Vom Heimweh zum Heiratsantrag

Ki Yoon Ko, Maler: Vor sechs Jahren zog ich der Liebe wegen von San Francisco nach Hamburg. In der ersten Zeit verglich ich andauernd meine alte Heimat mit meiner neuen – und die schnitt dabei nicht gut ab. In Kalifornien war das Wetter besser, das Klima milder, die Menschen begegneten sich viel aufgeschlossener. Aber ich sah an meinen Kindern, was für ein großartiger Stadtteil Ottensen ist, um seinen Nachwuchs großzuziehen, und lernte Hamburg immer mehr zu schätzen.

Fischers Park hat in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung für mich. Als ich eines Tages mit meinen Kindern dort war und ihnen beim Spielen zusah, hatte ich plötzlich das Gefühl: Hier gehörst du hin. Weil das so ist, machte ich meiner Freundin auch in Ottensen einen Heiratsantrag. Und zwar in der Galerie Chaco. Ich hatte eine kleine Skulptur mit dem Ring angefertigt, die ich zwischen die anderen Objekte der Ausstellung stellte, an die Wand hängte ich eine kleine Infotafel mit ihrem Namen und der Frage „Willst du mich heiraten?“. Einen Tag später besuchten wir die Ausstellung. Meine Freundin entdeckte die Skulptur, las die Tafel und bevor sie richtig begriff, was da stand, ging ich auf die Knie und machte ihr den Antrag. Sie war total überrascht, hat aber Ja gesagt. Das war das romantischste Erlebnis meines Lebens.

Das Verrückteste war, wie ich meine Muse kennen lernte. Ich war mit einem Freund auf der Reeperbahn unterwegs, als sie an uns vorbeiradelte und „Mögt ihr gute Reggaemusik? Dann folgt mir“ rief. Das war so absurd, dass wir mitkamen. In Lottas Bar am Fischmarkt haben wir uns lange unterhalten, sie wurde meine Muse. Ihr habe ich zu verdanken, wo ich heute als Künstler stehe. Cha

Der Künstler Ki Yoon Ko lebt und arbeitet seit sechs Jahren in Hamburg. Die Welt ist seine Heimat, Ottensen sein Zuhause. Mehr zu seiner Kunst unter kiyoonko.com.

Erfahren Sie auf der nächsten Seite, wo sich Aileen Tiedemann wöchentlich Nackenschmerzen holte.




Vollrausch und „Kalter Klöben“

Aileen Tiedemann, 32, Redakteurin: Meine frühe Jugend spielte sich rund um das Einkaufszentrum Farmsen ab. Hier kaufte ich meine erste Schallplatte von Michael Jackson und erlebte, wie bei einer Party in der dortigen Tiefgarage das Bier von der Decke tropfte.
In der entscheidenden Phase meiner Pubertät ging ich auf Konzerte von befreundeten Bands, weshalb meine magischen Momente in Hamburg viel mit Rock’n’Roll zu tun haben. Nie werde ich vergessen, wie mein Ex-Freund mir bei einem Auftritt im Bramfelder Kulturladen Brakula den Song „I’m so fucking sorry“ widmete, nachdem er mich verlassen hatte. Auch nicht, wie Evan Dando von den Lemonheads 1993 im Vollrausch im Docks von der Bühne fiel. Momente, die mich aus der Beschaulichkeit meines vorherigen Lebens rissen.

Von nun an holte ich mir jeden Samstag im Molotow Nackenschmerzen. Dort rempelte ich einen jungen Hessen an, der seinen Zivildienst in der Jugendherberge am Stintfang absolvierte. Der Blick aus seiner Zivi-WG auf die Landungsbrücken gehört zu den romantisch verklärtesten, die ich je auf den Hamburger Hafen geworfen habe.
Gedanken über meine Zukunft machte ich mir erstmals, als ich nach meiner Abi-Party betrunken auf einer Verkehrsinsel am Berliner Tor lag. Mir fiel wieder ein, dass ich Mitte der Achtziger mit meiner Freundin Ewa „Die Tegelweger Allgemeine“ für unsere Nachbarn herausgebracht hatte und wusste plötzlich, was ich werden wollte. Dass man das Leben am besten mit Humor nimmt, wurde mir bei der Enteimerung von Studio Braun 2000 im Schlachthof klar. Darauf trank ich ein Glas „Kalter Klöben“ und prostete meiner Stadt im Stillen zu. At

Aileen Tiedemann mag ihre Heimat grundsätzlich gern. Nur dann nicht,wenn sie nach dem Urlaub mit dem Flugzeug die graue Wolkendecke über Hamburg durchbricht.

Auf der nächsten Seite erzählt Katrin Wichmann, warum es ihr schwer fällt, Hamburg nun zu verlassen.




Möbelnothilfe und „Psycho“-Haus

Katrin Wichmann, 30, Schauspielerin: Seit ich weiß, dass ich im Sommer nach Berlin ziehen werde, denke ich über die Zeit nach, die ich in Hamburg verbracht habe. Zum Beispiel daran, wie ich vor fünf Jahren aus Basel hier ankam, ohne Geld, ohne Job und ohne Möbel. Als erstes sind meine Freundin und ich damals nach Harburg gefahren, um bei der Möbelnothilfe eine dürftige Ausstattung für mich zu besorgen. Wie schlecht es mir damals ging, ist fest mit dem Gedanken an Harburg verbunden.

Heute wohne ich mit meinem siebenjährigen Sohn Lasse auf St. Pauli. Lasse liebt es, auf den Dom zu gehen, aber ich finde es anstrengend, und mir wird sowieso immer nur schlecht. Nur das „Psycho“-Haus finde ich spannend, traue mich bloß leider nicht rein. Aber ich habe mir selbst versprochen, mich noch zu überwinden und reinzugehen, bevor wir umziehen. Psycho war auch der Streit am Isebekkanal. Mein Sohn war einer älteren Frau mit dem Rad in den Weg gefahren, ich hab mich entschuldigt, aber sie drehte total durch. Sie sah zwar seriös aus, beschimpfte aber meinen Sohn und mich aufs Übelste. Ich fing an zu weinen. Lasse nahm mich in den Arm und sagte: „Es gibt halt dumme Leute.“ Da musste ich schon wieder lachen.
Eines meiner schönsten Erlebnisse war die Premiere der „Buddenbrooks“ 2005. Die Tony Buddenbrook war meine erste große Rolle am Thalia Theater, und auf der anschließenden Premierenfeier im Nachtasyl habe ich zum ersten Mal meinen jetzigen Freund geküsst. Dieser Abend hat sowohl beruflich als auch privat einen besonderen Stellenwert für mich. Aber nicht nur an diesen Abend, sondern generell an die Zeit am Thalia Theater werde ich mich immer gerne erinnern. Cha

Schauspielerin Katrin Wichmann wechselt im Sommer ans Deutsche Theater in Berlin, hat aber fünf Jahre richtig gerne in Hamburg gelebt.

Weiter gehts mit Benjamin Maack und wie man beim Karaoke rausgeworfen werden kann



Gekotzt, gefeiert, geküsst

Benjamin Maack, 30, Autor: Einige meiner unbeschwertesten Tage habe ich im Hinterhof des Mojo-Clubs verbracht. Dort hat ein Freund vor einigen Jahren ein Holzhaus gebaut. Ein verschrobenes, begehbares Kunstwerk. Ein paar Sommertage lang half ich ihm dabei. Nach zwei Monaten wurde das Haus wieder abgerissen. Aber wenn ich an dem Hof vorbeigehe, habe ich noch immer den Duft von Sommer und frisch gesägtem Kiefernholz in der Nase.
Einige meiner intensivsten Erinnerungen hängen an Orten, die es heute so nicht mehr gibt. Zum Beispiel die Weltbühne. Dort hat der Sänger von Okkervil River mal gedroht, mir mit einem Flaschenöffner den kleinen Finger zu brechen. Oder der Abend in der Schilleroper, als ich mit meinem Mitbewohner eine Show veranstaltete, die im Wesentlichen darin bestand, dass wir einander auf der Bühne ins Gesicht schlugen. Am Ende musste ich zehn Wochen zur Krankengymnastik, weil Martin mich ich die Menge geworfen hatte. Dafür musste er noch in derselben Nacht ins Krankenhaus. Er war in zerbrochene Bierflaschen gestürzt. Ich habe nie wieder einen Abend erlebt, der so angenehm außer Kontrolle geraten ist. Obwohl, es gab noch diese Nacht, in der ich mich mit meinem liebsten Schüttelreimdichter im Dschungel in Rekordzeit mit Tequila abgedichtet habe. Leider weiß ich beim besten Willen nicht mehr, ob der Abend wirklich gut war. Denn das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich im Dschungel-Klo ins Waschbecken gekotzt habe – und da war es noch recht früh. Noch heute habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich an der Bar vorbeigehe.

Eine Kneipe, an die ich nur gute Erinnerungen habe, ist die Karaoke- Bar Thai Oase. Im November 1999 haben ein Mädchen und ich uns angetrunken in eine der Sitznischen gequetscht. Und ich habe mich getraut, sie zum ersten Mal zu küssen. Möglicherweise sind wir auch übereinander hergefallen. Jedenfalls kam der Barmann mit strenger Miene hinter seinem Tresen hervor und sagte: „Bitte gehen Sie, hier ist Karaoke.“ Wäre das nicht so absurd gewesen, würde ich mich an unseren ersten Kuss vielleicht nicht mehr erinnern. Das wäre schade – denn das Mädchen und ich sind seit neun Jahren zusammen und seit Kurzem verheiratet. Gut zu wissen, dass es Dinge gibt, die bleiben. Maa

Benjamin Maack ist Autor („Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland“) und Mitglied im Macht-Club. Am 25.2.startet die neue Reihe „Macht liest“ im Pudel Salon.

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Peinlichkeit und Liebesleid

Petra Thormann, 42, Grafikerin: Ich bin in Hamburg-Bergstedt aufgewachsen, mein ganzes Leben ist mit Orten in der Stadt emotional verknüpft. Am Großneumarkt denke ich zum Beispiel immer daran, wie furchtbar ich mich als Jugendliche geschämt habe, als mich Freunde meiner Eltern dabei erwischt haben, wie ich mich als meine ältere Schwester ausgab, um in einen Club zu kommen.

Es gibt aber auch Erlebnisse, die einem damals fuchtbar peinlich waren, heute aber einfach nur lustig sind. Bei einer Kanutour mit einem Freund hatten wir auf jeden Fall einige Prosecco zu viel getrunken. Er bekam einen Ast ins Auge, ich wollte ihm zu Hilfe eilen, verlor das Gleichgewicht und ging über Bord. Direkt vor der Terrasse des Café Fiedler. Wenigstens bekam ich reichlich Szenenapplaus für diese ungewollte Showeinlage.
Aber nicht alles wird mit der Zeit lustig. Für mich ist das Café „Schöne Aussichten“ verbrannte Erde. Dort sagte ich meinem damaligen Freund, als ich nach ewigen Hin und Her gemerkt hatte, was er mir wirklich bedeutete, wie sehr ich ihn liebte. Es war ein wunderschöner Sommerabend mit tollem Sonnenuntergang, romantischer Stimmung – und einem Typen, der nach meiner Offenbarung mit mir Schluss machte.
Die stärkste emotionale Verbindung habe ich allerdings zum Hauptbahnhof, dort bin ich immer noch ungern nachts. Als ich zum Au-pair-Jahr nach Lyon aufbrach, kamen meine Freunde mit zum Zug, zur Verabschiedung gab es Sekt. Eigentlich schön, aber für mich war es der Horror. Denn mit dem Abschied wurde klar, was mir ein Jahr lang fehlen würde. Dieses Gefühl der Verzweiflung ist fest mit dem nächtlichen Bahnhof verknüpft. Cha

Petra Thormann ist in Bergstedt geboren. Die waschechte Hanseatin war schon überall auf der Welt, freut sich aber immer,wenn sie zurück in Hamburg ist.