Egal wann man das neue Clubheim des FC St. Pauli in der Südtribüne des Stadions betritt: Fabio Morena ist bereits da. Vom Tresen blickt sein Konterfei ernst, das Kinn gereckt, entschlossen in den Gastraum und weiter durch die großen Fenster auf den Vorplatz des Stadions ins Grau. Hamburger Wetter. Nieselregen.

Der echte Fabio Morena wird später trotz leichter Erkältung zum Training fahren. Es gibt viel zu tun, Rückstände in Fitness und Kondition sind aufzuholen – der Kapitän will im Januar wieder auf seinem Posten sein. Zu „Hell’s Bells“ auflaufen, nicht mehr an den Tag denken, an dem er glaubte, wirkliche Höllenglocken zu hören: Am 28. September 2008 bringt ihn seine Frau wegen starker Kopfschmerzen und Übelkeit ins UKE. Kurz darauf die Diagnose: Meningitis – Hirnhautentzündung. „Ich hatte Angst, was mit mir ist. Fußball, was mit der Mannschaft passiert, dass ich lange nicht spielen werde, hat mich überhaupt nicht interessiert. Ich dachte nur daran, wie es mit meiner Familie weitergeht.“ Doch glücklicherweise wendet sich alles zum Guten. Die Meningitis ist viral statt bakteriell, nach zwei Wochen im Krankenhaus wird er entlassen, beginnt langsam wieder zu trainieren.

Nach der Winterpause wird der Kapitän zu seiner Mannschaft zurückkehren. Und ein anderer sein: „Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Nach so einer extremen Erfahrung werde ich natürlich auch so manche Situation auf dem Platz anders einordnen.“ Ehrgeiz, Fleiß und Zielstrebigkeit zählt er aber immer noch zu den wichtigsten Tugenden eines Fußballers. Reichen die für den Aufstieg? „Na ja, St. Pauli ist zumindest auf einem guten Weg. In den nächsten zwei, drei Jahren können wir ganz oben mit dabei sein.“ Auch dank Trainer Holger Stanislawski, der seinen Vertrag bis 2012 verlängert hat? Ja, denn der ist ein Motivator, der dem Verein einfach gut tut, so der Kapitän.

„Wir wollen auf jeden Fall nachlegen“, betont Fabio Morena, und es geht dabei nicht um den Aufstieg in die erste Bundesliga, eine Leistungssteigerung seiner Teamkollegen, um Tabellenplätze oder Auswärtsbilanzen, sondern um den Wunsch nach einem zweiten Kind.

Die Familie. Schon wieder. Sie spielt in seinem Leben die zentrale Rolle. Als Fußballprofi fühlt er sich privilegiert. Nicht wegen der Titel oder weil er sich in einer Clubchronik verewigen kann, sondern weil er dadurch so viel Zeit mit seinem Sohn verbringen kann. Das ist für ihn Luxus. Das nennt er „das wahre Leben“. Der Fußball als Beruf, die Familie als Berufung. Wenn Fabio Morena bei seinem Comeback am Millerntor wieder „Hell’s Bells“ hört und die Fans von den Rängen seinen Namen skandieren, ist Fußball für ihn vielleicht nur eine Nebensache, aber eben doch die schönste der Welt.

Irina Maria Chassein ist Leiterin der PRINZ-Redaktion Hamburg und mag tragische Helden auf der Bühne wie auf dem Rasen. Mit Fabio Morena war sie Mittagessen im: St. Pauli Clubheim, Südtribüne Millerntorstadion, Budapester Str., tgl. ab 12 Uhr, fcstpauli.com