Anna Fuchs, 33, schätzte schon als Schülerin das Karoviertel, wegen seiner Modegeschäfte, Plattenläden und Cafés. In einem davon, dem „Klatsch“ hat sie zwei Jahre gekellnert. Mittlerweile betreibt sie seit acht Jahren ihr eigenes Modelabel, wurde schon zwei Mal für den New Yorker Mode-Oscar nominiert, und auch Prominente wie Heike Makatsch, Nina Hoss und Marie Bäumer lieben ihre souverän-eleganten Kleider.

Als Sie Ihren Laden eröffneten, war das Viertel gerade dabei, sich von einem Carnaby-Street-Abklatsch wieder zu etwas Interessantem zu verwandeln. Als sich die Werbeagentur Jung von Matt hier niederließ, hat sich sicher einiges verändert. Da kamen wieder frische, junge, design-affine Leute ins Viertel, das zu dem Zeitpunkt, Ende der Neunziger, ziemlich gealtert war. Das zog wiederum Leute wie mich an, die etwas absolut Eigenes und vom Niveau und der Message auch Neues machten – und löste eine Kettenreaktion aus.

Sie machen High Fashion. Wie schaffen Sie es, die Preise moderat zu halten? Ich mache noch sehr viel selbst und beschäftige kein Heer von Angestellten. Außerdem will ich nicht nur für die Geldelite Mode entwerfen, sondern auch für die modische Elite.

Die Karolinenstraße, in die Sie vor zwei Jahren umgezogen sind, war lange eine Riesenbaustelle. Wie finden Sie das Ergebnis? Hässlich, kalt und ungastlich. Der Platz, zu dem ein Teil der Straße umgebaut wurde, ist meist leer gefegt, weil wir ja kein südamerikanisches Wetter haben. Selbst Kinder besitzen nicht so viel Fantasie, sich dort ein Spiel auszudenken. Das Konzept der Stadtplaner erschließt sich mir nicht.

Hat die Sanierung auch Vorteile? Ich finde, das Viertel wurde zu einer Insel umgebaut, die man nur noch schwer erreichen kann: Wer wenig Zeit hat, kann schlecht mal eben kurz parken. Ich sehe da keine Vorteile, weder für Anwohner noch für Gewerbetreibende.

Was passiert, wenn die Stadtplanung in dem Stil fortschreitet? Ladenmieten werden unerschwinglich. Kreative können sich noch weniger präsentieren, Stadtbild und kulturelle Landschaft werden zur Ödnis. Genauso wichtig allerdings: Konsumenten müssen auch in diese Viertel gehen – selbst wenn es teurer ist als bei H&M -, und das Selbstbewusstsein haben, Marken zu tragen, die noch keiner kennt.

Was wünschen Sie dem Karoviertel? Dass es sich als Designviertel weiterhin behauptet und sich hier kein O2-Shop oder Budni ansiedelt.

Anna Fuchs Tipps:
Mess: Ein wunderbares Restaurant: klein, behaglich und kreativ. Seit Jahren einer der Glanzpunkte des Viertels.
AG999: Bekannt wurde der Goldschmied Neil Saad durch seine Sankt-Pauli-Kollektion und filigranen Stadionringe. Aber auch seine anderen Schmuckstücke sind es in jeder Hinsicht wert, getragen zu werden.
Inga Thomas Modellschuhe: Inga Thomas‘ Schuhe sind einzigartig. Und sie stellt sie von der Sohle bis zu den Riemchen selbst her, nach eigenen Entwürfen.

Auf der nächsten nächsten Seite verrät Tätowierer Moe Ness seine Tipps.


Moe Ness, 30, arbeitet seit acht Jahren im Karoviertel. Als Tätowierer. Bei Jungbluth, dem wahrscheinlich besten Tattoo- und Piercing-Studio der Stadt. Eigentlich kommt er aus Braunschweig, hat aber bis 2001 quer durch die Republik gewohnt.

Im Karoviertel fangen die Tage später an. Die meisten Läden öffnen frühestens um elf. Es ist schon etwas anders hier. Und ziemlich familiär. Man geht sich schon mal auf einen Kaffee besuchen. Jeder kennt jeden beim Namen, anders geht es auch nicht, es ist ja so klein hier.

Gerade stehen Pläne an, nach der Karolinenstraße auch die Marktstraße umzubauen. Ja, furchtbar. Das schlechte Beispiel haben wir ja mit der Schanze direkt vor der Tür.

Wie meinen Sie das? Die Investoren bekommen die Leute auf normalem Wege nicht raus, deswegen wird saniert, die Mieten steigen horrend. Wir haben Glück, unser Haus gehört der Saga. Aber viele sind schon in privater Hand. Das Viertel lebt ja eigentlich von den kleinen Läden, die nicht unbedingt lange existieren, den Künstlern und Designern, die sich hier einen Namen machen können und dann weiterziehen – denen wird mit den Preisen aber die Basis genommen. Der Lebensnerv des Viertels wird abgeklemmt, das Angebot wird dem rund um das Schulterblatt immer ähnlicher. So etwas wie einen Levi’s Store braucht hier kein Mensch, wenn man so etwas sucht, fährt man in die Innenstadt. Aber bald werden nur noch Konzerne diese Mieten zahlen können. Hier wird saniert, bis der Charme des Viertels tot ist.Würdest du hier gern wohnen? Um ehrlich zu sein: nein. Ich bin den ganzen Tag hier, oft bis spät in die Nacht, denn wir arbeiten manchmal bis halb drei Uhr morgens. Dann bin ich froh, wenn ich in die leise Altstadt von Altona fahren und mich vielleicht noch ein bisschen an die Elbe setzen kann.

Wie lange arbeitest du eigentlich an einem Tattoo? Das kommt drauf an. Normalerweise drei bis vier Sitzungen zu je zwei bis drei Stunden. Große Sachen wie Bodysuits dauern bis zu vier Jahre. Danach bist du entweder zerstritten oder befreundet. Zum Glück eher Letzteres.

Was rätst du Menschen, die sich ein Tattoo machen lassen wollen? Nachdenken. Eine Hauruckaktion hat schließlich Folgen. Und: Fotos angucken, keine Vorlagen.

Was ist das Karoviertel für dich? Die letzte Bastion des Nonkonformismus. Und die ist es mehr als wert, erhalten zu bleiben.

Moe Ness Tipps:
Café Klatsch: Bis zum Abend lässt es sich hier lecker frühstücken. Und das in wirklich entspannter Atmo-sphäre. Die hilft auch gegen die hektische Sanierungsbetriebsamkeit im Viertel.
Mangold: Eins a sind nicht nur die Bratkartoffeln hier, die es auf besonders nette Nachfrage auch vor 15 Uhr gibt. Zum Mittagessen treffen sich hier die Anwohner und Angestellten des Viertels. Weil es günstig ist und extrem lecker.
Sneakology: Vorn gibt es feine Musik von Groove City, hinten im Laden gibt es Sneaker, die nicht jeder trägt, aber alle, die Sneaker lieben, haben wollen.