Auf jeden Fall aber wollte Fabiano Da Cunha Miguel den Kontakt zu Menschen behalten, denn das ist es, was er am Leben schätzt. Und seine Gäste in Blankenese schätzen ihn.

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So sitzen sie dann bei ihm, trinken guten Rotwein, essen dazu Datteln im Speckmantel oder geröstetes Weißbrot mit Ziegenkäse und Rosmarinhonig und freuen sich, in dem Stadtteil zu wohnen, der noch immer wirkt wie ein Dorf. An kühlen Tagen kuscheln sie sich in Decken, erzählen sich den neuesten Klatsch, denn auch der gehört dahin, wo sich noch viele kennen. Ein bisschen weiter Richtung Elbchaussee riecht es zwei Mal pro Woche so gut nach Kaffee, dass einen die Füße fast automatisch zu Carroux tragen. Drei Espress ound drei Kaffeesorten werden hier geröstet, frisch verpackt oder gleich serviert. Nachts trifft man die Blankeneser in der „Linde“. Ursprünglich war es ein bodenständiges Wirtshaus für die Fischergemeinde, heute ist es ein Szene-Restaurant mit mediterraner Küche, das auch weit nach Mitternacht noch geöffnet hat, für die Müßiggänger, Snobs, Bohemiens, Alteingesessenen, jungen Mütter und Väter – eben für die Blankeneser.

Manuela Schmickler